Es war einmal ein Uhrmacher, der so alt war, dass niemand mehr wusste, wann er geboren worden war. Manche behaupteten, er sei bereits auf der Welt gewesen, bevor die Menschen ihre erste Uhr erfunden hatten. Andere meinten, er habe die Zeit höchstpersönlich erschaffen.
Beides war falsch. Er hatte lediglich die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie ordentlich verging. Das war keine leichte Arbeit. Jeden Morgen musste er die Sekunden in Bewegung setzen, mittags darauf achten, dass die Stunden nicht durcheinandergerieten, und abends kontrollieren, ob auch wirklich jeder Tag zu Ende gegangen war.
Besonders anstrengend fand er die Menschen. „Ich habe keine Zeit!“, riefen sie. „Wo ist nur die Zeit geblieben?“, fragten sie. „Wenn der Tag doch bloß eine Stunde länger wäre!“, seufzten sie.
Dabei hatte er ihnen längst einen Gefallen getan: Jedes Jahr im Herbst stellte er die großen Zeiger seiner Weltuhr zurück und schenkte ihnen eine zusätzliche Stunde. Doch schon am nächsten Morgen beeilten sie sich wieder. Sie schrieben längere Listen, nahmen sich noch etwas vor und riefen am Abend erschöpft, sie seien zu nichts gekommen.
Eines Tages verlor der Uhrmacher die Geduld. „Schluss damit!“, brummte er und schlug sein großes Stundenbuch zu. „In diesem Jahr bekommen sie ihre Stunde zum letzten Mal. Danach ist endgültig Schluss!“ „Das würde ich mir an deiner Stelle noch einmal überlegen“, sagte eine Stimme hinter ihm. In der offenen Tür stand ein zotteliger Hirtenhund. Sein Fell war vom Wind zerzaust, und um seine Schnauze lagen helle Haare. Er hatte einen Blick, der verriet, dass er sich durchaus zutraute, wichtige Entscheidungen selbst zu treffen.
„Wer bist du?“, fragte der Uhrmacher. „Kaspar.“ „Und was willst du?“ „Mit dir reden.“ „Ich habe zu tun.“
Kaspar trat ein und legte sich unter einen Stuhl. „Das sagen im Augenblick alle.“
Der Uhrmacher legte seine Feder hin. „Dann fasse dich kurz.“ „Du willst den Menschen ihre Stunde wegnehmen.“ „Allerdings. Sie wissen sie nicht zu schätzen.“
Kaspar schwieg einen Moment. „Martha schon.“ „Wer ist Martha?“ „Wir gehören zusammen.“
„Und was macht deine Martha mit der geschenkten Stunde?“ Kaspar betrachtete seine Pfoten. „Sie hat sich einiges vorgenommen.“ „Siehst du!“ „Aber wir könnten uns unter den Apfelbaum setzen.“
Der Uhrmacher zog die Augenbrauen hoch. „Unter einen Baum?“ „Dort steht unsere Bank.“ „Und dafür braucht sie eine zusätzliche Stunde?“ „Sie sagt seit Wochen, dass sie keine übrig hat.“
Der Uhrmacher wollte etwas erwidern. Doch der Hund sah ihn so ernst an, dass er es sich anders überlegte. Schließlich schlug er sein Stundenbuch wieder auf. „Gut. Wir machen eine Wette. Morgen schenke ich den Menschen noch einmal ihre Stunde. Und du zeigst mir bis zum Abend, dass wenigstens einer von ihnen etwas Besonderes damit anzufangen weiß.“
„Und wenn ich gewinne?“ „Dann bleibt die Herbststunde. Für alle Zeiten.“ „Und wenn ich verliere?“ „Dann gibt es sie nie wieder.“ Kaspar erhob sich. Der Uhrmacher streckte ihm die Hand entgegen, und Kaspar legte seine Pfote hinein. Damit war die Wette besiegelt.
Am nächsten Morgen erwachte Martha, weil neben ihrem Bett jemand ausgiebig gähnte. Sie ließ eine Hand über die Bettkante hängen. Sofort schob sich ein zotteliger Kopf darunter. „Guten Morgen, mein Junge.“ Kaspar schloss die Augen, während sie ihn hinter den Ohren kraulte. Dann sah Martha auf die Uhr. „Ach, wie schön. Eine ganze Stunde geschenkt!“ Kaspar wedelte. „Da schaffe ich heute endlich den Keller.“ Er hörte wieder auf.
