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Kapitel 15 – Vom Verzweifeln und Weitermachen

Kapitel 15

Die Taschen-Eskalation

Gubacca entspannt im Biergarten

Der Ruhepol vor dem Sturm: Momente wie dieser im Biergarten waren der Grund, warum Aufgeben keine Option war.

Ich saß auf der Terrasse und betrachtete meine Stofftasche, die ich mal als schönes Souvenir aus dem Urlaub mitgebracht hatte. Heute war sie vor allem eines: kaputt. Ein großes, hässliches Loch klaffte im Stoff. Der Weg zum Bäcker war wieder einmal eskaliert, und das hier war das Ergebnis. Eigentlich hatte ich nur frische Brötchen und ein bisschen Wochenend-Gefühl gewollt. Bekommen hatte ich ein Loch, ein paar peinliche Minuten vor mitleidigen Passanten und die Erkenntnis, dass „kurz zum Bäcker“ in meinem Leben gerade ein viel zu optimistischer Satz ist.

Ich ließ die Tasche liegen und setzte mich mit meinem Kaffee in die Sonne. Normalerweise sind das diese Momente, in denen sich alles kurz sortiert. An diesem Morgen sortierte sich gar nichts. Ich fühlte mich müde, leer und erstaunlich dünnhäutig. Und während ich noch versuchte, diesen Zustand irgendwie wegzuschieben, vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von meiner Freundin Tanja ploppte auf: „Na, was macht der Rabauke? Hält er dich ordentlich auf Trab? Ist er schon stubenrein?“

Normalerweise wäre jetzt ein lockerer Spruch von mir gekommen. Etwas über den „Chaos Club“, die anstehende Präsidentenwahl und dass ich noch freie Plätze in meiner persönlichen Welpen-WG hätte. Aber an diesem Morgen war mir nicht nach witzig. Ich tippte nur: „Ganz schlechter Zeitpunkt für solche Scherze, Tanja.“ Ein paar Sekunden später klingelte mein Handy.

„Was ist denn los?“, fragte sie direkt. „Hast du das jetzt böse aufgefasst?“ Und da war es vorbei mit meiner Fassade. Ich fing an zu weinen. Nicht schön, nicht leise, nicht kontrolliert. Es war ein richtiger Zusammenbruch, so als hätte mein Körper die ganze letzte Woche in sich gespeichert und jetzt beschlossen, dass diese Terrasse der perfekte Ort für die Entladung sei.

Ich erzählte ihr von den Tagen, die sich nicht mehr wie Tage anfühlten, sondern wie ein Belagerungszustand. Von diesem Gefühl, immer einen Schritt zu spät zu sein. Davon, dass ich mich bemühe, ruhig zu bleiben, während ich innerlich längst auf Alarmstufe Rot laufe. Und dass es mich fertig macht, wie schnell Gubacca umschalten kann: In einem Moment ein schlafender Engel, im nächsten Augenblick Anarchie auf vier Pfoten. Tanja hörte zu. Und als ich irgendwann Luft holte, war da diese kurze Stille am Telefon, in der man merkt, dass das Gegenüber sich sehr genau überlegt, was es jetzt sagt.

„Bine“, fing sie vorsichtig an, „ist es das wirklich wert? Ich meine das nicht böse. Aber das bist doch nicht du, wie du da gerade klingst. Hast du schon mal daran gedacht, ihn zurück zur Züchterin zu bringen?“ Dieser Satz traf mich nicht wie ein Schlag. Er fühlte sich eher an wie etwas, das man schon längst in sich trägt, aber bisher erfolgreich in die hinterste Ecke weggeschoben hat. Plötzlich lag er da, laut ausgesprochen, und ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Ich beendete das Gespräch bald darauf, weil ich merkte, dass ich gerade niemanden mehr ertrug – nicht einmal Tanja, die es nur gut meinte.

Ich legte das Handy weg und saß da, still, mit dieser Frage im Kopf, die auf einmal viel zu real war: Zurückgeben? Ein Teil von mir dachte: Vielleicht wäre das vernünftig. Lieber jetzt als später. Bevor er ausgewachsen ist. Bevor er 25 Kilo hat und ich ihn nicht mehr einfach „wegtragen“ kann, wenn er eskaliert. Ein anderer Teil von mir dachte: Wie soll ich ihn bitte wieder hergeben, wenn er hier längst dazugehört?

