Es gibt Dinge, die Menschen glücklich machen. Manche freuen sich über Autos. Andere über Schuhe, Uhren oder Geräte, mit denen man Kaffee auf acht verschiedene Arten zubereiten kann. Bine braucht das alles nicht. Bine braucht einen großen Fernseher. Je größer, desto besser.
Und weil sie abends gern im Bett fernsieht, hing in unserem Schlafzimmer schon immer so ein Gerät an der Wand. Ich hatte damit grundsätzlich kein Problem. Ich schlafe schließlich gern neben ihrem Bett in meinem Wölkchen. Nur der Ton störte. Nicht dramatisch, aber genug, um mich immer mal wieder umzuplatzieren.
Das wiederum störte Bine. Nicht, weil ich ihr im Weg lag, sondern weil sie ziemlich schnell verstanden hatte, was mich störte. Und eigentlich war die Lösung denkbar einfach: Kopfhörer. Dann konnte sie fernsehen, so laut sie wollte, und ich bekam davon nichts mehr mit. Nur hatte ihr alter Fernseher für diesen eigentlich perfekten Plan einen entscheidenden Nachteil: Er konnte kein Bluetooth.
Dann kam Mr. Bombastic
Irgendwann war der Fernseher ohnehin in die Jahre gekommen. Dann hatte Bine Geburtstag – und bekam ihren neuen.
Ich nenne ihn an dieser Stelle Mr. Bombastic. Das Teil hängt an der Wand wie ein privates Multiplex-Kino und löst bei Bine ungefähr dieselbe Begeisterung aus, die andere Menschen offenbar beim Anblick besonders teurer Sportwagen entwickeln.
Vor allem aber konnte Mr. Bombastic endlich das, worauf es wirklich ankam: Bluetooth-Kopfhörer.
Kurz darauf lag Bine wie Gräfin Koks in ihrem Bett, Kopfhörer auf den Ohren, Mr. Bombastic vor der Nase und war rundum zufrieden. Kein Ton mehr für mich, Kino Deluxe für Bine. Problem gelöst.
Dann wurde es früher dunkel
Am Anfang war tatsächlich alles wunderbar. Es war Sommer, draußen blieb es lange hell, Mr. Bombastic machte sein Ding, Bine machte ihres und ich schlief.
Dann wurden die Abende dunkler. Und plötzlich stellte sich heraus, dass Mr. Bombastic nicht nur sehr groß ist, sondern auch sehr hell. Je nach Filmszene verwandelte sich unser Schlafzimmer abwechselnd in einen Sonnenaufgang, ein Gewitter, eine Explosion oder vermutlich eine Polizeikontrolle.
Für Bine war das Kino. Für mich war es ein Raum, der offensichtlich nicht wusste, welche Lichtverhältnisse er eigentlich haben wollte. Also stand ich auf, legte mich in eine andere Ecke, stand wieder auf, ging zurück und versuchte es an der nächsten Stelle.
Ich finde, ich habe mein Missfallen relativ verständlich kommuniziert. Im Nachhinein muss ich allerdings sagen: Ich hätte Bine inzwischen besser kennen müssen. Wer ihr ein Problem so deutlich vorführt, darf sich nicht wundern, wenn sie daraus ein Projekt macht. Vielleicht hätte ich einfach still in meinem Wölkchen liegen bleiben sollen.
Ein Schlafzimmer wird umgebaut
Ein normaler Mensch hätte vielleicht gesagt: „Der Hund liegt gerade unruhig.“ Meine Bine dachte offenbar: „Wir brauchen ein neues Raumkonzept.“
Also wurde Platz geschaffen und meine Reiseschlafbox kam ins Schlafzimmer. Die Idee war durchaus nachvollziehbar: In der Box ist es dunkel, ruhig und geschützt. Ich kenne sie. Ich mag sie. Nur wollte ich abends nicht in die Box. Ich wollte in mein Wölkchen. Das ist etwas völlig anderes.
Bine versuchte daraufhin, mein Wölkchen in die Box zu packen. Ich möchte behaupten, dass spätestens an diesem Punkt klar war, wer von uns beiden das größere Problem mit der Situation hatte.
Die Kombination aus Box und Wölkchen überzeugte mich ebenfalls nicht. Damit hätte man die Sache eigentlich beenden können. Aber Bine war mit ihren Lösungsmöglichkeiten noch nicht am Ende.
Das große Täuschungsmanöver
Normalerweise liege ich abends gern vor der Haustür, bis Bine schlafen geht. Ich weiß ziemlich genau, wann es so weit ist. Und wenn sie nach oben geht, komme ich irgendwann hinterher.
