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Kapitel 14: Wenn Kevin bleibt

Kapitel 14

Wenn Kevin bleibt

Gubacca im Kevin-Modus

Das Gesicht zum Zustand: Wenn aus dem flauschigen Welpen schlagartig „Kevin“ wird.

Mit Dexter war vieles einfacher. Nicht, weil Gubacca plötzlich ein anderer Hund war, sondern weil er endlich jemanden hatte, der das mitmachte – dieses Raufen, Rempeln, Vollkontakt, das bei uns Menschen ja immer direkt unter „Problem“ läuft. Und bei Biggi musste ich mich nicht ständig erklären. Das allein war schon eine Erleichterung.

Nach Biggis lockerem „Komm, wir probieren das noch mal“ meldeten wir die beiden sogar gemeinsam zur Welpenspielgruppe an. Und diesmal war es tatsächlich ein anderer Gubacca. Zwar immer noch kein geschniegelter Vorzeige-Welpe, aber eben auch nicht dieser Rüde, der nach zwei Minuten als Problemfall am Rand steht. Er spielte, er rannte, er war dabei und ich merkte, wie ich innerlich endlich wieder ein Stück runterkam.

Und dann … kam Kevin.

Nicht als einzelner Ausrutscher, den man mit einem Kauknochen und einem „jetzt beruhig dich mal“ wieder einfängt. Eher wie ein Zustand, der sich langsam länger ausdehnte, als hätte jemand an einem unsichtbaren Regler gedreht. Vormittags war oft noch alles okay. Gubacca schlief, ich arbeitete, und zwischendurch dachte ich sogar: Vielleicht war das Ganze wirklich nur eine Phase. Und dann wurde es Nachmittag. Ich spürte es meistens schon, bevor überhaupt etwas passierte. Dieses „Gleich-kippt-es“-Gefühl, das sich nicht auf einen konkreten Auslöser festnageln lässt, sondern plötzlich im Raum steht wie ein ungebetener Gast, der keine Anstalten macht, wieder zu gehen.

Man kann das schwer erklären, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Es war nicht einfach nur ein „er ist frech“ oder „er ist überdreht“. Es war dieses: Er ist an – und ich komme nicht mehr dazwischen. Kevin war eingezogen. Und Kevin hatte nicht vor, bald wieder auszuziehen. Ich merkte, dass mein Alltag immer enger wurde. Ich plante nicht mehr meinen Tag, ich plante um den Hund herum. Ich überlegte morgens schon, wie ich ihn abends müde bekomme, ohne ihn zu überfordern, und ich überlegte abends, wie ich ihn runterregeln kann, ohne dass er wieder hochfährt.

Zwischendurch gab es natürlich auch die guten Momente – die, in denen er einfach nur Welpe war, plüschig, süß, warm, kurz mit dem Kopf an meinem Bein und dann wieder weg. Aber genau das machte es so fies: Es war nie konstant. Es war nie verlässlich. An einem Abend war ich einfach durch. Ich hatte den Tag hinter mir, Gubacca auch, und ich wollte nur noch eines: schlafen. Die Box stand neben dem Bett, alles wie immer. Ich redete mir ein, dass wir das jetzt langsam können müssten. Ruhe. Ende. Auszeit.

Gubacca sah das anders. Sobald ich im Bett lag, begann er durchs Schlafzimmer zu wandern. Nicht unsicher, nicht ängstlich – eher so, als würde er kontrollieren, ob meine Regeln wirklich ernst gemeint waren. Hin, her, einmal an der Box vorbei, einmal am Bett entlang. Und dann fing er an zu bellen. Erst einmal. Dann noch einmal. Dann mit Nachdruck. Draußen war es eine dieser warmen Sommernächte, in denen in unserer Reihenhaussiedlung gefühlt jedes Fenster offen steht. Man hört irgendwo eine Serie, irgendwo klappert Geschirr, irgendwo lacht jemand leise – und wenn ein Welpe bellt, ist das keine private Angelegenheit mehr. Das ist ein Rundruf.

Mein Mann war noch wach. Ich hörte das leise Geräusch vom Fernseher im Wohnzimmer und wusste: Er hört es natürlich auch. Wir hörten es alle. Gubacca bellte, als hätte er der Welt etwas existenziell Wichtiges mitzuteilen. Ich lag da und wartete – erst aus Prinzip, dann aus Hoffnung, dann aus purer Erschöpfung. Vielleicht beruhigt er sich gleich. Vielleicht ist das der Moment, in dem ich „Konsequenz“ lerne und wir am nächsten Tag beide klüger sind. Er wurde nicht klüger. Er wurde lauter.

Irgendwann stand mein Mann im Schlafzimmer, schaute Gubacca an und sagte diesen einen Satz, der in solchen Nächten immer kommt: „Der muss noch mal raus.“ Ich war mir ziemlich sicher, dass er nicht „musste“. Er war kurz vorher draußen gewesen. Das hier war kein Pipi-Thema, das war ein Kopf-Thema. Aber ich hatte keine Kraft mehr für Grundsatzdiskussionen. Nicht, weil ich plötzlich überzeugt war, sondern weil ich einfach nur wollte, dass es aufhört. Also sagte ich nichts. Ich ließ ihn machen.

