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Kapitel 13: Das fehlende Puzzleteil

Kapitel 13

Das fehlende Puzzleteil

Gubacca und Dexter toben ausgelassen im Gras

Endlich ein Ventil: Wenn zwei Welpen entscheiden, dass Regen und Schlamm die beste Kombination der Welt sind.

In dieser Nacht lag ich wach. Nicht so ein „ach, wie schön, endlich mal Zeit zum Nachdenken“-Wach. Eher das Wach, bei dem man sich alle zehn Minuten anders hinlegt, als wäre das Problem die Matratze und nicht der eigene Kopf. Dazwischen natürlich die üblichen Welpen-Unterbrechungen: raus in den Garten, wieder rein, hoffen, dass es das jetzt gewesen ist. War es nicht.

Aber zumindest schlief Gubacca jedes Mal sofort wieder ein. Tief. Friedlich. Mit diesem leisen Welpenatmen, das klingt, als hätte er einen sehr anstrengenden Tag hinter sich. Hatte er auch. Nur leider war ich die Einzige, die ihn innerlich noch einmal komplett nachspielte – inklusive der Szenen, die man am liebsten aus dem Drehbuch streichen würde. Ich hatte mir fest vorgenommen, Gubacca nicht mit Chiru zu vergleichen. Das war mir sehr wichtig, und alles andere wäre ihm gegenüber auch unfair gewesen.

Nur leider sind Vorsätze nachts ungefähr so belastbar wie Küchenpapier im Regen. Kaum war es still, kam Chiru in meinen Kopf spaziert, legte sich dazu und guckte mich an, als würde er fragen: Na? Läuft’s? Mit ihm fühlte sich damals alles leichter an. Nicht, weil Chiru schneller stubenrein war oder weniger Quatsch im Kopf hatte. Sondern weil sich dieses Zusammensein so selbstverständlich angefühlt hatte. Nähe, die einfach passiert ist, ohne dass ich sie ständig analysiert habe. Ich war mittendrin, nicht dauernd auf dem Beobachtungsposten.

Und jetzt? Jetzt ertappte ich mich dabei, wie ich nachts Dinge googelte, die man als halbwegs erfahrener Hundemensch eigentlich nicht googeln sollte: „Wann wird ein Hund vernünftiger?“ Allein, dass ich das tippte, irritierte mich fast mehr als Kevins gestriger Auftritt. Kevin war kein Spitzname. Kevin war ein Zustand. Und ich hatte das Gefühl, dass ich ihn nicht mal richtig eingeladen hatte – er war einfach eingezogen. Mit Anlauf.

Lag das an mir? Daran, dass ich älter war? Dass mir die frühere Leichtigkeit fehlte? Oder war Gubacca einfach nur ein ganz normaler Welpe – und ich diejenige, die plötzlich überall kleine Baustellen sah, weil ich zu fokussiert auf ihn war, anstatt ihn einfach Welpe sein zu lassen?

Bei Chiru hatte ich vom ersten Tag an dieses Gefühl gehabt: Wir machen das zusammen. Er orientierte sich an mir, als hätte er mich innerlich sofort in sein Team aufgenommen. Wenn er müde war, kuschelte er sich auf dem Sofa an mich, als wäre das der selbstverständlichste Ort der Welt. Klar hat er getestet – Plüschtiere hatten keine Lebenserwartung, und wenn irgendwo ein Dreckloch war, war er schneller drin als ich „nein“ sagen konnte. Aber da war eine Mitte. Ein Rahmen. Und dieses Band, das sich von selbst zu spannen schien.

Bei Gubacca fühlte sich das nicht einfach „anders“ an. Es fühlte sich zeitweise richtig mies an – weil ich ihn nicht greifen konnte. Er konnte extrem lieb sein, indem er meinen halben Arbeitsvormittag verschlief, als wäre er der pflegeleichteste Hund der Welt. Und dann, ohne Vorwarnung, kippte er ins andere Extrem. Nicht „ein bisschen drüber“. Sondern komplett. Anspringen, in die Kleidung gehen, Körbchen-Rodeo – und ich stand daneben und merkte: Ich komme gerade nicht durch. Keine Bremse. Kein „Stopp, wir beruhigen uns jetzt mal“. In diesem Zustand war er wie auf Autopilot. Und ich wusste nicht, wo bei uns der Knopf ist, der ihn wieder runterholt.

