Kapitel 18: Wer austeilt, muss auch … gar nichts!
Wer austeilt, muss auch... gar nichts!
In der Falle: Der Moment, in dem aus Spiel bitterer Ernst wurde.
Nicht nur in mir bewegte sich in dieser Zeit etwas, auch Gubacca veränderte sich. Die Stunde im Welpenspiel begann eigentlich vielversprechend. Die wilde Rauferei, die ihn in den ersten Wochen ausgezeichnet hatte, war einer neuen Vorliebe gewichen: dem Rennen. Keine Rangeleien mehr, kein unnötiges Kräftemessen, einfach nur das pure Vergnügen, mit einem anderen Welpen um die Wette zu flitzen. Ich freute mich ehrlich darüber. Es fühlte sich an, als hätte er einen Weg gefunden, sich auszuleben, ohne ständig irgendwo anzuecken.
Und dann kam dieser eine Moment, in dem mein Bauch schneller war als mein Kopf. Kaum waren die Hunde abgeleint, rannte Gubacca direkt auf die anderen zu. Die junge Hovawart-Hündin erstarrte kurz, dann warf sie sich mit ihrem ganzen Gewicht auf ihn. Ausgerechnet sie, eines der Geschwister, mit denen er sich in der ersten Stunde noch so wilde Kämpfe geliefert hatte. Nur dass es sich diesmal nicht nach „fröhlichem Quatsch“ anfühlte, sondern nach: zu viel.
Und Gubacca? Er lag einfach nur da. Keine Gegenwehr, kein spielerisches Zurückärgern, kein „und jetzt du“. Er blieb liegen, leckte ihr vorsichtig die Lefzen, eine deutliche Beschwichtigungsgeste. Sein Körper wirkte dabei nicht locker, eher klein. Die Rute zuckte kurz, seine Augen flackerten, und dieses Spielgesicht, das Hunde sonst haben, wenn sie es wirklich witzig finden, war nicht da. Mein Bauchgefühl zog sich unangenehm zusammen.
Schon in den vorigen Stunden hatte ich gemerkt, dass sich die Dynamik verschob. Aus dem anfänglich ausgelassenen Raufen wurde Gubacca zunehmend der, dem man hinterherjagte. Er bot alles an, was ich inzwischen als „Bitte lass mich in Ruhe“ lesen konnte: auf dem Rücken liegen bleiben, beschwichtigen, wegdrehen, kurz einfrieren. Nur änderte es nichts. Und als er an diesem Tag nach dem zweiten Ableinen sofort demütig auf die anderen Hunde zuging, als würde er sich vorsorglich entschuldigen wollen, brach es mir fast das Herz.
Ich sprach die Trainerin darauf an. Ich war in dieser Phase, in der man denkt: Die wird das schon einschätzen können. Dafür bin ich ja hier. Ihre Antwort kam ruhig und routiniert, fast so, als wäre das ein Standardfall: „Wer austeilt, muss auch einstecken können.“
In mir machte es klick. Eine grobe Fehleinschätzung. Was sollte Gubacca hier lernen? Dass seine Signale nichts wert sind? Dass er es einfach schlucken muss, weil er am Anfang mal zu forsch war? Ich beschloss, ihn aus der Situation zu nehmen und führte ihn abseits zum Tunnel, eines seiner liebsten Spiele. Er rannte begeistert hindurch, drehte um und sprang noch einmal hinein. Für einen Moment dachte ich: Okay. Hier. Hier kann er wieder unbeschwert sein.
Doch kaum war er auf halber Strecke, folgten ihm die beiden Hovawart-Geschwister. Von außen konnten wir nicht sehen, was im Inneren des Tunnels passierte. Die Stoffröhre lag so, dass man nur den Ausgang gut im Blick hatte. Und genau dort tauchte Gubacca plötzlich auf. Fast draußen. Nur kam er nicht raus.
Er schaffte es bis kurz vor den Tunnelausgang, dann stoppte er abrupt, als wäre da eine Wand. Sein Kopf war einen Moment sichtbar, dann wurde er wieder zurückgedrückt. Der Tunnel wackelte, es rumpelte dumpf, und dieses Geräusch, wenn Stoff über den Boden schabt, während innen etwas hin und her gedrückt wird, sprach eine sehr deutliche Sprache.
