Kapitel 12: Die Geburtsstunde von Kevin
Die Geburtsstunde von Kevin
Die Ruhe vor dem Sturm: Wenn aus diesem unschuldigen Blick plötzlich Kevins Pläne blitzen.
Das Desaster in der Welpenschule hatte Spuren hinterlassen. Mein Selbstvertrauen hatte einen ordentlichen Knacks abbekommen, und dieser eine Satz – „Mit einem Gos d’Atura haben Sie sich aber etwas vorgenommen“ – klebte an mir wie ein nasses Kaugummi. Doch während ich noch mit meinen Gefühlen haderte, war Gubacca schon wieder wie ausgewechselt. Er hatte viel geschlafen, und ich konnte die ersten kleinen Erfolge in Sachen „Pfützenbilanz“ verzeichnen. Bisher waren wir den ganzen Tag ohne Wischeinsatz ausgekommen, was sich fast wie ein Etappensieg anfühlte.
Beflügelt von diesem Erfolg wollten mein Mann und ich es uns vor dem Fernseher gemütlich machen. Gubacca hatte gefressen, war draußen zum Pipi machen gewesen, und ich freute mich auf unsere Lieblingssendung. Ich stand in der Küche, füllte die Knabberschale und dachte: Einfach mal wieder so ein Abend ohne Welpenerziehungsstrategien im Kopf.
Mein Mann saß schon auf dem Sofa, die Fernbedienung in der Hand, in dieser Haltung, die ganz klar sagt: Ich bin jetzt im Feierabend-Modus. „Das will ich auf jeden Fall sehen“, hatte er angekündigt. Und dann schob er mit diesem liebevoll bestimmten Ton, den man nur in Ehen perfektioniert, hinterher: „Und du sorgst bitte dafür, dass ich das auch in Ruhe kann.“
Da hatte ich mir mal wieder eine strategische Meisterleistung geleistet. Erst am Nachmittag hatten wir nämlich eine Grundsatzdiskussion geführt. Mein Mann war der festen Überzeugung, ich würde das Desaster im Welpenspiel vollkommen dramatisieren. Er war – ganz typisch Mann – fast schon ein bisschen stolz darauf, dass Gubacca sich dort wie ein Rabauke benommen hatte. Seltsamerweise wollen Männer ja auch immer den wildesten Welpen aus dem Wurf haben. Was für ihn nach Charakter und „echtem Kerl“ aussah, fühlte sich für mich nach einem Kontrollverlust an, den ich nicht mehr eingefangen bekam. Außerdem, so sein fachmännischer Rat, solle ich einfach größere Spaziergänge machen, dann wäre der Hund abends auch müde.
Ich hingegen hielt mich mit akribischer, fast schon religiöser Grundhaltung an die „Fünf-Minuten-Regel“: Fünf Minuten Gassi pro Lebensmonat, keine Sekunde mehr, wegen der Gelenke! Das Ganze endete in einem patzigen: „Lass mich bitte einfach machen, wie ICH es für richtig halte!“ Am liebsten hätte ich noch ein spitzes „Es ist schließlich MEIN Hund“ drangehängt, verkniff es mir aber gerade noch. Ein Glück, denn jetzt, nur ein paar Stunden später, war ich schon gar nicht mehr so begeistert von der strikten Aufgabenteilung und dem Konzept von „meinem“ Hund.
Ich wollte gerade den ersten Schritt Richtung Sofa machen, da hörte ich es. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass mein Mann den Ton lauter stellte, um etwas zu übertönen, das gerade im hinteren Teil des Wohnzimmers passierte. Es war dieses Geräusch, das jeden Hundebesitzer im Mark erschüttert, auch ohne hinzuschauen. Ein rhythmisches Reißen. Dieses unmissverständliche: „Ich zerstöre gerade etwas, und ich mache es mit absoluter Überzeugung.“
Gubacca stand nicht einfach nur da. Er hatte sich im toten Winkel hinter dem Sofa den Teppichrand geschnappt. Nicht so ein vorsichtiges „Huch, bin ich da gerade hängengeblieben?“, sondern mit vollem Körpereinsatz. Zerren, rupfen, Kopfschütteln. Als würde er sagen: Wenn ihr es euch jetzt gemütlich macht, muss ich hier dringend noch was klären.
Hinter mir wurde der Fernseher noch ein Stück lauter gestellt. Mein Mann sagte immer noch nichts, aber seine gesamte Körperhaltung strahlte eine Erwartungshaltung aus, die ich förmlich spüren konnte. Es war dieses „Ich-misch-mich-nicht-ein-weil-du-es-ja-so-wolltest“-Schweigen, das viel lauter ist als jeder Kommentar.
„Nein!“, sagte ich, während ich versuchte, die Knabberschale unfallfrei auf dem Couchtisch zu parken.
Gubacca hob kurz den Kopf, fixierte mich und bellte zurück. In seinen Augen blitzte kein Funke von Einsicht oder dieses typische welpenhafte „Ups, meinst du mich?“. Es war, als hätte er die Verbindung zu mir in diesem Augenblick einfach gekappt. Ich machte einen Schritt auf ihn zu, wollte ihn einfach nur aus der Situation holen, und in der Sekunde war er bei mir. Anspringen, zwicken, wieder weg, wieder hin. Aber das waren nicht die berühmten „dollen fünf Minuten“, über die man als Welpenbesitzer schmunzelt, während der Hund einmal übermütig durchs Körbchen purzelt. Das hier hatte eine ganz andere Dimension.
Obwohl dieser Zwerg gerade mal knapp neun Kilo wog, entwickelte er eine Wucht und eine Ernsthaftigkeit, die mich erschreckte. Er war wie ein kleiner Wüterich, der völlig aus Rand und Band geraten war und jede Form von Korrektur einfach ignorierte. Je mehr ich versuchte, ihn zu stoppen, desto mehr schaukelte er sich hoch. Er war in diesem Modus schlichtweg nicht mehr erreichbar. Ich stand da und dachte nur: Okay. Das ist neu.
Und weil ich mir dieses völlig veränderte Wesen irgendwie erklären musste, bekam dieses zweite Gesicht in meinem Kopf in dieser Nacht einen Namen: Kevin.
Gubacca war der süße Welpe, der friedlich schnarchte. Kevin war dieser Zustand, in dem Teppiche plötzlich Gegner sind und ich anscheinend das Publikum. In mein Tagebuch notierte ich später: Gubacca ist heute ausgezogen. Kevin hat übernommen.
Schließlich gab ich mich geschlagen. Ich schnappte mir Kevin und zog mich in mein Arbeitszimmer zurück. Während mein Mann im Wohnzimmer endlich „in Ruhe“ fernsehen konnte, saß ich mit dem kleinen Tyrannen am Computer. Seltsamerweise kam Kevin dort sofort zur Ruhe. Vielleicht, weil er den Raum mit meinen Arbeitsvormittagen verband, an denen es für ihn grundsätzlich kein Programm gab.
Ehefördernd war so ein Welpe bisher nicht gerade, dachte ich noch frustriert, während ich die Tasten bediente. Ich öffnete eine Suchmaschine und tippte die Frage ein, die meine ganze Nacht bestimmen sollte: „Frühpubertät im Welpenalter?“
Kevin schlief. Ich nicht. Willkommen in meiner ersten Kevin-Nacht. Ich hatte mich selten so allein gefühlt und hätte in diesem Moment wirklich gerne eine Bedienungsanleitung gehabt.
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