Kapitel 19: Zwei Welpen - zwei Strategien
Zwei Welpen, zwei Strategien: Vergleich zwecklos
Rennen statt Raufen: Gubacca in seinem Element
Nach dem Fiasko in der Welpengruppe stand für mich fest: Da gehen wir nie wieder hin. Biggi hatte von der Situation nichts mitbekommen, sie war mit Dexter in einer anderen Gruppe. Trotzdem war sie sofort solidarisch. „Wir suchen uns einfach eine eigene Trainerin!“, schlug sie vor, als ich sie an diesem Sonntag wutschnaufend anrief.
Erst wollte ich reflexartig sagen, ob das nicht ein bisschen zu viel wäre für zwei so junge Hunde. Einzeltraining. Für Welpen. Das klingt erst mal so, als hätte ich meinem Hund jetzt einen persönlichen Coach gebucht, inklusive Abschlusszertifikat. Ich wollte ja keine Wunder. Ich wollte nur, dass es sich für beide Hunde richtig anfühlt.
Aber dann musste ich sofort daran denken, wie unterschiedlich sich Dexter und Gubacca beim Spielen gerade entwickelten. Dexter wurde körperlich immer präsenter. Nicht böse, nicht rabiat, einfach mehr Hund. Mehr Masse, mehr Power, mehr „komm, wir klären das kurz über Körper“. Und Gubacca hatte entdeckt, dass man Konflikten auch aus dem Weg gehen kann, indem man schneller ist als sie. Er wollte rennen. Flitzen. Kreise ziehen. Und wenn es ihm zu wild wurde, versuchte er nicht gegenzuhalten, sondern sich rauszuwinden.
Trotzdem hatten beide eine enge Bindung zueinander. Sie sahen sich fast täglich, und es war jedes Mal wieder dieses vertraute „Da bist du ja!“. Dieses Gefühl von: Wir gehören zusammen. Und genau deshalb merkte man so deutlich, wenn es zwischen ihnen kurz knirschte. Nicht weil sie sich nicht mochten, sondern weil ihre Art zu spielen langsam auseinanderlief.
Biggi rief Marion an. Als Marion hörte, wie jung die beiden noch waren, war sie erst einmal irritiert. „So junge Hunde im Einzeltraining?“, fragte sie. Normalerweise wurde sie erst gerufen, wenn das Kind schon im Brunnen gefallen war. Aber sie fand die Idee spannend, zwei so anspruchsvolle Rassen beim Erwachsenwerden zu begleiten.
Einmal die Woche trafen wir uns auf ihrem Platz. Und es war eine Erleichterung. Marion schaute nicht nur auf Verhalten, sie schaute auf Beziehung. Sie half uns, das Spiel der beiden in Bahnen zu lenken, die sich für alle gut anfühlten. Dexter lernte ein Abbruchsignal, wenn er Gubacca zu sehr bedrängte. Nicht, weil Dexter „zu viel“ war, sondern weil er lernen sollte, dass Kraft nicht automatisch das letzte Wort hat. Und Gubacca lernte, Regeln zumindest erst einmal anzuhören, bevor er sie souverän ignoriert.
Während die Hunde Fortschritte machten, schlich sich bei mir ein Gefühl ein, das ich so vorher nicht kannte: der Vergleich. Bisher waren Biggi und ich Leidensgenossinnen gewesen. Beide Welpen waren spät stubenrein, beide kauten an unseren Klamotten, beide hatten die dollen fünf Minuten. Aber jetzt teilte sich zum ersten Mal unser gemeinsamer Weg.
