Souveränität ist so ein Wort, das im Hundekontext ständig fällt und dabei erstaunlich unklar bleibt. Meistens stellen wir uns darunter einen Hund vor, der wie eine Statue alles an sich abperlen lässt. Aber Souveränität heißt nicht, dass dem Hund alles egal ist oder er stoisch jede Situation erträgt. Vor allem: Nur weil ein Hund still ist, heißt das noch lange nicht, dass er innerlich wirklich entspannt ist.
Für mich bedeutet echte Souveränität vielmehr die Fähigkeit, Reize wahrzunehmen, ohne sofort impulsiv, unsicher oder kontrollierend reagieren zu müssen. Ein souveräner Hund bemerkt seine Umwelt, ordnet sie ein und kann sie im besten Fall wieder loslassen – ohne jede Bewegung zu bewerten oder jede Situation sofort mit einer eigenen Handlung füllen zu wollen.
Entscheidend ist nämlich nicht das äußere Nichtstun, sondern das, was innerlich passiert: Bleibt der Hund ansprechbar? Kann er die Situation aushalten, ohne sich sofort zuständig zu fühlen? Genau da beginnt die echte Souveränität – weit weg von bloßer Unbeeindrucktheit.
Ist Souveränität angeboren oder entwickelt sie sich erst?
Wie so oft liegt die ehrliche Antwort irgendwo zwischen „so ist der Hund eben“ und „das muss man nur richtig trainieren“. Natürlich bringen Hunde unterschiedliche Voraussetzungen mit. Manche wirken von klein auf stabiler, unaufgeregter oder robuster im Umgang mit Reizen. Andere sind schneller wach, schneller angespannt und schneller dabei, ihre Umwelt genau zu beobachten und auf Veränderungen zu reagieren. Das ist kein Erziehungsfehler, sondern erst einmal Veranlagung.
Damit ist aber längst nicht alles entschieden. Denn Souveränität ist keine feste Eigenschaft, die ein Hund entweder mitbringt oder eben nicht. Sie entwickelt sich auch durch Erfahrungen. Durch Situationen, die er gut bewältigen kann. Durch Wiederholungen. Durch Orientierung. Und durch einen Alltag, in dem er nicht ständig das Gefühl hat, selbst die Verantwortung übernehmen zu müssen.
Ein Hund, der immer wieder erlebt, dass etwas harmlos ist, muss mit der Zeit nicht mehr so schnell in Alarmbereitschaft gehen. Ein Hund, der seinen Menschen als klar und verlässlich erlebt, kann eher loslassen. Und ein Hund, der nicht dauernd überfordert wird, hat überhaupt erst die Chance, Gelassenheit zu entwickeln, statt nur immer schneller auf Anspannung umzuschalten.
Souveränität ist also weder reine Charakterfrage noch etwas, das man dem Hund einfach antrainiert wie ein Sitz oder Platz. Sie entsteht im Zusammenspiel aus Anlage, Lernerfahrung und Alltag. Und das ist für mich der entscheidende Punkt: Nicht jeder Hund wird in jeder Situation souverän sein. Aber viele Hunde können lernen, in bestimmten Momenten ruhiger, sicherer und weniger schnell das Gefühl zu haben, selbst eingreifen zu müssen.
Warum ist Souveränität gerade beim Gos so ein spannendes Thema?
Weil diese Hunde nicht dafür gemacht sind, alles stoisch zu ignorieren. Ein Gos erfasst Dynamiken blitzschnell und fühlt sich oft direkt zuständig. Er ist kein Typ für das einfache „Abhaken“ von Reizen. Souveränität bedeutet bei ihm deshalb nicht, dass er nichts merkt, sondern dass er lernt, trotz seiner Wachsamkeit nicht sofort in den Handlungsmodus zu schalten.
Die Herausforderung beim Gos ist schließlich selten, dass er zu wenig mitbekommt. Im Gegenteil: Er nimmt alles wahr, bewertet blitzschnell und ist meistens nur einen Wimpernschlag von dem Gedanken entfernt, dass man die Sache jetzt besser selbst regeln sollte. Genau das ist der entscheidende Punkt: Wo hört die reine Aufmerksamkeit auf und wo beginnt die gefühlte Zuständigkeit?
