Kapitel 16: Meer ist auch keine Lösung – aber nah dran
Meer ist keine Lösung – aber nah dran
Neue Kulisse, gleiche Hauptfigur: Am Meer wurde plötzlich alles leichter.
Voreilig wie ich nun mal oft bin, hatte ich unseren Sommer-Urlaub gebucht, bevor Gubacca überhaupt eingezogen war. Damals klang der Plan einfach nur nach Meer und einer verdammt guten Idee. Ich hatte dieses typische Bild im Kopf, das man als Hundemensch automatisch hat: Welpe am Strand, kleine Pfoten im Sand, irgendwo ein Sonnenuntergang. Ich mittendrin, tiefenentspannt. Und ja: in meiner Fantasie war natürlich auch der Hund tiefenentspannt. Dass mein Alltag zu dem Zeitpunkt eher nach Survival-Training für Fortgeschrittene und zerfetzten Souvenirs aussehen würde als nach Postkartenidylle, ahnte ich da noch nicht.
Ganz kopflos war es aber nicht. Ich hatte einen möglichst ruhigen Ort ausgesucht, was mitten in den Sommerferien eine echte Herausforderung war.. Am Ende wurde es Lindhöft an der Ostsee. Nicht Promenade, Eisdiele, Menschenmassen, sondern Natur, Weite, Luft. Ein Ort, der einen nicht sofort anschreit: Willkommen, hier ist alles gleichzeitig.
Als ich Monate zuvor den Haken unter die Reservierung setzte, hielt ich das für vorausschauend. Erst später, als Gubacca tatsächlich bei uns war und unser Alltag plötzlich sehr… „lebendig“ wurde, merkte ich, wie mutig dieser Schritt eigentlich gewesen war. Auf einmal stand da nicht mehr nur die Vorfreude, sondern die nackte Sorge: Kriegen wir das hin? Und während ich äußerlich so tat, als wäre alles völlig normal – „Klar fahren wir in den Urlaub, wird bestimmt toll!“ – lief innerlich eine ganz andere Tonspur: Hochsaison. Menschen. Andere Hunde. Überall Reize. Ein Welpe, der gerade erst lernt, wie Welt funktioniert – und ich, die zu Hause manchmal schon an einem ganz normalen Dienstag ins Schwimmen kam.
Mir war klar, dass es kein gewohnter Erholungsurlaub werden würde. Dafür waren wir noch zu sehr in dieser Findungsphase, in der man jeden Morgen neu austesten muss, welche Version von Hund und Halter heute eigentlich an der Reihe ist. Und irgendwo ganz tief im Kopf stand dieser eine, flehentliche Gedanke: Bitte lass Kevin zu Hause bleiben.
Damit wir im Urlaub nicht völlig unflexibel wären, hatte ich vorher noch ein Projekt gestartet: Das „Gubacca-Taxi“ – ein Fahrradanhänger. Das Problem: Man kann einem Welpen schwer erklären, dass ein Anhänger etwas Tolles ist, wenn er findet, dass schon ein im Weg liegender Ast ein diskussionswürdiges Thema darstellt.
Zum Glück hatte ich Unterstützung. Meine Schwester half beim Üben. Das Ganze sah so aus: Gubacca saß im Anhänger, meine Schwester schob das Fahrrad, und ich lief wie ein Schatten neben ihm her, immer brav in seinem Sichtfeld. Nicht besonders sportlich, eher wie eine Mischung aus Personenschützer und wandelndem Beruhigungsobjekt. Unser Ziel war immer „unsere“ Wiese, wo Biggi und Dexter warteten. Motivation ist eine feine Sache, wenn man sie nicht erklären muss, sondern sie einfach vier Pfoten und eine feuchte Nase hat. Gubacca akzeptierte sein Taxi erstaunlich schnell. Er sprang rein, als hätte er verstanden: Aha. Ich werde hier kutschiert. Angemessen.
Die Anreise an die Ostsee war dann ein Traum, wenn man auf ausgedehnte Stop-and-Go-Erlebnisse steht. Acht Stunden statt der üblichen fünf, strömender Regen und Rastplätze, die aussahen wie ein Festivalgelände nach drei Tagen Dauerparty. Während ich mich innerlich schon in einer Horror-Version unseres Urlaubs sah, bewies Gubacca seine stoische Ruhe: Er verschlief die komplette Fahrt. Tief. Friedlich. Als hätte er einen Exklusiv-Vertrag mit seinem Nervensystem abgeschlossen: Solange der Wagen rollt, bin ich nicht zuständig. Bei den Pausen zeigte sich wieder, wie praktisch es ist, wenn ein Hund auf Kommando sein Geschäft erledigt. Einmal raus, kurz gucken, fertig.