Und dann waren da noch diese Stimmen aus der Zeit vor seinem Einzug. Meine Familie hatte damals versucht, mich umzustimmen. Nicht aus Bosheit, sondern weil sie Angst hatten. Alles, was sie im Internet über den Gos d’Atura gelesen hatten, klang für sie nicht nach einem Hund, der sich einfach in mein Leben schmiegt. Sie wollten mich schützen. Und in dieser Phase, in der ich ohnehin schon zweifelte, fühlte es sich so an, als hätten sie vielleicht recht gehabt. Was sie glücklicherweise nicht taten, war dieses „Wir haben es dir ja gesagt“. Im Gegenteil. Sie waren da, sie hörten zu und hielten mit mir aus. Aber die Frage blieb trotzdem fies und leise: Vielleicht bin ich wirklich nicht der richtige Mensch für diesen Hund.

Ich starrte wieder auf den Tisch. Auf meinen halb aufgegessenen Teller. Auf diese Tasche. Mein Kopf suchte automatisch nach Gegenbeweisen, als müsste ich vor einem inneren Gericht für uns plädieren. Da war zum Beispiel dieser Biergartenbesuch neulich mit Claudia. Ich wusste noch, wie stolz ich auf ihn gewesen war, weil er dort so ruhig blieb, als wäre er schon immer Teil solcher Ausflüge. Kein Gebell, kein Theater, kein Kevin. Nur dieser ruhige Blick, der manchmal durchschimmert und einen für einen Augenblick glauben lässt, dass alles gut wird. Claudia hatte ihre Tibet-Terrier-Hündin Raja dabei – eine Schoko-Prinzessin durch und durch. Es war erstaunlich gewesen, wie schnell sich die Rollen geklärt hatten. Raja brauchte keine große Ansage, sie war einfach selbstverständlich die Chefin. Gubacca setzte sich in seinem typischen Popo-Sitz hin, schaute zu ihr hoch, und man konnte ihm förmlich beim Denken zusehen: Okay. Du hast das Sagen. Passt. Das war so ein Moment, der mir zeigte: Er kann es doch. Er kann sich einordnen. Er kann höflich sein. Er kann sanft sein. Und genau das machte es so schwer, die andere Seite auszuhalten.

Trotz der Tränen musste ich plötzlich lachen, als ich an unseren Romantik-Versuch von vor zwei Tagen dachte. Kerzen, Pizza, Terrasse, Sommerabend. Wir hatten ernsthaft geglaubt, Gubacca würde vorher ordentlich mit Dexter toben, danach müde sein, und wir könnten einmal in Ruhe essen. Ich hörte schon fast die sanfte italienische Musik im Hintergrund. Aber dann fanden die beiden ein Morastloch und waren spurlos verschwunden. Als Gubacca wieder bei uns ankam, roch er nach nassem Waldboden und sah aus, als hätte er erfolgreich eine Moorpackung aufgelegt. In der Badewanne wurde das Wasser innerhalb von Sekunden kaffee-braun, und genau in dem Moment, in dem ich dachte „Gleich haben wir’s“, schüttelte er sich kräftig und verteilte die Schlamm-Sprenkel kunstvoll bis an die Badezimmerwand.

Als ich endlich fertig war, brannten draußen zwar die Kerzen noch, aber die Pizza war längst eiskalt. Mein Mann schaute erst auf den sauberen Hund, dann auf mich, dann auf die Pizza. Und wir mussten beide lachen. Nicht, weil es romantisch war, sondern weil es einfach so absurd war. Solche Momente waren da. Immer wieder. Nicht als billiges Trostpflaster, eher als Erinnerung daran, dass dieser Hund nicht nur Kevin ist.

Ich saß immer noch auf der Terrasse, und die Frage nach dem Aufgeben war immer noch da. Es sprach objektiv vieles dafür. Und trotzdem merkte ich, dass ich innerlich nicht in diese Richtung gehen konnte. Nicht wegen einer heldenhaften Entscheidung, sondern wegen etwas, das sich längst festgesetzt hatte, während ich noch zweifelte: Ich hatte ihn liebgewonnen. Unter all der Überforderung und dem Trotz war da dieses sehr menschliche Bedürfnis: Ich will das schaffen. Nicht, um recht zu behalten. Sondern weil ich ihn nicht einfach wieder hergeben kann, nur weil es gerade schwer ist.

Ich weiß nicht, ob ich an diesem Morgen eine endgültige Entscheidung getroffen habe. Vielleicht habe ich nur beschlossen, dass ich heute nicht aufgebe. Dass heute reicht. Dass ich den nächsten Tag schaffe, und dann den nächsten. Während ich das dachte, hörte ich Gubacca im Haus. Er trottete ganz normal durch den Flur, als wäre nichts gewesen. Er setzte sich kurz in die Tür und schaute raus. Dann kam er zu mir, legte sich in meine Nähe und atmete tief aus. Nicht als Entschuldigung. Nicht als Versprechen. Einfach als Hund. Und irgendwie war genau das der Moment, in dem ich wusste: Wir machen weiter.

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