Bei Gubacca merkt man ziemlich gut, dass Souveränität nicht bedeutet, dass ein Hund immer und überall gleich reagiert. Er kann in vielen Situationen erstaunlich gelassen sein. Im Urlaub braucht er nicht lange, um an einem neuen Ort anzukommen. Lange Autofahrten mit Zwischenstopps? Machen ihm gar nichts aus. Bei einer Weihnachtsfeier im Büro wurde einmal kurz die Lage gecheckt, jeder begrüßt und danach war für ihn offenbar alles erledigt: Er verzog sich in eine Ecke und schlief. Ähnlich entspannt war er schon als Welpe, als neue Fenster eingebaut wurden – Gubacca lag mitten im größten Handwerker-Trubel und pennte.
Das zeigt: Es geht beim Gos nicht um mangelnde Belastbarkeit oder schwache Nerven. Wenn eine Situation für ihn klar ist, kann er vieles erstaunlich stoisch hinnehmen. Die echte Herausforderung beginnt erst dort, wo Dynamik, soziale Spannung oder Druck ins Spiel kommen. Also genau da, wo die Situation eben nicht mehr statisch ist, sondern sich sein innerer Schalter fast automatisch auf „Zuständig“ umlegt.
Wie kann Souveränität im Alltag wachsen?
So schön das Wort auch klingt: Souveränität lässt sich nicht verordnen. Sie ist kein Trainingsziel, das man nach genug Wiederholungen einfach abhaken kann. Aber man kann Bedingungen schaffen, unter denen sie wachsen kann.
Ein wichtiger Punkt ist für mich, den Hund nicht ständig in Situationen zu bringen, die er nur mit Mühe aushält, aber nicht verarbeiten kann. Ein Hund wird nicht souveräner, wenn er ständig über seine Grenzen geschubst wird – er wird höchstens schneller, heftiger oder früher reagieren.
Was stattdessen hilft, ist Routine. Wenn Gubacca Dinge immer wieder erlebt und als harmlos abspeichert, muss er sie nicht bei jeder Gelegenheit neu bewerten. Das ist oft unspektakulär, aber wirksam. Dazu kommt der Abstand: Gerade für Hunde, die sich schnell zuständig fühlen, ist Distanz keine Schwäche. Sie ist oft die einzige Voraussetzung dafür, dass überhaupt noch ruhiges Verhalten möglich ist. Steckt der Hund erst einmal mitten in seiner Alarmzone, ist Souveränität nur noch ein schöner theoretischer Wunsch.
Und dann ist da noch der Mensch. Nicht im Sinne von „Du musst nur souverän genug sein, dann wird dein Hund es auch“ – so einfach ist es nun wirklich nicht. Aber ein Gos orientiert sich daran, ob jemand eine Lage klar einschätzt. Er muss nicht dauernd besänftigt werden; ihm hilft es mehr, wenn sein Mensch glaubwürdig zeigt: „Ich habe das gesehen. Du musst das nicht übernehmen.“
Bei Gubacca merke ich genau das. Ein ernst gemeintes „Lass es“ mit der passenden Körpersprache macht im richtigen Moment den Unterschied. Nicht als Zauberwort, sondern weil er merkt, ob ich es nur sage oder ob ich es auch so meine.
Am Ende ist Souveränität viel unspektakulärer, als das Wort vermuten lässt. Sie zeigt sich nicht in demonstrativer Coolness, sondern in den kleinen Momenten, in denen er etwas bemerkt und trotzdem nicht sofort einsteigt. Nicht alles bewerten. Nicht alles regeln. Nicht aus allem eine Aufgabe machen. Für einen Gos ist das keine Kleinigkeit. Es ist die eigentliche Kunst.
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Manchmal sind es keine großen Trainingspläne, sondern kleine Veränderungen im Alltag, die plötzlich einen Unterschied machen.
Ein liebevoller Blick auf Gubaccas ganz eigene Art, den Alltag zu gestalten und mich mit seinen kleinen Marotten zuverlässig zum Grinsen zu bringen.
Über Wunschbilder im Kopf, den erwachsenen Gubacca und die Frage, warum wir uns oft viel lieber das Schwierige als das Gute ausmalen.
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