Und darüber lag etwas, das ich mir kaum einzugestehen traute: Ich hatte oft nicht das Gefühl, dass er mich wirklich braucht. Chiru suchte Nähe, Orientierung, so selbstverständlich, dass ich nie darüber nachdenken musste. Gubacca wirkte, als hätte er beschlossen: Danke, ich komme klar. Und ich stand daneben und fragte mich, wie man Bindung aufbaut, wenn der andere innerlich schon ziemlich autark unterwegs ist.

Ich lag da und dachte: Früher habe ich Leute mitleidig angeschaut, wenn sie gesagt haben, die Welpenzeit sei anstrengend. Heute hätte ich ihnen gern nachträglich eine Entschuldigung geschickt. Mit Blumen. Und Schokolade. Viel Schokolade. Und dann war da noch dieser sehr unromantische Gedanke, der nachts plötzlich viel zu laut wird: Das sind gerade 8,5 Kilo. Wie fühlt sich das wohl an, wenn daraus irgendwann ein ausgewachsener Gos-Rüde wird?

Irgendwann, zwischen zwei halbwachen Gedanken, fiel mir etwas auf, das ich bislang übersehen hatte. Chiru hatte Spielkameraden gehabt. Direkt schräg gegenüber wohnte damals ein Welpe, und die beiden waren fast täglich zusammen. Sie tobten, rangelten, fielen übereinander her – und kamen danach wieder runter. Ganz selbstverständlich. Gubacca hatte das nicht. In unserem Umfeld gab es nur erwachsene Hunde. Gut erzogen, geduldig – aber sichtbar wenig begeistert von der Idee, sich stundenlang von einem Welpen in die Ohren zwicken zu lassen.

Mir wurde klar: Gubacca brauchte jemanden, der genauso spielte wie er. Und ich brauchte jemanden am anderen Ende der Leine, der ruhig blieb, wenn es etwas wilder wurde. Am nächsten Morgen saß ich beim Frühstück und starrte in meine Kaffeetasse, als könnte sie mir erklären, was mir nachts entgangen war. Mein Mann sah mich eine Weile schweigend an. Dieses unauffällige Beobachten, das Menschen beherrschen, die wissen, dass sie gleich etwas sagen werden, das entweder hilfreich oder unerträglich ist. Meistens beides.

„Du siehst aus, als hättest du schlecht geschlafen“, stellte er schließlich fest. Ich erzählte ihm von meinem nächtlichen Geistesblitz. „Dann gründe doch eine Welpenspielgruppe“, meinte er schließlich, so beiläufig, als hätte ich gerade gefragt, was wir am Wochenende kochen. „Du wolltest doch immer Hundetrainerin werden“, schob er nach. Dieses ganz bestimmte Funkeln in den Augen verriet, dass er wusste, wo er mich packen konnte.

Früher hatte meine Familie regelmäßig kollektiv die Augen gerollt, sobald mir jemand aus Versehen eine Frage zu Hundethemen gestellt hatte. Ich neige dann dazu, ausführlich zu antworten. Mit Unterpunkten. Dass ich nun ausgerechnet mit einem überdrehten Welpen und einem Teppich ohne Fransen dastand, war für ihn offenbar eine Pointe, die er nicht ungenutzt lassen wollte. „Ich glaube kaum“, sagte ich trocken, „dass die Welt gerade auf eine Trainerin wartet, deren eigener Hund mitten in der Kevin-Phase steckt.“

„Du musst aktiv werden“, beharrte er. „Häng doch einen Zettel beim Rewe auf.“ Ich nippte an meinem Kaffee und dachte: Wenn ich diesen Satz selbst sage, klingt er bestimmt klüger. Aber noch bevor ich etwas erwidern konnte, stand er schon auf, zog seine Laufschuhe an und verschwand zur Joggingrunde. Zurück blieb ich am Tisch. Mit einer leeren Kaffeetasse. Und dem unangenehm hartnäckigen Gefühl, dass er vielleicht nicht ganz unrecht hatte.

Zwei Stunden später hörte ich die Haustür. Mein Mann kam in das Wohnzimmer und trug diese ganz bestimmte Mischung aus „leicht außer Puste“ und „innerlich schon gefeiert“. Dieses Gesicht, das sagt: Ich war kurz weg und habe in der Zwischenzeit dein Problem gelöst. Ich sah ihn an. Sagte nichts. Das hatte sich bisher immer gut bewährt, wer weiß auf welche Idee er jetzt gekommen war.

