Kapitel 11: Welpenspiel oder: Wenn Schlafen plötzlich nicht mehr reicht
Welpenspiel: Von Erwartungen, Schubladen und geschluckten Tränen
Eine Naturgewalt auf vier Pfoten: Wenn Gubacca erst mal loslegt, gibt es kein Halten mehr.
Irgendwann nach den ersten idyllischen Tagen merkte ich: Gubacca kannte eigentlich nur zwei Zustände. Schlafen und Los. Ein richtiges Dazwischen gab es selten. Und wenn er wach wurde, dann nicht langsam – sondern wie ein Lichtschalter. Er hechtete mit voller Wucht in seinen Hundekorb und wühlte darin herum, als hätte das Teil ihn persönlich beleidigt. Im Garten rannte er plötzlich los wie von der Tarantel gestochen, am liebsten genau dort entlang, wo Beete stehen und Menschen „Bitte nicht!“ rufen. Und wenn er so richtig in Fahrt war, wurde auch ich kurzzeitig zum Spielzeug: Anspringen, Ärmel testen und einmal testen, wie viel Kraft eigentlich in so einem kleinen Plüschkörper steckt.
Meistens fiel er danach wieder erschöpft in den Schlaf. Aber dieses kurze Aufflackern blieb bei mir hängen. Nicht als Drama, eher als leiser Hinweis: Okay. Es kippt langsam. Und genau deshalb dachte ich irgendwann: Vielleicht sollte ich ihn in einer Welpenspielgruppe anmelden. Kontakt zu Artgenossen, Rennen, Raufen und dabei ganz nebenbei die Regeln des sozialen Miteinanders lernen. In meinem Kopf klang das nach einem soliden Plan.
Am Tag der ersten Stunde packte ich die Leckerchen ein, atmete tief durch und merkte: Ich bin nervös. So richtig. Nicht nur ein bisschen aufgeregt, sondern eher wie vor einer wichtigen Prüfung. Was natürlich völlig albern war. Es war Welpenspiel. Kein Abitur, kein Bewerbungsgespräch. Und trotzdem fühlte es sich genau so an, weil ich dort zum ersten Mal das Gefühl hatte, gemessen zu werden. Kann ich meinen Welpen führen? Habe ich ihn im Griff?
Schon beim Ankommen merkte ich: Die Welpenstunde ist eine eigene Welt. Da stehen Menschen mit sehr ernsten Gesichtern und sehr großen Erwartungen. Man lächelt sich an, man nickt sich zu, und innerhalb von zwei Minuten weiß jeder, welcher Welpe wie alt ist, was er frisst und ob er schon „Sitz“ kann. Es sind diese Gespräche, die harmlos klingen, aber einen merkwürdigen Druck erzeugen. Sätze wie: „Stubenreinheit? Ach, gar kein Thema. Der meldet sich, wenn er raus muss.“
Ich lächelte und nickte höflich. Und dachte im selben Moment an meine reale Realität zu Hause. Kaum hob Gubacca nach dem Schlafen den Kopf, hechtete ich schon in Rekordzeit zu ihm und war doch meistens zu spät. Während ich noch mit einem Schuh in der Hand fluchend Richtung Tür stolperte, war das Thema auf dem Flur bereits erledigt. Mein Mann stand in solchen Momenten oft wie ein unbeteiligter Zuschauer der „Welpen-Olympia“ daneben. Er sagte zwar nichts, aber in seinem Blick schwang dieses feine „Du wolltest ja unbedingt...“ mit, das jede Ehe in der Welpenphase so herrlich bereichert.
Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, mich nicht unter Druck zu setzen – manche Welpen brauchen halt länger. Doch hier, in dieser Runde auf dem Hundeplatz, war mein Vorsatz wie weggewischt. Während die anderen von ihren Wunder-Welpen erzählten, fühlte ich mich plötzlich wie die einzige Versagerin – als wäre mein Wischeimer inzwischen ein festes Familienmitglied.
Die Trainerin machte die Fläche frei und dann durften die Kleinen los. Vier weitere Welpen waren da. Zwei davon ein Geschwisterpaar, die sofort ihr eigenes Ding machten. Die anderen beiden waren vorsichtiger und überlegten erst mal, ob das hier überhaupt eine gute Idee ist. Gubacca hingegen sah das Geschwisterpaar und stürmte los. Ah, endlich normales Programm! Er rannte hinterher, rempelte, sprang und versuchte mit einer Begeisterung ohne Filter, die beiden komplett für sich zu vereinnahmen. Er war kein Mitspieler, er war eine Naturgewalt auf vier Pfoten, die sich an das Duo hängte und sie keine Sekunde in Ruhe ließ.