„Holt eure Hunde da bitte raus“, sagte ich zu den Besitzerinnen. Sie riefen ihre Hunde zu sich und holten sie aus dem Tunnel. Gubacca kam heraus, schüttelte sich einmal kräftig, als müsste er das Ganze von sich abstreifen, und lief ein paar Schritte weg. Ich atmete auf. Für zwei Sekunden. Denn kaum war er wieder in Bewegung, drangsalierten die beiden ihn wieder. Wieder Tunnel. Wieder hinterher. Wieder dieses enge Gedränge, das nicht nach Spiel aussah, sondern nach „wir testen mal, wie viel du schluckst“.
Diesmal saß er regelrecht in der Falle. Wieder sah ich ihn am Ausgang, dieses hektische Blinzeln, diese kleine, unruhige Bewegung seiner Rute, die nicht „yeah“ sagte, sondern „bitte nicht“. „Nehmt sie da jetzt raus“, forderte ich, laut genug, dass es keine höfliche Bitte mehr sein konnte.
Sie reagierten, riefen ihre Hunde zu sich und holten sie aus dem Tunnel. Kein Drama, keine Entschuldigung. Eher so, als würde man kurz eingreifen, und dann hakt man es ab. Und genau da spürte ich diesen typischen Reflex: Beim eigenen Hund reicht ein falscher Blick und die Welt steht kurz still. Beim fremden Hund wird es erstaunlich schnell zu „die regeln das schon“. Sie holten ihre Hunde, ja. Aber die Haltung dahinter fühlte sich an wie: halb so wild.
Die Trainerin blieb stehen, beobachtete kurz und schüttelte den Kopf. Nicht genervt, eher überzeugt. „Das ist doch eine normale Rangelei. Das muss Gubacca aushalten können.“ Etwas in mir fror ein. „Wie bitte?“ „Na ja“, sagte sie und zuckte mit den Schultern, „wenn es ihm nicht passt, kann er ja aufquietschen. Oder den Tunnel meiden. Hunde regeln das schon.“
Ich starrte sie an. In diesem Moment wurde mir etwas klar, das ich vorher nicht wahrhaben wollte: Wie schnell man Verantwortung abgibt, wenn jemand „Trainerin“ heißt. Wie schnell man sich selbst einredet, dass das komische Gefühl bestimmt übertrieben ist. Man steht am Tor des Hundeplatzes und hängt seinen Instinkt an den Haken, weil man ja schließlich herkommt, um es richtig zu machen.
Nur: Richtig fühlt sich manchmal eben nicht nach „Regel“ an, sondern nach „Stopp“. „Nein“, sagte ich schließlich laut. „Das muss Gubacca nicht aushalten.“
Plötzlich war es still auf dem Platz. Ich spürte die Blicke, das Unverständnis darüber, dass ich der Trainerin so offen widersprach. Ich spürte auch mein Herz, das mir bis in den Hals schlug. Für einen winzigen Moment fragte ich mich sogar, ob ich gerade überreagiere. Und dann dachte ich: Selbst wenn – es geht nicht um mich. Es geht um ihn.
Gubacca hatte seinen Stempel als Raufbold weg, und deshalb interessierte sich hier niemand mehr für sein Unwohlsein. Ich ging zum Tunnel, rief ihn heraus und stellte mich vor ihn. Nicht dramatisch. Einfach so, wie man sich vor jemanden stellt, der Schutz braucht. Gubacca kam sofort. Kein Zögern. Kein „ach, ich bleib noch“. Er drückte sich kurz an mein Bein, schüttelte sich noch einmal und blieb dann dicht bei mir.
„Das war doch ein normales Spiel“, murmelte die Trainerin, jetzt fast irritiert. Mag sein, dass es für sie so aussah. Für mich war es das Ende unserer Zeit auf diesem Platz. Ich nahm die Leine, nahm meinen Hund und ging. Draußen, hinter dem Zaun, merkte ich erst, wie sehr ich gezittert hatte. Meine Hände waren kalt, obwohl mir gleichzeitig heiß war. Und Gubacca? Der atmete sichtbar aus. Nicht spektakulär. Kein großer Film. Nur dieses leise „endlich“, das man bei Hunden manchmal sieht, wenn der Druck weg ist.
Ich hatte an diesem Tag nicht gelernt, wie man einen Hund „Sitz“ machen lässt. Ich hatte gelernt, dass man die Verantwortung für sein Tier niemals an der Pforte abgibt, egal, wie viele Zertifikate an der Wand hängen. Und dass „Wer austeilt, muss auch einstecken“ vielleicht in manchen Welten ein schlauer Spruch ist, aber ganz sicher kein Trainingskonzept für einen Hund, der gerade versucht zu sagen: Bitte hör auf.
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