Beim Frühstück lag neben Marthas Teller eine lange Liste. Während sie ihr Brot aß, schrieb sie noch zwei Dinge darunter. Kaspar wartete, bis sie den Stift weglegte. Dann holte er seinen Ball. „Nachher, mein Lieber. Erst mache ich hier ein bisschen Ordnung.“ Er legte den Ball vor ihre Füße. Martha bückte sich und strich ihm über den Rücken. „Ja. Ich habe dich gesehen.“
Das wusste Kaspar. Er blieb trotzdem stehen. Doch Martha nahm bereits die Frühstücksteller und trug sie zur Spüle.
Später, als sie mit einem Wäschekorb in den Garten kam, lief er voraus zum Apfelbaum. Dort drehte er sich um. Martha hängte ein Laken auf. Kaspar setzte sich neben die Bank. Sie griff nach dem nächsten Wäschestück. Er wartete. „Leg dich ruhig hin“, rief sie ihm zu. „Ich bin gleich fertig.“ Als der Korb leer war, nahm sie ihn mit ins Haus. Kaspar blieb noch eine Weile sitzen. Unter der Bank lag ein kleiner, vertrockneter Apfel. Er schob ihn mit der Nase zur Seite und legte sich hin.
Hoch über dem Dorf beobachtete der Uhrmacher alles durch sein Fernrohr. „Genau wie jedes Jahr“, murmelte er. Er machte einen kleinen Strich in sein Stundenbuch. Unten im Garten hob Kaspar den Kopf. Martha war wieder an der Tür erschienen. In der einen Hand hielt sie einen Lappen, in der anderen ihre Schuhe für den Keller. Die Hausschuhe hatte sie auf die Stufe gestellt. Kaspar stand auf.
Es war nicht seine erste Wahl gewesen. Aber irgendwann musste man mit den Mitteln arbeiten, die einem zur Verfügung standen. Er nahm einen Hausschuh ins Maul. „Kaspar.“ Er ging langsam über den Rasen. „Nein. Den brauche ich noch.“ Kaspar sah sich um. Martha stellte die Kellerschuhe ab.
„Du wirst doch jetzt nicht …“ Doch. Würde er. Er trug den Hausschuh bis zum Apfelbaum und legte ihn unter die Bank. Martha folgte ihm. „Du bist heute wirklich unmöglich.“ Sie bückte sich nach dem Schuh. Als sie sich wieder aufrichtete, legte Kaspar den Kopf schief. Ein Ohr verschwand im Fell. Das andere stand ein wenig ab.
Martha hielt inne. Genau so hatte er sie damals angesehen. Mit Erde an der Nase und einer Tulpenzwiebel im Maul. Er war erst wenige Wochen bei ihr gewesen. Ein kleiner, zotteliger Kerl, dessen Pfoten beim Laufen manchmal schneller waren als der Rest von ihm. Martha hatte den ganzen Vormittag Blumenzwiebeln gesetzt. Kaspar hatte sie wieder ausgegraben. Nicht alle. Nur die, an die er herankam. Als sie ihn endlich erwischte, hatte er sich vor sie gesetzt und den Kopf schief gelegt. Martha hatte streng sein wollen. Wirklich.
Kaspar hatte die Zwiebel vor ihre Füße gelegt und sie erwartungsvoll angesehen. Dann hatte er mit einer seiner viel zu großen Pfoten danach getapst und sie dabei selbst außer Reichweite geschubst. Natürlich musste er hinterher. Martha hatte so lachen müssen, dass sie sich auf die Bank fallen ließ. Sofort war er zu ihr getapst. Erde am Bauch, Erde an den Pfoten, Erde eigentlich überall. Er hatte sich an ihrem Hosenbein hochgestemmt und sich dabei so angestrengt, dass sie ihn schließlich zu sich heraufhob.
Eine Weile hatte er noch mit ihrem Ärmel gekämpft. Dann war er mitten im Zupfen eingeschlafen. Einfach so. Sein Kopf lag in ihrer Armbeuge, eine kleine Pfote auf ihrer Hand. Martha erinnerte sich an seinen warmen Bauch, den sie beim Atmen unter ihren Fingern gespürt hatte. An das weiche Fell hinter seinen Ohren. Und daran, wie er im Schlaf einmal leise geschmatzt hatte. Sie hatte sich nicht gerührt. Die Schaufel lag noch im Beet. Die restlichen Blumenzwiebeln standen im Eimer neben der Bank. Martha war sitzen geblieben und hatte diesen kleinen Hund angesehen, der sie kaum kannte und trotzdem so fest auf ihrem Arm schlief.