Als wir endlich ankamen, war das Ferienhaus ein Volltreffer. Großer Garten, ruhige Lage – und Gubacca fühlte sich von der ersten Sekunde an wie zu Hause. Er marschierte rein, als hätte er hier schon vor Monaten reserviert. Sofa? Check. Garten? Check. Leben? Läuft. Da war er wieder – dieser Charakterzug, der mich zu Hause oft verunsicherte, hier aber plötzlich ein Segen war: diese totale Selbstverständlichkeit. 500 Meter bis zum Strand. Ich war gespannt. Nicht, weil ich Zweifel hatte, dass er das Wasser finden würde – eher, weil ich wissen wollte, ob er vorsichtig sein würde.
Kaum hatten wir das Meer erreicht, war er nicht mehr zu bremsen. Er stürmte los, als hätte er sein ganzes kurzes Leben lang nur auf diesen einen Moment gewartet. Erst vorsichtig mit den Pfoten ins Flachwasser, dann mit Anlauf durch die Wellen. Das Wasser spritzte, er drehte Kreise, sah mich an und sein Blick schrie: HAST DU DAS GESEHEN? DAS IST JA DER WAHNSINN! Gubacca blieb immer genau so weit drin, dass er noch sicher stehen konnte. Schwimmen stand nicht auf seinem Plan. Sein Plan war: Wellen jagen. Jede anrollende Welle musste eingefangen und zur Strecke gebracht werden. Ich stand daneben, klatschnass und bibbernd – und er war einfach nur glücklich. Pure Lebensfreude. Und ich merkte, wie sich auch in mir etwas löste. Nicht alles, aber genug, um endlich wieder tief durchzuatmen.
Das Beste an diesem Urlaub waren nicht mal die Strände selbst, sondern die Ruhe. Ich hatte mit überfüllten Abschnitten gerechnet, stattdessen fanden wir fast immer menschenleere Stücke. Gubacca konnte laufen. Frei sein. Und plötzlich war er… pflegeleicht. Wirklich. Als hätte jemand den ganzen Alltagslärm aus ihm herausgedreht. Zwischendurch nutzten wir das Gubacca-Taxi. Er saß im Anhänger mit einer Gelassenheit, als wäre er schon immer standesgemäß chauffiert worden. Sobald wir ankamen, sauste er los. Und ich dachte: Okay. Wir haben nicht alles falsch gemacht. Wenigstens dieses eine Training sitzt.
Am Strand entdeckte er noch eine zweite Leidenschaft: Sandlöcher. Ich hatte keine Ahnung, dass ein Hund in Rekordzeit eine halbe Strandburg ausheben kann. Am Ende saß er in seinem Loch wie ein Bauleiter, der kurz überprüft, ob die statischen Maße stimmen. Ich stand daneben und musste lachen. Ein richtiges, leichtes Lachen, ohne Hintergedanke. Abends lag er zufrieden neben mir, und ich stellte mir die Frage: Warum ist er hier so einfach? Lag es an der fremden Umgebung? An der Mischung aus Bewegung und Entspannung? Oder lag es daran, dass ich selbst endlich die Alarmbereitschaft heruntergefahren hatte? Vermutlich alles zusammen.
An einem Abend rief meine Mutter an. Schon ihr Tonfall verriet, dass sie innerlich auf die nächste Katastrophenmeldung eingestellt war. „Und?“, fragte sie vorsichtig. „Wie schlimm ist es wirklich?“ Ich schaute auf meinen Hund, der gerade völlig entspannt dalag, als hätte er in seinem Leben noch nie eine Stofftasche zerfetzt, und sagte: „Er ist gut. Also wirklich gut.“ Man hörte förmlich, wie sie diese Information im Kopf sortieren musste. Dann lachte sie, unendlich erleichtert, und ich lachte mit. Weil ich selbst am wenigsten damit gerechnet hatte.
Natürlich wäre die naheliegende Lösung gewesen, einfach direkt ans Meer zu ziehen. Aber da mir der plötzliche Lottogewinn noch nicht gegönnt worden war, blieb nur Plan B: Zu Hause Dinge verändern und Gubaccas Alltag ruhiger gestalten. Ich wusste, dass zu Hause wieder Herausforderungen auf uns warten würden. Aber ich fühlte mich bereit. Nicht, weil ich plötzlich alles im Griff hatte – sondern weil ich jetzt ein Bild vor Augen hatte, wie es sein kann, wenn die Bedingungen stimmen. Meer geht schließlich immer.
.png)