Ich hörte die Terrassentür. Kurz darauf das erste Bellen im Garten. Und zwar nicht dieses „ich melde mal kurz was“, sondern dieses hysterische, völlig außer Rand und Band geratene Kläffen, das sofort in den Bauch fährt. Mein Mann rief ihn. Erst ruhig, dann lauter. „Gubacca rein! Komm rein!“ Wieder und wieder. Gubacca dachte gar nicht daran. Und während draußen dieses Duell lief – mein Mann mit der Stimme, Gubacca mit der Überzeugung – lag ich im Bett, zog mir die Decke über den Kopf und dachte nur: Lasst mich doch alle in Ruhe.

Nicht, weil ich ihn nicht mochte. Nicht, weil ich „aufgeben“ wollte. Einfach, weil ich nichts mehr übrig hatte. Keine Geduld, keine Ideen, keine Kraft. Nur dieses leise, erbärmliche Bedürfnis, für einen Moment nicht zuständig zu sein. Am nächsten Tag war wieder Alltag. Oder das, was wir inzwischen so nannten. Und abends kam die letzte Runde. Wir gingen wie immer ein kleines Stück die Straße hoch. Ein ruhiger Weg am Ortsrand, eigentlich perfekt. Ich dachte kurz: Heute halten wir’s klein, machen’s uns leicht, einmal Pipi, dann zurück.

Und dann kam Kevin. Nicht schleichend. Nicht vorsichtig. Sondern sofort. Er sprang mich an, ging in die Leine, zwickte, machte Vollkontakt, als hätte er seit Stunden darauf gewartet, endlich loszulegen. Ich blieb stehen. Ich atmete. Ich versuchte, ruhig zu bleiben und mir selbst zu sagen: Das ist ein Welpe. Das geht vorbei. Das ist nur Energie. Es ging nicht vorbei. Ich schaute mir dieses Drama an, und irgendwann war da nur noch dieser sehr nüchterne Gedanke: Das hat hier gerade keinen Sinn. Also drehte ich um.

Und natürlich wurde es dadurch nicht besser. Er wollte nicht zurück. Er stellte auf stur, warf sich rein, sprang wieder hoch, zappelte, machte weiter. Und während ich versuchte, ihn irgendwie Richtung Zuhause zu bewegen, merkte ich diese Blicke. Die Nachbarn. Nicht hämisch, nicht vorwurfsvoll – eher mitleidig. Dieses „Oh Gott, die Arme“-Schauen, das trotzdem brennt, weil man sich plötzlich fühlt, als würde man öffentlich scheitern.

Irgendwann nahm ich ihn auf den Arm. Er war inzwischen kein winziger Welpe mehr, den man mal eben hochhebt und wegträgt. Er war kräftig, schwer, und auf meinem Arm benahm er sich wie ein kleiner Wahnsinniger. Strampeln, winden, bellen – so nah an meinem Gesicht, dass ich seinen Atem spürte und gleichzeitig nur hoffte, dass er nicht auch noch anfängt, in meine Kleidung zu gehen. Ich trug ihn nach Hause. Schritt für Schritt. Vorbei an Fenstern, hinter denen man sehr gut sehen konnte, dass da gerade jemand einen „entspannten Abendspaziergang“ hat. Und ich hätte in diesem Moment am liebsten einfach nur unsichtbar sein wollen.

Zu Hause setzte ich ihn ab – und er war sofort wieder normal. Als wäre nichts gewesen. Kein Nachhall, kein Restkampf. Nur ein Hund, der durch den Flur tappte, kurz innehielt und dann weiterging, als hätte er nicht eben mein ganzes Nervensystem zerlegt. Ich blieb stehen. Einfach so. Und merkte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Nicht, weil er mich geärgert hatte. Sondern weil ich mich selbst nicht wiedererkannte.

Ich hatte mir einen Hund gewünscht, der mich liebt. Dem ich meine Liebe schenken kann, ohne dass ich sie ständig gegen Zähne, Leine und Überdrehen verteidigen muss. Ich hatte Nähe im Kopf gehabt. Gemeinsamkeit. Dieses „wir zwei“. Und das hier fühlte sich an wie: Ich gegen ihn. Jeden Tag. Und ich wollte das nicht. Später, irgendwann, schlief Gubacca ein. Zusammengeklappt wie ein Engel, vollkommen friedlich, als hätte es diesen Tag nie gegeben. Wenn er schlief, war alles gut. Und genau das machte es so schwer.

Denn irgendwo dazwischen lag die unbequeme Wahrheit, die ich mir nicht gerne eingestand: Ich hatte mir keinen Neuanfang mit Kampf gewünscht. Ich hatte mir ein Stück Chiru zurückgewünscht. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ich wusste nur, dass ich so nicht mehr konnte.

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