Jetzt stand Kaspar vor ihr, den Hausschuh zwischen den Pfoten. Martha setzte sich langsam auf die Bank. „Komm mal her, mein Junge.“ Er kam sofort. Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und strich ihm das Fell aus den Augen. Seine Schnauze war hell geworden. Sie wusste das natürlich. Sie sah ihn jeden Tag, fütterte ihn, bürstete sein Fell, wischte ihm nach einem Spaziergang die Pfoten ab.
Aber jetzt suchte sie in seinem Gesicht nach dem kleinen Kerl von damals. Kaspar schob seine Nase unter ihre Hand. Da war er. Immer noch dieselbe Bewegung. Dieses beharrliche Schieben, wenn sie mit dem Streicheln zu früh aufhörte. Martha lachte leise und kraulte ihn weiter.
„Du warst doch gerade noch so klein.“ Sie konnte sich noch erinnern, wie sie ihn anfangs über die hohe Stufe an der Haustür getragen hatte. Wie er auf der anderen Seite auf sie gewartet hatte, die Vorderpfoten schon oben, den Rest noch unten, fest entschlossen und ziemlich ratlos. Später war er mit einem einzigen Satz darüber hinweggeflogen. Seit einiger Zeit nahm er die Stufe wieder langsamer. Martha hatte sich angewöhnt, die Tür länger aufzuhalten. Sie hatte gar nicht darüber nachgedacht. Ihre Hand blieb auf seinem Kopf liegen. Wann war aus dem Warten darauf, dass er endlich groß wurde, dieses vorsichtige Langsamerwerden geworden?
Damals hatte sie sich ausgemalt, was sie alles miteinander unternehmen würden. Wenn er längere Wege laufen konnte. Wenn er nicht mehr alles ins Maul nahm. Wenn er groß war. Und dann war er groß gewesen. Sie waren über Felder gelaufen, bei Regen und bei Sonne. Er hatte auf sie gewartet, wenn sie stehen blieb, und sie hatte nach ihm gerufen, wenn er etwas ausgesprochen Wichtiges im Gebüsch untersuchen musste. Abends hatte er sich mit einem Seufzen in ihre Nähe gelegt. So viele Tage. Sie hätte keinen davon genau zählen können.
Und jetzt stand er vor ihr, mit hellen Haaren um die Nase, und sie hätte ihn für einen Augenblick gern noch einmal hochgenommen. So wie damals. Sein ganzes Gewicht in ihren Armen gespürt und ihm gesagt, dass er bleiben durfte. Dass sie sich schon um ihn kümmern würde. Kaspar legte sein Kinn auf ihr Knie. Martha beugte sich zu ihm hinunter und drückte ihre Wange in sein Fell. Er roch nach Garten und ein bisschen nach feuchter Erde. „Mein kleiner Kaspar“, murmelte sie.
Im Haus klingelte das Telefon. Kaspar hob den Kopf und trat ein Stück zur Seite. Er machte ihr Platz zum Aufstehen. Martha sah ihn an. Dann rutschte sie auf der Bank nach vorn und legte die Hand an seine Brust. „Nein. Ich bleibe.“ Das Telefon verstummte. Kaspar stand noch einen Moment vor ihr. Dann ließ er sich neben ihren Füßen nieder. Vorsichtig, erst mit den Vorderbeinen, dann mit dem Rest. Martha wartete, bis er bequem lag. Sie strich ihm über die Schulter, langsam und immer wieder. Nach einer Weile schloss er die Augen.
Die Blumenzwiebeln hatte sie damals irgendwann noch eingepflanzt. Die Schaufel hatte sie auch weggeräumt. Aber wie er auf ihrem Arm eingeschlafen war, das wusste sie noch.
Martha sah zur offenen Haustür. Drinnen lag ihre Liste auf dem Küchentisch. „Warte hier“, sagte sie. Kaspar hob sofort den Kopf. Sie ging ins Haus und kam mit einer Tasse Tee und einer Decke zurück. „Ich bin doch schon wieder da.“ Sie setzte sich, legte die Decke über ihre Knie und schob einen Fuß dicht an seine Seite. Kaspar ließ den Kopf sinken. Diesmal blieb Martha. Als ihr Tee längst kalt geworden war, saß sie noch immer dort.