Dexter nahm Marions klare Ansagen oft sofort an. Nicht unterwürfig, nicht geschniegelt, sondern konzentriert. Als würde er denken: Okay, verstanden, machen wir so. Und Gubacca? Der machte das auch. Er hörte zu. Er nahm es wahr. Er schaute Marion sogar an, als würde er wirklich ernsthaft prüfen, was sie da gerade erzählt. Und genau dann kam dieser Gos-Moment: Er stellte grundsätzlich erst einmal die Frage, ob das überhaupt nötig ist. Nicht aggressiv. Nicht frech. Eher so, als würde er innerlich die Hand heben und sagen: „Ich hätte da eine Rückfrage. Zwei. Oder drei.“
Und wenn er merkte, dass er aus einer Nummer nicht rauskommt, entwickelte er eine ganz eigene Strategie: Er verschwand. Auf dem Platz stand ein riesiger Agility-Tunnel. Ein Stoff-Monster. Sobald Gubacca keine Lust mehr auf eine Übung hatte, flitzte er rein. Ich stand dann draußen, rief, lockte, schimpfte, und sah am anderen Ende nur ein lockiges Hinterteil. Manchmal auch gar nichts, weil er diese unheimliche Begabung hatte, im Tunnel so zu liegen, dass man ihn einfach nicht mehr zu Gesicht bekam.
„Warum bekommt Biggi das besser hin als ich?“, fragte ich mich viel zu oft. Und das Gemeine daran war: Dexter war kein Befehlsempfänger. Der war genauso selbstständig, nur auf eine andere Art. Es wirkte nur so, als würde er sich leichter lenken lassen.
Dabei hatten sich die Charakterunterschiede bei den beiden schon viel früher gezeigt. Am Anfang war es oft Gubacca, der punktete. Er war neuen Situationen gegenüber mutiger. Dexter war zögerlicher. Und manchmal war Gubacca wie ein kleiner Türöffner. Dexter sprang zum Beispiel in den Kofferraum, weil Gubacca es ihm vorgemacht hatte. Wenn Dexter unsicher war, ließ er sich von Gubacca mitziehen. Ich freute mich über meinen mutigen Spanier. Das fühlte sich an wie Jackpot.
Nur hatte diese Medaille eine Kehrseite. Dexter, mit seiner vorsichtigeren Art, schloss sich enger an Biggi. Er suchte Orientierung, hielt sich an sie, nahm sie ernst. Und Gubacca? Der war der Meinung, er hätte grundsätzlich alles alleine im Griff. Nicht aus Trotz, sondern aus Überzeugung. Als würde er sagen: Keine Sorge, ich habe einen Plan. Ich verrate ihn nur nicht.
Marion versuchte mich zu beruhigen: „Dexter orientiert sich gern am Menschen. Er sucht Führung, wenn er sie braucht. Gubacca sucht eher die eigene Lösung. Der macht das nicht gegen dich, der macht das für sich.“ Das half. Ein bisschen. Und gleichzeitig dachte ich: Super. Ich habe also die größere Herausforderung. Ich habe nur einen Hund, der sich nach einer Übung kurz schüttelt und so tut, als hätte es diese Übung nie gegeben. Und ja: Das ist beeindruckend. Leider nicht in meinem Sinne.
Dabei liebten beide den Platz. Und wie. Das Training war für sie keine Pflicht, sondern eine Art Spiel mit Regeln. Übungen, kurze Pausen, dann wieder Spiel. Dexter und Gubacca machten mit, als hätte Marion heimlich Leberwurst in der Stimme. Wenn man uns in dieser Zeit nur dort gesehen hätte, hätte man denken können: Ach guck, läuft doch. Nur leider löst ein perfektes „Bei Fuß“ auf einem eingezäunten Platz keine Probleme im echten Leben.
Je deutlicher sich die Unterschiede zeigten, desto öfter musste ich an zwei Szenen aus der Welpen-Fotocloud der Züchterin denken. Damals hatte ich sie eher als niedlich abgespeichert. Heute fühlten sie sich wie kleine Hinweise aus der Vergangenheit an, die ich einfach falsch sortiert hatte. Da war zum Beispiel Gustav. Der war immer der Mutige. Der, der vorneweg ging. Gubacca wirkte daneben eher wie der, der sich erst mal alles in Ruhe anguckt. Langsamer. Bedächtiger. Ich hatte damals gedacht: Wenn einer anstrengend wird, dann wahrscheinlich Gustav, der Draufgänger.
