Kapitel 17: Das Ticket für die falsche Bühne
Das Ticket für die falsche Bühne
Oben Schaf, unten Wildschwein: Der Moment, in dem die guten Vorsätze baden gingen.
Eigentlich fing dieser Sonntag richtig gut an. Gubacca hatte sich zum Langschläfer entwickelt, was für mich der pure Luxus war. Keine Runde um sechs Uhr, kein halbwaches Stolpern durchs Wohnzimmer, kein inneres Flehen Richtung Hundekorb. Ich wachte auf, schaute auf die Uhr und dachte kurz: Acht Uhr. Acht! Ich hätte ihm beinahe eine Medaille gebastelt.
Der Vormittag war verregnet, aber ruhig. Ich lag mit einem spannenden Buch auf dem Sofa und schaute rüber zu Gubacca, der in seinem Körbchen schlief – so süß und zusammengerollt, dass man sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass derselbe Hund auch komplett eskalieren kann.
Ich musste wieder an unseren Ostseeurlaub denken – wie pflegeleicht er dort fast schon gewesen war. Die Gründe dafür lagen eigentlich auf der Hand: In unserer verschlafenen Ferienhaussiedlung war die Welt einfach klein und überschaubar. Zu Hause dagegen prasselte der ganz normale Alltag auf ihn ein: Die vielen Hunde in der Nachbarschaft, spielende Kinder und natürlich seine Erzfeinde – Traktoren.
Dazu kam mein eigener Ehrgeiz. Ich wollte ja, dass er all das lernt, und packte deshalb noch den ein oder anderen Ausflug oben drauf. Meine Erkenntnis war eigentlich ganz unspektakulär: Was für mich nach ‚ach komm, das ist doch nur eine kleine Übung‘ aussieht, ist für ihn oft schon das Ende der Fahnenstange. Und wenn das Fass überläuft, kündigt Kevin sich nicht höflich an. Der ist dann einfach da.
Also hatte ich mir vorgenommen, zu Hause genauer hinzugucken. Nicht noch mehr machen, sondern besser auswählen. Ruhiger. Überschaubarer. Und ich war wirklich überzeugt, dass ich das jetzt verstanden hatte.
Und dann kam natürlich die Sonne raus.
Nicht dieses dramatische Wetterumschwung-Ding, eher freundlich. Einladend. So ein „komm, eine kleine Runde geht doch“-Nachmittag. Mein Mann schlug vor, zum Wasserschloss Lütinghof zu fahren. Das ist nicht weit von uns entfernt. Einmal um das Schloss, frische Luft, bisschen bewegen. In meinem Kopf klang das immer noch nach Plan B: rausgehen, aber nicht übertreiben.
Ich zögerte kurz. Mehr aus Gewohnheit als aus einem echten Gefühl heraus. Lütinghof kannten wir, Gubacca kannte es auch. Und ich dachte wirklich: Das ist doch kein Großevent. Das ist ein Spaziergang. Dass Sonntag war. Dass die Sonne nach dem Regen alle nach draußen zog. Dass „Wasserschloss“ nicht nur romantisch klingt, sondern auch sehr viel Wasser, Hunde und Menschen bedeutet – all das sortierte ich irgendwo unter wird schon. Also fuhren wir los. Mit einem Hund, der im Auto entspannt lag. Mit mir, die sich noch ein bisschen zu sicher fühlte. Und mit der leisen Überzeugung, dass ich dieses Mal besser hinschaue.
Direkt nach dem Aussteigen schmiss Gubacca sich mit seiner gesamten Körperkraft in die Leine. Er bellte ununterbrochen, als wollte er jedem im Umkreis von zwei Kilometern lautstark mitteilen, dass er jetzt auch da sei. Bis zu diesem Tag war ich sogar ein bisschen stolz gewesen, weil Hundebegegnungen oft erstaunlich unspektakulär liefen. Er guckte, registrierte – und weiter ging’s. Heute war davon nichts übrig. Nach der fünften Begegnung hatte er offenbar beschlossen, dass er keine Lust mehr hatte, sich einschränken zu lassen. Kevin war nicht nur da – er hatte heute richtig schlechte Laune mitgebracht.
Ich erinnerte mich an diesen einen Tipp der Züchterin: Leine fallen lassen. Solange ich festhielt, wurde die Leine zum Tauziehen. Die Theorie war gut, aber ich stand nun ausgerechnet an einem Ort, der Wasserschloss heißt. Ich ließ los.