Am Abend stand Kaspar erneut vor dem Uhrmacher. Der hatte sein Fernrohr beiseitegelegt und betrachtete ihn über den Rand seiner Brille. „Nun?“ „Nun“, sagte Kaspar. „Du glaubst also, du hast gewonnen.“ „Ja.“ Der Uhrmacher lehnte sich zurück. „Ich habe euch beobachtet. Martha hat auf einer Bank gesessen und dich gestreichelt.“ Kaspar wedelte einmal. „Genau.“
„Versteh mich nicht falsch“, sagte der Uhrmacher. „Ich habe nichts gegen eure Bank. Aber ich habe ihr eine ganze Stunde geschenkt. Eine Stunde, die sie sonst nicht gehabt hätte. Ich dachte, sie würde etwas Besonderes damit anfangen.“ „Hat sie doch.“ „Sie hat in ihrem Garten gesessen! Das hätte sie an jedem anderen Sonntag auch tun können.“ „Ja“, sagte Kaspar. „Das hätte sie.“ Der Uhrmacher wartete. „Aber sie hat immer gesagt: nachher.“
Er nahm seine Brille ab. Kaspar setzte sich vor ihn. „Heute hat sie mir von früher erzählt. Davon, wie ich als Welpe auf ihrem Schoß eingeschlafen bin.“ „Daran kann sie sich also noch erinnern.“ „Sehr genau.“ „Und du?“ Kaspar dachte einen Moment nach. „Ich weiß noch, dass ich gut gelegen habe.“
Der Uhrmacher musste gegen seinen Willen lächeln. Dann blickte er wieder ernst. „Trotzdem. Ihr habt nichts erlebt, das ihr nicht morgen nachholen könntet.“ „Weißt du das?“, fragte Kaspar. Der Uhrmacher sah ihn an. An den Wänden tickten die Uhren. „Nein“, sagte er schließlich. „Das weiß ich nicht.“
Kaspar legte die Vorderpfoten ordentlich nebeneinander. „Ich wollte, dass sie sich zu mir setzt“, sagte Kaspar. „Und dass sie mit ihren Gedanken auch bei mir bleibt. Manchmal streichelt sie mich und überlegt dabei schon, was sie als Nächstes tun muss.“ Der Uhrmacher drehte seine Brille in den Händen. „Und heute?“ „Heute hat sie gemerkt, dass ich näher gerückt bin. Da hat sie den Arm um mich gelegt.“ „Und das war genug?“ „Für mich schon.“
Eine Weile schwiegen sie. Dann fragte der Uhrmacher: „Und für Martha?“ Kaspar hob den Kopf. „Als es kalt wurde, hat sie eine Decke geholt.“ Der alte Mann blickte zu seinem Fernrohr. Das hatte er gesehen. Er hatte auch gesehen, wie die Frau ihre Hand auf dem Fell des Hundes liegen ließ. Wie sie manchmal zu ihm hinunterschaute. Und wie sie schließlich die Augen geschlossen und den Kopf an die Rückenlehne gelegt hatte. Langsam zog er sein Stundenbuch heran. Er tauchte die Feder ein und schrieb:
Die geschenkte Herbststunde bleibt.
Darunter setzte er:
Es ist nicht erforderlich, etwas Außergewöhnliches zu unternehmen.
Er überlegte kurz. Dann legte er die Feder weg. Mehr musste dort eigentlich nicht stehen.
Als Kaspar nach Hause kam, saß Martha am Küchentisch. Vor ihr lag ihre Liste. Einige Dinge waren durchgestrichen. Die meisten nicht. Kaspar ging zu ihr und legte den Kopf an ihr Bein. Martha strich ihm über den Rücken. „Da bist du ja.“
Dann zog sie ihren Kalender heran und blätterte zum nächsten Sonntag. Sie nahm den Stift und schrieb:
Zeit mit Kaspar.
Einen Augenblick betrachtete sie den Eintrag. Dann schrieb sie ihn auch in die Woche darauf. Und in die nächste. Kaspar gähnte. „Keine Sorge“, sagte Martha. „Was wir machen, lassen wir offen.“ Sie klappte den Kalender zu und sah hinunter zu ihm. „Und bis Sonntag warten müssen wir auch nicht.“ Dann rückte sie ihren Stuhl ein Stück zurück. Kaspar schob sich neben ihre Füße. Martha ließ die Hand zu ihm hinuntersinken.
Den Stift legte sie weg.
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