Kapitel 2: Abschied und Neuanfang
Abschied und Neuanfang
Mein Seelenhund Chiru. Zehn Jahre waren einfach nicht genug.
Ich war felsenfest davon überzeugt, dass Chiru steinalt werden würde. Er war nur selten krank und ein Hund voller Energie. Es gibt Hunde, die mit wenig Bewegung gut zurechtkommen. Chiru gehörte nicht dazu. Große Spaziergänge, weite Wege, das Flitzen über eine Wiese – das war für ihn Lebensqualität. Mit acht Jahren tauchten plötzlich massive Rückenprobleme auf.
Es folgte eine Zeit mit Cortison, Schonprogramm und vielen Regeln. Kein Rennen, kein Spielen, keine Sprünge. Für einen Hund wie Chiru war das die Höchststrafe. Für mich auch. Trotzdem zog ich es mit ihm durch. Ich hielt mich an jeden Plan und klammerte mich an die Hoffnung, dass es wieder besser werden würde, wenn wir nur diszipliniert genug waren. Dass diese Rückenschmerzen ein Symptom von etwas viel Größerem sein könnten, kam mir nicht in den Sinn.
An einem ganz gewöhnlichen Samstag bemerkte ich beim Streicheln zwei große Beulen an seinem Hals. Noch bevor ich beim Tierarzt war, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Die Diagnose kam ohne Umwege: Lymphdrüsenkrebs. In den Tagen danach baute Chiru körperlich stark ab. Es ging schnell. Viel zu schnell. Exakt eine Woche nach der Diagnose mussten wir ihn einschläfern lassen.
In diesem Moment schwor ich mir: Nie wieder. Ich glaubte, nie wieder unbekümmert mit einem Tier umgehen zu können. Ich hatte Angst, einen Hund zu streicheln, ohne sofort zu prüfen, ob da etwas ist. Eine Angst, die mich, wenn ich ehrlich bin, bis heute begleitet. Chirus Tod riss eine Lücke, die sich durch meinen gesamten Alltag zog. Die Stille im Haus war keine Abwesenheit von Geräuschen. Sie war eine physische Last. Es dauerte lange, bis ich seine Sachen wegräumen konnte. Sein Körbchen blieb noch monatelang an seinem Platz. Es war mein privater Ort zum Trauern.
Und dann kam die Zeit danach. Diese merkwürdige Phase, in der man eigentlich nichts will und trotzdem anfängt zu suchen. Nicht nach einem neuen Hund. Das hätte ich mir nie eingestanden. Aber ich begann, wieder Hunde anzusehen. Ganz vorsichtig. Ohne Ziel. Meist spät abends. Ich klickte mich durch Bilder und Videos, ohne zu wissen, wonach ich eigentlich suchte.
Eines Abends stieß ich zufällig auf ein Video von einem Hund, der aussah wie Chiru. Nur ein bisschen größer. Ich weiß noch genau, wie elektrisiert ich in diesem Moment war. Ich bekam Gänsehaut, weil es sich anfühlte, als würde ich ihn noch einmal sehen. Es war ein Gos d’Atura. Die Rasse, in die ich mich durch Lola schon einmal verliebt hatte. Rückblickend weiß ich, wie trügerisch das war. Es gibt Gos, die Chiru zum Verwechseln ähnlich sehen, aber das ist vielleicht jeder zehnte. Und bei Welpen sieht man davon erst einmal gar nichts. Die ähneln sich viel zu sehr. Trotzdem klammerte ich mich an diesen Gedanken. An die Vorstellung, dass es vielleicht doch möglich sein könnte, ein Stück von Chiru wiederzufinden. Nicht, um ihn zu ersetzen. Sondern, um diesen Verlust irgendwie ertragen zu können.
In mir begann etwas zu arbeiten. Ich vermisste meinen Alltag mit Hund. Die Spaziergänge, die Routinen, dieses selbstverständliche Miteinander. Gleichzeitig fühlte sich allein der Gedanke an einen neuen Hund wie ein Verrat an Chiru an. Trotzdem verschob sich etwas. Mit der Zeit wurde der Wunsch stärker, ihm zumindest optisch noch einmal zu begegnen. Die Vorstellung von einer Art XXL-Version von Chiru ließ mich nicht mehr los.
„Ich vermisse es“, sagte ich irgendwann zu meinem Mann. Er wusste sofort, was ich meinte. „Ich weiß“, antwortete er. „Aber ich kann das nicht noch einmal.“ Wir saßen nebeneinander. Kein Streit, kein Drama. Nur dieses unausgesprochene Wissen, dass wir gerade an unterschiedlichen Stellen standen.
„Ich will keinen Ersatz“, sagte ich. „Ich weiß, dass das nicht geht.“ Er nickte. „Genau davor habe ich Angst. Dass ein neuer Hund immer an Chiru gemessen wird.“ Eine Weile sagten wir nichts. „Wenn überhaupt“, meinte er schließlich, „dann wieder ein Tibet Terrier. Das kennen wir. Damit können wir umgehen.“
Ich verstand ihn. Wirklich. Aber in mir hatte sich der Gedanke längst verschoben. „Und der Gos?“, fragte ich vorsichtig. Er verzog das Gesicht. „Das ist für mich eine ganz andere Hausnummer.“ Alles, was er darüber gelesen hatte, klang für ihn nach Arbeit, Verantwortung und möglichen Problemen. Anspruchsvoll. Arbeitshunde-Typ. Braucht konsequente Führung. Ich nickte. Und wusste, dass mich dieser Gedanke nicht mehr loslassen würde.
Ich versuchte, Überzeugungsarbeit zu leisten, bewaffnet mit meinem eher „halbseidenen“ Rassewissen aus nächtlichen Google-Sessions. „Schau mal“, erklärte ich ihm, „die sind eigenständig und haben Charakter. Das ist kein Ja-Sager.“ Ich wusste, dass ihm genau das an Chiru immer gefallen hatte. Auf der Suche nach einem Strohhalm stieß ich auf eine Züchterin, die früher selbst einen Tibet Terrier hatte und später zum Gos gewechselt war. Wenn jemand verstand, was wir an Chirus Wesen geliebt hatten und warum der Gos sich für mich wie eine logische Fortsetzung anfühlte, dann sie.
Am Telefon sagte sie einen Satz, der bei mir hängen blieb: „Ein Gos wird Chiru nicht ersetzen. Aber er wird gemeinsam mit dir eine neue Geschichte beginnen.“
Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Nicht, weil er alles beantwortete. Sondern weil er etwas in mir in Bewegung setzte. Ich ließ mich auf ihre Warteliste setzen. Und damit begann für mich ein seltsamer Schwebezustand zwischen Vorfreude und Panik. Was, wenn ich noch nicht bereit war? Was, wenn ich dem neuen Hund beim ersten Blick vorwerfen würde, dass er nicht Chiru ist?
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