Gubacca brauchte keine Sekunde. Er schoss los und war hinter der nächsten Kurve verschwunden. Mein „Gubacca, hier!“ verpuffte wirkungslos. Dass er nicht im Traum daran dachte, nach mir zu schauen, war ja nichts Neues, aber sein Ziel war diesmal strategisch brillant gewählt. Als ich um die Kurve kam, sah ich ihn: Voller Ekstase rein ins Moderloch. Wieder raus. Wieder rein. Mit einer Begeisterung, als hätte er gerade den Sinn des Lebens gefunden – und dieser Sinn war zufällig braun und glitschig.
Ich stand da, starrte auf diesen Matschklumpen mit Augen und dachte nur: Natürlich. Dass er bei Wasser jede Erziehung vergisst, wusste ich. Aber in Kombination mit dem Sonntagstrubel war es die perfekte Eskalation. Um uns herum standen etliche Spaziergänger und amüsierten sich prächtig über das kleine Wildschwein. „Gut, dass das nicht meiner ist!“, meinte ein Mann lachend. „Da haben Sie ja ordentlich zu tun, den wieder sauber zu bekommen.“ Stimmt, dachte ich. Zumindest hatten wir dem Publikum eine humorvolle Vorstellung geboten. Schade, dass ich kein Hütchen dabei hatte – wir hätten im Anschluss sammeln können.
Mein Mann teilte die allgemeine Erheiterung allerdings nicht im Geringsten. Sein Blick sprach Bände, während er wahrscheinlich an sein frisch gesaugtes Auto dachte. Ich wusste genau, was er dachte: Bitte nicht dieser Hund in mein schönes, sauberes Auto. Dummerweise war ich in diesem Moment die ganz liebe Ehefrau und kam ihm zuvor. „Weißt du was?“, sagte ich heldenhaft. „Der Weg von hier nach Hause ist genauso weit wie zum Parkplatz. Ich laufe eben mit ihm zurück!“
Es war eine edle Tat, die ich schon nach wenigen Metern bitter bereuen sollte. Anfangs war es noch lustig. Gubacca hatte eigentlich helles, lockiges Fell, aber mit den tiefbraun schlammigen Beinen sah er einem Schaf zum Verwechseln ähnlich. Die Spaziergänger lachten, ich marschierte gut gelaunt los. Doch dann kam die Hauptstraße. Autos, Lärm, Hektik. Gubacca war nun völlig drüber. Er sprang mich an, hing in der Leine, klebte mir am Oberschenkel. Meine frisch gewaschene Jeans sah nach kürzester Zeit so aus, als hätte ich selbst im Sumpf gelegen.
Ich suchte nach einem Plan. Anbinden und ignorieren, hatte die Trainerin gesagt. Ja, auf dem eingezäunten Hundeplatz eine super Sache. Hier, an der Hauptstraße, eher eine theoretische Mutprobe. In der nächsten Wohnstraße fand ich schließlich einen Zaun, band ihn an und versuchte durchzuatmen. Die Situation geriet völlig aus dem Ruder, als ein anderer Hundebesitzer meinte, er müsste mit seinem Hund in nur wenigen Metern Entfernung stehen bleiben, um sich das Spektakel in Ruhe anzuschauen. Gubacca kläffte lautstark, ich lächelte gequält. Erst als ich den Mann höflich bat, doch bitte einfach weiterzugehen, löste er sich von unserem Drama. Während mein „Schaf“ weiter tobte, hatte ich nur noch ein Problem: Wie um alles in der Welt komme ich hier jemals wieder weg?
Ich weiß nicht wie, aber irgendwann kamen wir dann doch noch zu Hause an. Nicht elegant, nicht entspannt, aber wir waren da. Nach dem Bad schlief Gubacca den Rest des Sonntags, als wäre er das unschuldigste Wesen der Welt. Und während ich ihn so liegen sah, wurde mir klar: Das war kein Gubacca-ist-schwierig-Tag. Das war ein Ich-habe-das-falsche-Setting-gewählt-Tag.
Ein belebtes Wasserschloss am Sonntag war einfach die perfekte Bühne für Kevin – und ich hatte ihm das Eintrittsticket selbst überreicht. Ich musste nicht „besser“ werden. Ich musste nur klüger planen. Und während ich mir den Schlamm von der Hose rieb, dachte ich: Nächstes Mal nehmen wir vielleicht doch lieber den Wald. Oder ein Hütchen zum Sammeln.
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