„Ich hab da was klargemacht“, sagte er. „Mit einer Biggi aus der Nachbarschaft. Sie hat auch einen Welpen. Dexter. Genauso groß wie Gubacca“ fuhr er fort und holte sich ein Glas Wasser. Ich ließ mir einen Moment Zeit. Nicht, weil ich sprachlos war. Eher, weil mein Kopf gerade mehrere Szenarien gleichzeitig durchspielte und ich in keiner davon besonders souverän wirkte. „Und“, fragte ich schließlich vorsichtig, „hast du erwähnt, dass unserer manchmal ein bisschen… speziell ist?“ Er grinste. Dieses Grinsen, das eindeutig sagte: Ich habe etwas gesagt – aber ich habe es hübscher verpackt. „Hab ich. Sie hat gelacht und meinte, Dexter wäre auch kein Kind von Traurigkeit.

Kurz darauf telefonierten Biggi und ich miteinander. Sympathisch, unkompliziert, erstaunlich entspannt. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag und als ich auflegte, merkte ich, wie sehr ich plötzlich hoffte, dass das wirklich funktionieren könnte.

Am nächsten Tag stand ich schon mit halbem Fokus auf „gleich geht’s los“ vor dem Kleiderschrank, als es draußen anfing zu regnen. Erst harmlos. Dann so, als hätte jemand beschlossen, heute würde die Wiese offiziell geschlossen. Ich war mir sicher, dass die Absage jeden Moment per WhatsApp eintrudeln würde. Wer trifft sich bei diesem Wetter außer mir freiwillig auf eine Wiese damit der Welpe toben konnte? Aber nichts passierte. Also stand ich wenig später in voller Regenmontur am Treffpunkt und wartete.

Als Biggi mit Dexter um die Ecke kam, sah ich es sofort: Von der Statur her passten die beiden perfekt. Gleiche Größe, gleiche Welpen-Proportionen, dieses „zu groß für die eigene Koordination“-Ding, das bei jungen Hunden immer so wirkt, als hätten sie ihre Beine erst gestern zugeteilt bekommen. Dexter setzte sich erst einmal neben Biggi. Er sondierte die Lage mit diesen auffallend hellblauen Augen, ruhig, fast ein bisschen würdevoll und ich dachte: Oh. So kann Welpe also auch sein.

Gleichzeitig vibrierte am Ende meiner Leine ein komplett anderes Konzept von Welpe. Gubacca stand da, als hätte man ihn an eine Steckdose angeschlossen. Kein Sitzen. Kein Schauen. Kein „erst mal ankommen“. Sein ganzer Körper war eine einzige Nachricht: ENDLICH. JEMAND. IN MEINER GRÖSSE. Ich spürte, wie sich mein Griff um die Leine unauffällig fester schloss. Nicht aus Kontrolle – eher aus diesem Reflex, den man entwickelt, wenn man ahnt, dass gleich etwas passiert, an das man sich später nur noch in Zeitlupe erinnern wird. „Mein Mann hat dir hoffentlich erzählt, dass Gubacca ein bisschen wild sein kann?“, fragte ich sicherheitshalber. Ich versuchte es leicht klingen zu lassen. So, als würde ich über ein kleines Hobby sprechen. Stricken. Wandern. Welpe im Ausnahmezustand. Biggi lachte nur. „Das ist Dexter auch. Wart’s ab.“

Und dann passierte etwas, das mich sofort beruhigte: Dexter blieb nicht der höfliche Beobachter. Er blieb nicht im „Ich bin brav“-Modus. Er stand einfach auf. Ganz selbstverständlich. Als hätte er nur kurz geprüft, ob das Gegenüber kompatibel ist und entschieden: Jo. Das passt. Gubacca musste nicht zweimal eingeladen werden. In dem Moment, in dem Dexter einen Schritt machte, war Gubacca schon unterwegs. Nicht aggressiv. Nicht böse. Einfach… begeistert. Mit diesem ungebremsten Welpenmut, der nicht fragt, ob das angemessen ist, sondern nur: Können wir bitte sofort?