Die Trainerin beobachtete das Spektakel nur kurz, dann folgte das Unausweichliche. Mit einem knappen, fast schon gelangweilten Satz wurde Gubacca aus dem Verkehr gezogen: „Gubacca bekommt dann mal eine Auszeit.“
Ich nahm ihn zu mir, hielt ihn fest und versuchte, Ruhe auszustrahlen, während mein eigenes Herz bis zum Hals schlug. Gubacca fand die Zwangspause komplett überflüssig. Er zappelte, quengelte und fixierte jede Bewegung auf dem Platz – sein ganzer Körper vibrierte vor Anspannung, weil er unbedingt zurück ins Getümmel wollte. Nach ein paar Minuten durfte er wieder los, doch es gab keinen Lerneffekt, keinen neuen Ansatz. Es war wie ein schlechter Film in der Endlosschleife: Kaum war die Pfote auf dem Boden, wurde wieder fixiert, wieder draufgegangen, wieder war es zu viel. Und wieder folgte das trockene: „Auszeit.“
Mit jedem Mal, bei dem ich mit Gubacca auf dem Arm in der Ecke stehen musste, fühlte ich mich mehr wie eine Ausgestoßene. Dabei war ich doch hier, damit er unter Anleitung lernt, angemessen mit anderen Welpen zu spielen. Stattdessen war ich diejenige mit dem „Problemfall“, der ständig aus dem Spiel genommen werden musste, damit die anderen überhaupt die Chance hatten, ungestört miteinander zu spielen.
Statt einer helfenden Hand oder einem Tipp, wie ich dieses Energiebündel bändigen könnte, gab es nur das Abstellgleis. Ich hätte mir so sehr ein vermittelndes Wort der Trainerin gewünscht – eine Erklärung für die Gruppe, warum er so reagiert, oder einen gemeinsamen Plan, wie wir ihn integrieren könnten. Irgendetwas, das ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt hätte, statt uns beide wortlos an den Rand zu schieben. Aber da war nichts außer betretenem Schweigen der anderen Halter. Es fühlte sich plötzlich an wie: Du bist mit deinem Hund hier irgendwie falsch.Und das Schlimmste war: Für einen Moment glaubte ich es sogar.
Am Ende der Stunde kam dieser eine Satz. „Mit einem Gos d’Atura haben Sie sich aber etwas vorgenommen.“ Die Trainerin meinte es wohl sachlich, aber der Satz traf mich direkt im Bauch. Er bedeutete nicht nur „Das wird Arbeit“, sondern auch „Das ist anders als bei den anderen“. Ich spürte zum ersten Mal, wie schnell man in dieser Schublade landet. „Mit einem Gos…“ sagen viele, und es klingt immer so, als wüssten sie genau, was das heißt. Ich fühlte mich an diesem Tag nur allein gelassen mit der Diagnose „Viel Glück“.
Auf dem Heimweg war Gubacca wieder ganz Welpe. Er lag im Auto, völlig erschöpft und schnarchte leise vor sich hin. Unschuldig. Fertig. Ich dagegen war gar nicht fertig. Ich hatte diesen Satz der Trainerin im Bauch hängen wie einen Aufkleber, den man nicht mehr abbekommt. Dieser eine Satz hatte eine ganze Lawine bei mir innerlich ausgelöst.
Während ich fuhr und die Tränen herunterschluckte, schob sich unwillkürlich ein Bild von Chiru vor meine Augen. Mir war natürlich klar, dass ich nach so wenigen Wochen noch keine tiefe Bindung erwarten durfte – ein Welpe muss erst ankommen, das wusste ich theoretisch alles. Aber bei Chiru war von Anfang an dieses „Ja“ da gewesen, dieses sanfte Suchen nach meiner Nähe, das mir das Gefühl gab: Wir finden zueinander.
Bei Gubacca fühlte es sich anders an. Er war so furchtbar autark. Während ich im Auto saß und mich nach einem kleinen Zeichen von „Wir gehören zusammen“ sehnte, wirkte er wie eine eigene, in sich geschlossene Welt. Er stellte mich nicht nur vor erzieherische Herausforderungen, er schien mich schlichtweg nicht als seinen Anker zu brauchen.
Und das war es, was mich an diesem Tag so verunsicherte: Es war nicht die Angst, dass er mich jetzt noch nicht verstand – es war die Befürchtung, dass er es vielleicht nie tun würde. Dass diese Distanz sein Wesen war und ich keinen Weg finden würde, an ihn heranzurücken. In diesem Moment fühlte ich mich mit dem schnarchenden Welpen auf dem Rücksitz seltsam allein. Es war eine leise, fiese Sorge: Was, wenn ich nicht der richtige Mensch für diesen speziellen Hund bin? Was, wenn wir zwei völlig verschiedene Sprachen sprechen?
Ich blickte kurz in den Rückspiegel. Er sah so unschuldig aus. Ich wollte diese Verbindung so sehr, aber an diesem Abend fühlte sie sich noch unendlich weit weg an.
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