Kapitel 1: Ein Funke, der übersprang
Ein Funke, der übersprang
Eigentlich war mein Plan für den nächsten Hund simpel. Ich suchte einen unkomplizierten Begleiter, den ich überallhin mitnehmen kann, ohne vorher ein Deeskalationstraining absolvieren zu müssen. Einen Hund, der in fremden Umgebungen entspannt bleibt, am Hundestrand vergnügt mit jedem Artgenossen tobt und mein Erziehungswissen nicht täglich neu infrage stellt.
Tja. Dann kam das Leben, grinste mich breit an und servierte mir einen katalanischen Hütehund. Rückblickend wusste ich damals nicht einmal, dass es diese Rasse gibt, geschweige denn, wie man ihren Namen fehlerfrei ausspricht. Und genau dieser Hund zeigte mir später, dass meine sorgfältig zurechtgelegten Pläne gnadenlos überbewertet waren.
Meine erste Begegnung mit einem Gos d’Atura hatte ich auf einem Zoobesuch mit meinem Tibet-Terrier Chiru. Chiru war für seine Rasse ein kleiner Exot. Mit seinen 43 Zentimetern war er deutlich größer als die meisten Rüden und hatte nicht diese extremen Fellmassen, die man heute oft sieht. Genau dieses natürliche Aussehen liebte ich an ihm. Und ich war mir ziemlich sicher: Einen Hund wie Chiru würde ich nicht noch einmal finden.
Und dann stand er da. Vor einem der Gehege. Im ersten Moment dachte ich: Chiru in XXL. Normalerweise bin ich eher zurückhaltend und spreche fremde Menschen nicht einfach an. Aber dieser junge Rüde faszinierte mich so sehr, dass mein Zögern wie weggeblasen war. Wir gingen rüber und ich fragte die Besitzer: „Entschuldigung, darf ich fragen, was das für eine Rasse ist? Der sieht meinem Chiru ja zum Verwechseln ähnlich – nur eben eine Nummer größer.“
Die Frau lächelte freundlich. „Das ist ein Gos d’Atura Català, ein katalanischer Hütehund.“ Während ich noch versuchte, die Silben in meinem Kopf in die richtige Reihenfolge zu bringen, erzählte ihr Mann schon weiter. Die Hunde seien pflegeleicht, kämen mit allem und jedem klar und seien gesundheitlich robust, weil sie nicht überzüchtet seien. Das klang fast zu schön, um wahr zu sein. Chirus Look, nur in einer Größe, die mich sofort ansprach, plus die Aussicht auf einen unkomplizierten Begleiter. Ich merkte, wie sehr mich dieser Gedanke packte.
Jetzt musste ich mir nur noch diesen Namen merken. „Gos d’Atura …“ Ich wiederholte die Worte im Stillen immer wieder, während wir zum Parkplatz gingen. Nicht, dass ich ihn fünf Minuten später schon wieder vergessen hatte. Zu Hause klappte ich als Erstes den Laptop auf. Die Suchergebnisse waren spärlich, aber ein Treffer stach heraus: Eine Züchterin in meiner Nähe hatte gerade Welpen.
In meinem Kopf ratterte es. Ein zweiter Hund kam zu diesem Zeitpunkt nicht infrage. Mein Mann hätte nicht mitgemacht, und insgeheim musste ich ihm recht geben: Unser Leben mit Chiru war eigentlich perfekt. Aber die Neugier war stärker. Weil ich damals viel mit der Kamera unterwegs war, um Hunde zu fotografieren, nutzte ich das als Vorwand: Ich fragte die Züchterin, ob ich zum Welpenfotografieren vorbeikommen dürfte. Eine perfekte Gelegenheit, die Rasse ganz unverbindlich kennenzulernen, ohne zu Hause eine Grundsatzdiskussion riskieren zu müssen.
Wenige Tage später saß ich mitten in einer Schar wuscheliger Welpen. Ich war begeistert und schmiedete innerlich Überzeugungsstrategien für meinen Mann, warum wir unbedingt einen zweiten Hund bräuchten. Dann holte die Züchterin die Mutterhündin Lola dazu – mein gerade gebautes Luftschlösschen zerplatzte. Diese riesige Hündin hatte kaum Ähnlichkeit mit dem mittelgroßen Rüden, den ich im Zoo gesehen hatte. Fieberhaft überlegte ich, ob ich mir vielleicht doch den falschen Rassenamen gemerkt hatte. Das war doch kein Gos. Das war ein irischer Wolfshund. Der Gedanke, mit so einem Kaliber im Alltag klarzukommen, verpasste meiner Euphorie einen ordentlichen Dämpfer.
Die Züchterin schien meine Skepsis zu bemerken. Ich erzählte ihr von meiner ersten Begegnung mit dem Gos-Rüden im Zoo. Davon, wie begeistert das Ehepaar mir die Rasse beschrieben hatte. Pflegeleicht. Unkompliziert. Robust. Die Züchterin musste schmunzeln und meinte, der Rüde sei wahrscheinlich noch sehr jung gewesen. In dem Alter wirkten sie oft schlaksiger, erklärte sie, vor allem mit dem kürzeren Fell. So wirkten sie schnell weniger imposant, als sie später würden. Ganz so pflegeleicht, wie mir der Hund geschildert worden sei, sei ein Gos allerdings nicht. Man müsse im Hinterkopf behalten, dass es eine sehr ursprüngliche Rasse sei. Ein selbstständiger Hütehund, der dafür gezüchtet wurde, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Sie sagte, ein Gos brauche einen souveränen Menschen an seiner Seite. Nur dann wirkten diese Hunde auch pflegeleicht.
Lola kam dazu, setzte sich neben mich und legte ihren Kopf auf meinen Schoß. Das Erste, was mir auffiel, war ihr Blick. Diese bernsteinfarbenen Augen, dunkel umrandet, sehr wach. Sie sah mich an – kurz, ruhig, ohne irgendetwas von mir zu wollen. Und trotzdem hatte ich sofort das Gefühl, sie hätte mich längst eingeordnet. Lola suchte den Körperkontakt ganz selbstverständlich. Sie lag eng bei mir, völlig unbeeindruckt davon, dass ich eine fremde Person mitten im Welpengehege war. Für einen Moment fühlte sich das fast vertraut an.
Erst später habe ich verstanden, was da eigentlich passiert war. Lola hatte mich nicht begrüßt. Sie hatte mich begrenzt. Sie legte sich so, dass ich mich kaum bewegen konnte – ohne Druck, ohne Drama, ohne dass ich es überhaupt bemerkte. Und genau das hat mich so fasziniert. Diese Ruhe. Diese Selbstverständlichkeit. Kein Dominanzgehabe, kein „Ich bin wichtig“. Sie war einfach da und hatte die Situation im Griff.
Hätte ich Lola an diesem Tag nicht kennengelernt, gäbe es heute keinen Gubacca.
Aber an diesem Tag blieb ich vernünftig. Ich hatte die Hunde kennengelernt und fuhr mit tollen Fotos nach Hause. Ein Welpe aus diesem Wurf zog nicht bei uns ein. Das Thema Zweithund war weiterhin vom Tisch, – auch wenn ich heimlich immer noch ein kleines bisschen davon träumte.
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