Die Züchterin hatte nur gelacht und meinte, genau das sei der Irrtum. Gustav sei zwar schnell vorne, aber auch schnell im Bockshorn zu jagen. Gubacca dagegen brauche manchmal einen Moment, aber wenn er sich entschieden habe, könne ihn so leicht nichts mehr aus der Bahn werfen. Das war keine Langsamkeit. Das war Stabilität. Und dann war da dieses Welpenspiel kurz vor seinem Auszug. Gubacca war mit einer seiner Schwestern bei der Züchterin, und ich wunderte mich, warum sie nicht Gustav mitgenommen hatte, der doch immer so forsch war. Sie grinste nur und meinte: „Gubacca ist genau der Richtige für so ein Abenteuer. Der kann das.“
Und sie hatte recht. Gubacca sog die neuen Eindrücke auf, als wäre das sein Element. Wach, präsent, begeistert. Und als er für sich entschied, dass es jetzt reicht, verschwand er in den Tunnel und schlief. Nicht aus Überforderung. Sondern, weil er das konnte. Abschalten, mitten im Trubel. Das konnte er später bei uns auch. Renovierung, neue Wohnzimmerfenster, Lärm, Handwerker, Chaos. Und Gubacca rollte sich irgendwo ein und schlief, als wäre das alles sein persönliches Hintergrundrauschen. Wenn man es fachlich nennen will, ist das Selbstregulation. Ich nenne es heute: Lebensrettung.
Und tatsächlich entwickelte sich unsere Bindung in dieser Zeit spürbar. Gubacca und ich wurden ein Team. Er wirkte angekommen. Ich war ehrlich gesagt davon ausgegangen, dass ich seine Fix-Person werden würde. Ich verbrachte die Zeit mit ihm. Ich übte mit ihm. Ich dachte, er würde sich an mir festmachen, wie man das so romantisch im Kopf hat, wenn man das Wort Bindung sagt. Und dann stellte sich heraus, dass Gubacca andere Pläne hatte.
Er entwickelte ein Begrüßungsritual, das so gerecht war, dass es fast mathematisch wirkte. Wer zuerst zur Tür reinkam, wurde zuerst begrüßt. Und danach kam der andere. Exakt die gleiche Zeit. Kein Bevorzugen. Kein „aber du bist doch…“. Als hätte jemand im lockigen Kopf eine Stoppuhr eingebaut. Ich hätte das einfach nur witzig finden können. Tat ich auch. Und gleichzeitig war da dieses leise, kindische „hä?“ in mir. Weil ich ja fest damit gerechnet hatte, dass ich automatisch die Hauptrolle spiele. Pustekuchen. Gubacca hatte Platz für Team. Nicht für Ein-Mensch-Hund-Romantik. Und irgendwie war das sogar tröstlich, wenn ich ehrlich bin.
Trotzdem fühlte ich mich zum ersten Mal seit Langem wieder auf der Zielgerade. Wir hatten Struktur. Wir hatten Fortschritte. Wir hatten sogar so etwas wie Frieden. Ich lehnte mich innerlich zurück, klopfte mir sanft auf die Schulter und genoss diese Stille.
Es war dieser kurze, trügerische Moment, bevor man im Film merkt, dass das Monster noch gar nicht besiegt ist. Denn während ich noch über Entschleunigung und Bindung philosophierte, packte Kevin im Hintergrund schon seinen Koffer. Er war bereit für die nächste Phase. Die Phase, vor der alle Hundebesitzer zittern, aber die ich in meiner Euphorie völlig verdrängt hatte:
Die Pubertät
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