Kapitel 20: Kevin ist wieder da – diesmal mit Bartflaum
Kevin ist wieder da – diesmal mit Bartflaum
Halde Hoheward: Der Ort, an dem Kevin das Ruder übernahm.
Eigentlich hätte das Buch doch hier enden können, oder?! Nach einer anstrengenden Welpenzeit, in der Gubacca meine Geduld fast täglich bis zum Zerreißen gedehnt hatte, hätte ich mich entspannt zurücklehnen dürfen. Aber das Leben hat sich nicht mit meiner entspannten Zurücklehn-Fantasie abgesprochen – die nächste Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten. Kevin war plötzlich wieder da. Unverkennbar. Unaufhaltsam. Und mit ihm das Chaos.
Dabei war es eine Zeit lang fast unheimlich friedlich geworden. Es waren die Wochen, in denen ich morgens nicht mehr mit dem Gefühl aufwachte, direkt in ein Krisengebiet zu ziehen. Stattdessen war ich überzeugt, am Ziel meiner Träume – ganz ungetrübt von schlaflosen Nächten – angekommen zu sein: Ein Hund, den ich überall problemlos mitnehmen konnte, der sich unterwegs vorbildlich benahm und der mir sogar im Biergarten brav zu Füßen lag – wer hätte daran noch vor ein paar Wochen geglaubt? Nachdem ich gelernt hatte, meinen Blick nicht mehr nur auf das zu fixieren, was schieflief, kam Gubacca dem Idealbild eines unkomplizierten Begleiters unheimlich nahe. Sogar das Alleinbleiben klappte ohne Dekorationswut. Ich begann mich dabei zu erwischen, wie ich innerlich fast überheblich dachte: So schwer war das jetzt doch gar nicht, oder? Ich klopfte mir im Geiste selbst auf die Schulter für diesen Erziehungserfolg.
Doch während ich noch meinen vermeintlichen Sieg feierte, packte Kevin im Hintergrund schon seinen Koffer. Und diesmal kam er nicht als kleiner Welpen-Rowdy zurück. Diesmal war er ein „Pubertier“.
Es fing so harmlos an. Trotz Beinchenheben und fleißigem Markieren wirkte Gubacca oft noch wie ein niedlicher Welpe. Er liebte seinen „Knut“ – ein riesiges Stofftier vom Schweden-Haus. Wenn er ihn triumphierend durch das Zimmer schleifte, mit ihm wild rangelte und danach selig mit ihm im Korb einschlief, sah er so unschuldig aus. Ich dachte wirklich: „Wir haben es im Griff. Er wird erwachsen, aber er bleibt mein ‚kleines Lockenköpfchen‘. Ein Trugschluss, wie ich sehr bald feststellen musste.
Dann kam der Tag auf der Halde Hoheward. Ein Ort, den ich mit Chiru geliebt hatte und den ich nun mutig mit Gubacca erkunden wollte. Ich war perfekt ausgerüstet. Ich hatte sogar – Schande über mein Erziehungshaupt – die alte Flexileine von Chiru eingepackt. Ein kleiner Rückfall in altes Sicherheitsdenken, aber ich wollte auf der Halde einfach kein Risiko eingehen.
Kurz vor der Aussichtsplattform passierte es. Ohne jede Vorwarnung stand er plötzlich wieder vor mir: Kevin. Ich hatte ihn innerlich längst verabschiedet, ihn als anstrengende Erinnerung an die Welpenzeit abgehakt – doch jetzt war er wieder da. Unverkennbar Kevin, nur lauter, stärker und mit einer ordentlichen Portion Pubertäts-Wahn im Gepäck. In die Leine beißen, mich anspringen, hysterisches Bellen – das volle Programm, das wir eigentlich längst hinter uns geglaubt hatten. Auf der Plattform angekommen, war ich völlig durchgeschwitzt (und es lag nicht an den 16 Grad). „Kevin“ war mittlerweile im Drehkreisel-Modus und versuchte, sich selbst in den Schwanz zu beißen. Von der Aussicht bekam ich nichts mit. Ich sah nur die Trümmer meiner mühsam aufgebauten Erziehungs-Idylle.
Auf der Heimfahrt ratterte mein Kopf. Was war das denn jetzt gewesen? Hinter diesem Problem hatte ich doch schon einen dicken Haken für erledigt gesetzt. Als wir endlich wieder zu Hause ankamen, schoss Gubacca wie ein Irrer durch die Haustür. Ein Blick in mein Gesicht reichte meinem Mann, um zu wissen, dass der Haldenausflug wohl doch nicht so idyllisch verlaufen war, wie ich es mir in meinen schönsten Farben ausgemalt hatte. Und wie schon damals in der Welpenzeit entfachte sofort die gleiche Diskussion zum Thema Auslastung.
„Der Hund muss müde sein, dann ist er auch entspannter“, stellte mein Mann fest, während er versuchte, seine Standfestigkeit gegen Kevin zu verteidigen. „Du musst jetzt größere Runden machen, power ihn endlich mal richtig aus! Er ist kein Welpe mehr, Bine. Jetzt gilt deine alte Fünf-Minuten-Regel wohl nicht mehr, oder?“
Ich atmete tief durch. Es war ein Déjà-vu par excellence. „Nein“, setzte ich an und merkte selbst, wie mein Dozenten-Modus ansprang, „das ist genau der falsche Weg. Je mehr Action wir jetzt machen, desto höher schießt sein Stresslevel. Er wird dadurch nicht müde, sondern nur noch dünnhäutiger. Er braucht Ruhe, um...“
Mein Mann rollte so intensiv mit den Augen, dass ich fast Angst um seine Sehnerven bekam. „Spar dir den Vortrag, Bine. Mittlerweile weiß ich, wie ein Gos d’Atura deiner Meinung nach tickt, das musst du mir nicht zum hundertsten Mal erklären“, unterbrach er mich genervt. „Hör doch einfach mal auf mich und lass ihn mal ordentlich rennen, anstatt immer nur alles zu analysieren.“
Er hatte diesen Blick drauf, der sagte: Du verkomplizierst alles. Und ich? Ich war so erschöpft von der Szene auf der Halde, dass mein Schutzwall aus Fachwissen bröckelte. Vielleicht hatte er ja recht? Vielleicht war ich wirklich zu verkopft? Für ihn war „Auspowern“ das Allheilmittel für alles – für mich war es der direkte Weg in den Wahnsinn. Trotzdem nagten die Zweifel. Was, wenn er diesmal recht hatte?
Ich probierte es am nächsten Tag aus. Nach einer ausgiebigen Tobe-Runde mit Dexter, bei der die beiden über die Wiesen gefegt waren, hängte ich noch einen großen Spaziergang dran. Ich ließ ihn rennen, forderte ihn auf, noch mal richtig Gas zu geben – ganz so, wie es die Theorie vom ‚ausgepowerten Hund‘ verlangte.
Das Ergebnis? Eine matschige Hose und 18 Kilo Hund, die mich mit voller Wucht ansprangen. Kevin hatte beim Bremsen nicht nur vergessen, dass ich dort stand – wahrscheinlich hatte er in seinem Geschwindigkeitsrausch sogar vergessen, wer ich überhaupt war. Er war nicht müde, er war völlig von der Rolle.
Die Ohren waren nun endgültig nur noch Deko, die Impulskontrolle war im Dauerurlaub. Ich wusste damals noch nicht, was die kommenden Monate bereithielten. Aber eines war klar: Wir waren nicht auf der Zielgeraden. Wir waren in der Achterbahn. Und Kevin saß auf dem Logenplatz.
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