Ich hielt unwillkürlich den Atem an. So ein kleines inneres „Bitte lass das gut gehen“, das man wahrscheinlich automatisch hat, wenn man zum ersten Mal zwei Energiepakete zusammenlässt und irgendwo im Hinterkopf noch die Stimme wohnt, die sagt: Du willst doch alles richtig machen. Biggi hingegen stand einfach da. Ruhig. Als hätte sie genau gewusst, dass das hier kein Problem ist – sondern die Lösung.

Was dann folgte, war kein vorsichtiges Kennenlernen. Kein höfliches Beschnuppern. Kein „mal sehen, ob wir uns mögen“. Dexter und Gubacca entschieden kollektiv, dass dafür jetzt keine Zeit war. Sie rannten. Sie rangelten. Sie fielen ineinander, auseinander, übereinander her. Zwei nasse Fellknäuel, die sich jagten, stoppten, neu sortierten und wieder starteten, als hätten sie das schon immer zusammen gemacht. Mal lag der eine unten, mal der andere. Mal wurde gerannt, mal gerollt, mal kurz innegehalten und dann ging es weiter. Ich merkte, wie sich etwas in mir löste. Dieses ständige Beobachten. Dieses innere Abgleichen. Stattdessen stand ich einfach da und schaute zu. Und dachte: Ja. Genau so sollte das aussehen.

Während die beiden immer mehr die Farbe der ursprünglich grünen Wiese annahmen, kam eine Frau mit ihrem Hund vorbei. Sie trug einen schicken Regenmantel, hielt einen Schirm und ihr Hund sah aus wie frisch geföhnt. Sie betrachtete das schlammige Spektakel und sagte: „Die müssen aber dringend in die Wanne.“ Biggi und ich sahen uns an, der Regen lief uns in den Nacken, und wir sagten fast gleichzeitig: „Das ist es wert.“

Danach kamen wir ins Reden. Nicht dieses vorsichtige Abtasten, sondern dieses sofortige Wiedererkennen. Auch Dexter hielt nichts von ausgeklügeltem Pfützen-Management. Auch Biggis Arme sahen aus, als hätte sie keinen Hund, sondern ein sehr aktives kleines Raubtier zu Hause. „Ich ziehe inzwischen nur noch Sachen an, bei denen mir Löcher egal sind“, sagte sie und deutete auf ihre Jacke. Ich nickte. Meine Garderobe bestand aktuell auch fast ausschließlich aus Kleidungsstücken mit Charakter. Funktional. Robust. Und emotional nicht besonders wertvoll.

Wir lachten dieses erleichterte Lachen. Das, bei dem man merkt, dass man sich nicht erklären muss. Dass niemand fragt, warum man sich das antut. Oder ob das nicht anstrengend sei. Es war einfach klar: Wir waren beide mittendrin. Und wir wollten es richtig machen. Als ich Gubacca beobachtete, wie er sich einmal noch ausgiebig im Matsch wälzte und dann mit neuem Elan zur nächsten Runde ansetzte, wusste ich: Genau das hatte gefehlt. Für ihn. Und für mich. Wir verabredeten uns noch auf der Wiese für den nächsten Tag.

Als ich nach Hause kam, reichte meinem Mann ein Blick auf Gubacca und meinen nassen Klamotten für ein breites Grinsen. „Und?“, fragte er. Ich zog mir die Jacke aus, ließ sie achtlos über den Stuhl fallen und seufzte. „Okay“, gab ich zu. „Diese Runde geht an dich.“ Er sagte nichts mehr. Musste er auch nicht. Manchmal ist Recht haben eine sehr stille Angelegenheit.

Eine Stunde später vibrierte mein Handy. Biggi schrieb: „Dexter ist direkt ins Körbchen marschiert und schläft seitdem. Mega!“ Ich schielte in die Ecke des Wohnzimmers. Gubacca lag da, als hätte jemand mitten in der Bewegung den Stecker gezogen. Beine krumm, Kopf zur Seite gefallen, vollkommen weg. Ich machte ein Foto und schickte es zurück. „Gubacca auch. Ich bin so froh, dass die beiden sich jetzt haben.“

In dieser Nacht lag ich nicht wach. Und als ich doch einmal kurz aufschreckte, war es nicht dieses panische „Was mache ich falsch?“, sondern eher ein zufriedenes „Ah. Ruhe. Endlich.“

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