Ich gebe es zu: Auf die Zeitumstellung habe ich mich die ganze Woche gefreut. Eine Stunde geschenkt! Einfach so! Mein Sonntag ist normalerweise ziemlich eng getaktet, da kommt so ein kleiner Zeitbonus gerade recht.
Und dann hatte ich gestern Abend, kurz vor dem Einschlafen, eine Idee. Ein Märchen über einen alten Uhrmacher, der den Menschen jedes Jahr im Herbst eine Stunde schenkt. Und über einen Hund, der ganz eigene Vorstellungen davon hat, wie man diese Stunde verbringen sollte. Die Idee gefiel mir. Sehr sogar.
Also stand ich heute Morgen wie gewohnt um halb acht auf. Nach der neuen Zeit war es gerade einmal halb sieben. Hervorragend! Schließlich wollte ich meine geschenkte Stunde nicht einfach verschlafen.
Um acht saß ich beim Frühstück vor dem Laptop und begann zu schreiben. Nun ja. In meinem Kopf war das Märchen praktisch fertig. Auf dem Bildschirm sah die Sache leider etwas anders aus. Hier passte eine Formulierung nicht, dort wollte die Geschichte nicht so recht weitergehen. Und der alte Uhrmacher entwickelte sich zu einem ausgesprochen schwierigen Zeitgenossen.
Ich feilte, schrieb um, verwarf ganze Abschnitte und begann von vorn. Nebenbei wanderte mein Blick immer häufiger zur Uhr. Denn eigentlich hatte ich für heute einen schönen Ausflug mit Gubacca geplant. Nicht unsere gewohnte Runde, sondern mal wieder etwas anderes entdecken. Nachmittags wollte ich wie jeden Sonntag zu meinen Eltern. Diese Zeit ist mir heilig. Also hatte unser Ausflug ein begrenztes Zeitfenster.
Und die Geschichte? Die wollte ich natürlich unbedingt noch heute veröffentlichen. Ein Märchen über die Zeitumstellung macht sich schließlich am Tag der Zeitumstellung besonders gut.
Irgendwann begann ich zu rechnen. Vielleicht würde es ja reichen, wenn ich nur noch schnell diese eine Stelle überarbeitete. Und anschließend mit Gubacca unsere normale Runde drehte. Die müsste zeitlich noch passen.
Und plötzlich musste ich laut lachen. Da saß ich nun seit acht Uhr vor meinem Laptop, schrieb eine Geschichte darüber, wie wichtig es ist, sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen, und überlegte allen Ernstes, den Spaziergang mit meinem eigenen Hund zu kürzen, damit ich die Geschichte darüber schneller fertigbekam.
Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen! Ich hätte dem alten Uhrmacher aus meinem Märchen gerade höchstpersönlich den Beweis geliefert, dass er mit seiner Meinung über die Menschen vollkommen recht hatte.
Es war inzwischen elf Uhr.
Laptop zu. Geschichte hin oder her. Rein in die Klamotten, Gubacca geschnappt und los ging es zur Schleuse in Dorsten.
Schon nach wenigen Minuten fragte ich mich, warum ich eigentlich so selten mit Gubacca hierherfahre. Es war herrlich! Das Wasser, die Frachter, die an uns vorbeizogen, eine steife Brise, die uns beiden die Haare zerzauste. Fast wie Urlaub – und das gerade einmal 20 Autominuten von uns entfernt.
Irgendwie hatte mich der Alltagsstress in den vergangenen Wochen viel zu fest im Griff gehabt. Und jetzt genoss ich meine geschenkte Stunde in vollen Zügen!
Mir wurde wieder so richtig bewusst, wie schön die gemeinsame Zeit mit Gubacca ist. Ich liebe es, mit ihm allein unterwegs zu sein. Seine Lebensfreude ist einfach ansteckend. Und das, was ich mir früher so sehr gewünscht habe – eine feste Bindung, ein Seil aus ganz vielen gemeinsamen Erlebnissen und Erfahrungen –, ist heute ein dickes, fettes Tau geworden.
Anschließend ging es direkt zu meinen Eltern. Wie jeden Sonntag wurde Karten gespielt, erzählt und gelacht. Und Gubacca? Der lag natürlich unter dem Tisch. Wobei „unter dem Tisch“ die Sache nur unzureichend beschreibt.
Er schafft es nämlich jedes Mal, sich so geschickt zwischen uns dreien auszubreiten, dass irgendwann niemand mehr seine Beine vernünftig bewegen kann. Jeder hat einen anderen Teil Gubacca bei sich liegen, und wenn einer von uns versucht, seine Sitzposition zu verändern, müssen die anderen beiden zwangsläufig mitmachen.
Gubacca selbst sieht darin offensichtlich überhaupt kein Problem.
Ich übrigens auch nicht. Diese Sonntagnachmittage mit meinen Eltern gehören zu den lieb gewonnenen Gewohnheiten, die ich nicht missen möchte. Auch wenn die Beinfreiheit inzwischen etwas eingeschränkt ist.
Und mein Märchen? Ja, das habe ich tatsächlich noch fertigbekommen. Wobei „fertig“ bei der Gestaltung vielleicht ein etwas großzügig gewählter Begriff ist.
Ich haben es heute geschafft, aus der Gestaltung einer einzigen Geschichte ein abendfüllendes Programm zu machen. Mit Schriftarten, die ich nicht mochte, farbigen Kästen, die ich noch weniger mochte, und Dialogen, die sich zeitweise in einer endlosen Polonaise über den Bildschirm schlängelten.
Aber die Geschichte ist fertig. Vielleicht noch nicht so schön gestaltet, wie ich es mir gewünscht habe. Das kann ich irgendwann noch mal ändern. Und dass ausgerechnet ich, die sich gerne stundenlang mit der perfekten Gestaltung beschäftigt, heute sage, dass das warten kann, ist vermutlich die eigentliche Sensation dieses Sonntags.
Und jetzt bin ich gespannt, was ihr zu meinem Märchen sagt und ob euch die Geschichte gefällt. Viel Spaß beim Lesen!
Pfotenwege · Ein Märchen zur Zeitumstellung
Die Stunde, die niemand übrig hatte
Ein alter Uhrmacher hat genug davon, dass die Menschen ihre geschenkte Stunde nicht zu schätzen wissen. Doch dann steht Kaspar vor seiner Tür. Und der hat eine ziemlich gute Idee.
Märchen lesen
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