Bine entwickelte deshalb einen Plan. Sie ging zunächst demonstrativ in ihr Arbeitszimmer. Dorthin zieht es mich morgens durchaus – dann wartet dort schließlich mein Schnüffelteppich. Ist der erledigt, hält sich meine Begeisterung für dieses Zimmer für den Rest des Tages allerdings sehr in Grenzen.
Perfekt also. Bine ging nach oben, ich blieb unten und irgendwann schlich sie durch den dunklen Flur aus dem Arbeitszimmer zurück ins Schlafzimmer. Meine erwachsene Bine schleicht inzwischen durch ihr eigenes Haus, damit ihr Hund nicht mitbekommt, wo sie sich befindet.
Sie lag kurz darauf mit einem breiten Grinsen im Bett. Mr. Bombastic lief, Kopfhörer auf, Mission geglückt. Ein paar Minuten später saß ich vor ihrer Schlafzimmertür. Es gibt Dinge, bei denen Menschen ihre eigenen Fähigkeiten etwas überschätzen. Sich in ihrem eigenen Haus vor mir zu verstecken gehört offenbar dazu.
Damit wären wir bei der naheliegendsten Lösung gewesen: Die Tür war zu, ich saß davor und Bine hätte sie einfach geschlossen lassen können. Sie wusste sogar selbst, dass sie das hätte tun können. Die Betonung liegt auf hätte. Denn dann lag sie im Bett und dachte: Ach. Er möchte bei mir sein.
Damit war jede zuvor entwickelte Strategie erledigt. Tür auf, ich rein. Menschen mit Hund verstehen vermutlich sofort, was passiert ist. Allen anderen lässt sich nur schwer erklären, warum man erst ein Schlafzimmer umräumt, eine Box aufstellt und anschließend durchs eigene Haus schleicht – um am Ende eine Tür zu öffnen, weil der Hund davor sitzt.
Ich löse das Problem
Irgendwann hatte ich genug von all diesen Versuchen. Also suchte ich mir selbst einen Platz. Neben Bines Nachttisch ist eine kleine Ecke, dahinter hängt der Gardinenvorhang.
Ich quetschte mich dort hinein. Vorhang davor. Dunkel. Ruhe. Mr. Bombastic konnte flimmern, wie er wollte.
Problem gelöst. Bine sah mich dort liegen – und jetzt könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Tat sie natürlich nicht.
Meine Ecke war nämlich ein bisschen eng. Für mich offenbar nicht zu eng, sonst hätte ich mich schließlich nicht hineingelegt. Für Bine aber schon. Also rückte sie das Bett ein Stück nach links, damit ich mehr Platz habe.
Und weil der eine Vorhang offenbar noch nicht ganz genügt, wird auf meiner Seite inzwischen gern noch ein zweiter so zugezogen, dass möglichst wenig von Mr. Bombastics Lichtshow bei mir ankommt. Ich habe jetzt also praktisch eine kleine Schlafnische mit textilem Sichtschutz – ganz ohne Box, großes Training oder weitere Täuschungsmanöver durchs Obergeschoss.
Abends sieht es bei uns jetzt jedenfalls so aus: Mr. Bombastic nimmt gefühlt eine halbe Schlafzimmerwand ein, Bine liegt mit ihren Kopfhörern im Bett und neben dem Nachttisch verschwindet ein ziemlich großer Gos hinter zwei Gardinen.
Manchmal schaut nur noch ein Stück Fell darunter hervor. Und natürlich guckt Bine dann trotzdem noch einmal nach, ob ich auch wirklich bequem liege.
Menschen geben viel Geld für schöne Wohnungen aus und überlegen lange, wo welches Möbelstück am besten steht. Mit Hund kommen irgendwann andere Maße dazu. Bei uns waren es zuletzt ungefähr zwanzig Zentimeter mehr zwischen Bett und Vorhang – für mich.
Seitdem schlafe ich dort hinter meinen Gardinen, Bine schaut Mr. Bombastic und gelegentlich kontrolliert sie noch, ob ich bequem liege.
Das Bett steht übrigens immer noch ein Stück weiter links.
Wir Menschen messen Nähe erstaunlich gern in Metern. Gubacca sieht das mit der ganz großen Liebe offenbar etwas praktischer.
Von Regeln, die einmal unverrückbar waren – bis Gubacca und wir irgendwann beschlossen haben, dass man manches auch einfach neu verhandeln kann.
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