Souveränität klingt im Hundebereich ein bisschen nach Endgegner der Erziehung: Der Hund sieht alles, hört alles, bleibt selbstverständlich gelassen und schaut höchstens kurz, ob die anderen ihre Probleme allein geregelt bekommen.
Ich dachte früher jedenfalls ziemlich oft: Wenn Gubacca wirklich souverän wäre, würde ihn das jetzt nicht interessieren.
Heute sehe ich das anders. Souveränität bedeutet für mich nicht, dass ein Hund nichts bemerkt. Bei Gubacca wäre das ohnehin ein ziemlich aussichtsloses Ziel. Entscheidend ist vielmehr, was nach dem Bemerken passiert.
Handwerker? Kann man verschlafen.
Gubacca kann nämlich erstaunlich gelassen sein – nur nicht unbedingt dort, wo ich es früher bestellt hätte.
Neue Orte im Urlaub schaut er sich an und kommt meistens ziemlich schnell an. Lange Autofahrten mit Zwischenstopps machen ihm wenig aus. Bei einer Weihnachtsfeier im Büro wurde einmal kurz die Lage geprüft, jeder begrüßt und danach war für ihn offenbar alles Wesentliche erledigt: Gubacca verzog sich in eine Ecke und schlief.
Und als bei uns neue Fenster eingebaut wurden, lag der junge Gubacca mitten im Handwerkertrubel und pennte.
Bohrmaschine: offenbar nicht zuständig. Fremder Rüde auf der anderen Straßenseite: Wir müssen reden.
Dieser Unterschied war für mich irgendwann interessanter als die Frage, ob Gubacca nun grundsätzlich ein „souveräner Hund“ ist oder nicht.
Wann aus Beobachten Zuständigkeit wird
Diese Beispiele haben mir vor allem gezeigt, dass Gubacca nicht grundsätzlich ein Problem mit Reizen, neuen Orten oder Trubel hat. Wenn eine Situation für ihn klar ist, kann er erstaunlich viel einfach hinnehmen.
Spannender wird es dort, wo Dynamik ins Spiel kommt: Ein anderer Hund taucht auf, jemand nähert sich, Stimmung verändert sich oder etwas bewegt sich auf eine Weise, die Gubacca genauer prüfen möchte.
Und genau dann steht ziemlich schnell eine Frage im Raum, die er gar nicht laut stellen muss: Bin ich dafür zuständig?
Souveränität heißt nicht: nichts merken
Genau deshalb bedeutet Souveränität für mich bei Gubacca heute nicht mehr, dass er möglichst unbeeindruckt durch die Welt laufen soll. Er darf sehen, hören und aufmerksam sein. Das gehört zu ihm.
Interessant wird der Moment danach: Kann er etwas wahrnehmen, ohne sofort einzusteigen? Kann er weitergehen, Abstand halten oder sich wieder einer anderen Sache zuwenden, obwohl er längst registriert hat, was da gerade passiert?
Und dabei ist Souveränität auch keine feste Eigenschaft, die morgens entweder eingeschaltet ist oder fehlt. Gubacca kann in einer Situation völlig gelassen sein und in einer anderen deutlich mehr Unterstützung brauchen.
Vieles muss heute nicht mehr jedes Mal neu geklärt werden
Manche Dinge sind mit den Jahren einfach vertrauter geworden. Gubacca kennt Situationen, hat Erfahrungen gesammelt und muss längst nicht mehr alles mit derselben Aufmerksamkeit begleiten wie früher.
Dabei hilft uns auch Abstand. Nicht als Niederlage und nicht, weil wir einer Situation grundsätzlich ausweichen müssen. Sondern weil ein paar Meter manchmal genau den Unterschied machen, den Gubacca braucht, um noch schauen zu können, statt schon mitten im Geschehen zu stecken.
Souveränität habe ich deshalb nie wie „Sitz“ oder „Platz“ trainiert. Sie zeigt sich eher darin, dass Situationen, die früher sofort Handlung ausgelöst hätten, heute manchmal einfach vorbeiziehen dürfen.
Gubacca merkt ziemlich genau, ob ich es ernst meine
Und dann bin da natürlich noch ich. Nicht im Sinne von: „Der Mensch muss nur souverän genug sein, dann wird der Hund automatisch entspannt.“ So einfach funktioniert es bei uns ganz sicher nicht.
Aber es macht einen Unterschied, ob ich selbst eine Situation klar einschätze oder ob ich Gubacca zwar „Lass es“ sage und innerlich längst gemeinsam mit ihm die Alarmanlage teste.
Ein ernst gemeintes „Lass es“ mit der passenden Körpersprache kann im richtigen Moment viel bewirken. Nicht als Zauberwort, sondern weil Gubacca ziemlich zuverlässig merkt, ob ich gerade nur Text aufsage oder tatsächlich meine: Ich habe das gesehen. Du musst dich nicht kümmern.
Das funktioniert nicht immer. Aber deutlich öfter als früher.
Und dann passiert einfach nichts
Heute erkenne ich Gubaccas Souveränität deshalb nicht daran, dass ihm etwas egal ist. Sondern an diesen kleinen Momenten, in denen er einen Hund sieht, etwas hört oder eine Bewegung bemerkt – und anschließend einfach weiterläuft.
Es passiert nichts.
Früher hätte ich genau dieses „Nichts“ vermutlich für selbstverständlich gehalten. Heute weiß ich, dass es bei Gubacca manchmal eine ziemlich große Leistung ist.
Und trotzdem nicht zuständig.
Manchmal sind es keine großen Trainingspläne, sondern kleine Veränderungen im Alltag, die plötzlich einen Unterschied machen.
Die magische Hundeleine und andere Aha-Momente →
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