Kapitel 27: Das Video der Wahrheit und das Wildschwein-Gen
Das Video der Wahrheit und das Wildschwein-Gen
Der erste Besuch bei seiner Züchterin hatte für mich etwas von einer Schulprüfung. Wobei, das ist eigentlich das falsche Wort. Es war eher wie früher beim Welpenspiel: Man möchte sich von seiner besten Seite zeigen. Man bekommt einen Hund anvertraut und möchte beweisen, dass man damit umgehen kann. Dass man in der Lage ist, aus ihm einen tollen Hund zu machen.
Und ganz ehrlich: Ich wollte auch sehen, dass er eine Bindung zu mir hatte. Nicht diese Bindung, bei der der Hund beim Wiedersehen mit seiner Züchterin so tut, als wäre man selbst nur das wandelnde Leckerli-Lager, das ihn freundlicherweise bis hierher chauffiert hat.
Und so beschäftigte mich auf dem Hinweg ein Gedanke ziemlich hartnäckig: Hoffentlich hat er seine Züchterin nicht lieber als mich. Gleich dahinter wartete schon der nächste: Hoffentlich stehe ich dort nicht wie die völlig Überforderte. Die, die am Ende diesen Stempel bekommt: unfähig. Oder noch schlimmer: durchgeknallte Panik-Tante. Gleichzeitig war ich wahnsinnig gespannt, wie Gubacca sich verhalten würde. Würde er alles wiedererkennen? Wie würde seine Mutter auf ihn reagieren? Insgeheim hatte ich ein fast schon romantisches Bild vor Augen. So eine Begrüßung, die nach „Ach guck, da bist du ja wieder“ aussah. Heimat. Kindheit. Mutterliebe. Im Hintergrund hätte vermutlich irgendwo leise eine Geige gespielt.
Schon am Gartenzaun zeigte sich allerdings, dass Bea weniger auf Geigenmusik und mehr auf vernünftiges Management setzte. Wir mussten zunächst draußen warten. Hinter dem Zaun hatte man unsere Ankunft längst bemerkt und das dazugehörige Empfangskomitee meldete sich lautstark zu Wort. Bea kam allein zu uns, ganz ohne Hunde, ließ uns in Ruhe auf das Grundstück und holte anschließend zuerst Gubaccas Oma und seine Mutter dazu. Erst als diese Begegnung geklärt war, folgte nach und nach das restliche Rudel.
Keine aufgerissenen Tore, hinter denen sich die gesamte Familie schluchzend in die Arme fiel. Keine Mutter, die ihren verlorenen Sohn augenblicklich wiedererkannte. Stattdessen wurde geguckt, geschnüffelt, eingeordnet und sehr sachlich festgestellt: Da ist ein fremder Rüde.Bea war Gubacca sofort vertraut, das merkte man deutlich. Aber ansonsten wirkte er nicht, als würde er denken: Ach guck, da ist ja mein altes Leben. Und auch seine Mutter sah in ihm offenbar nicht ihr heimgekehrtes Baby. Keine große Wiedersehensnummer, kein „Mein Junge, was bist du groß geworden“. Eher Rudel-Protokoll.
Bei Chiru hatte ich damals einen ganz anderen Eindruck gehabt. Aber Chiru war auch oft dort gewesen und richtig in die Hundegruppe integriert. Vielleicht war das, was ich als mütterliche Fürsorge abgespeichert hatte, gar nicht so romantisch gewesen. Vielleicht war es schlicht der Schutz eines festen Rudelmitglieds.
Rudel-Logik ist ungefähr so gefühlvoll wie eine Hausordnung. Nach kurzer Zeit war geklärt, wer hierhergehörte, wer zu Besuch war und welche Position dem jungen Herrn aus dem Ruhrgebiet zustand. Ziemlich weit unten. Gubacca nahm das erstaunlich gelassen hin. Ein kleiner Hinweis der anderen Hunde genügte und er nahm sich zurück. Kein Aufbegehren, keine Grundsatzdiskussion, kein Kevin.
Wenig später lagen tatsächlich alle friedlich auf der Terrasse. Ich saß am Kaffeetisch, sah meinen ruhigen Hund und spürte sofort diesen gefährlichen Gedanken aufsteigen: Hast du dich vielleicht doch in etwas hineingesteigert? Dieses Gefühl erwischt einen zuverlässigerweise immer genau dann, wenn es gerade fünf Minuten funktioniert. Eigentlich war jetzt der perfekte Moment, alles auszusprechen, was mir auf dem Herzen lag. Die Ausraster an der Leine. Das Anspringen. Dieses plötzliche Kippen, bei dem aus Gubacca innerhalb weniger Sekunden Mr. Hyde wurde. Ich wollte wissen, ob Bea das Verhalten kannte, ob ich etwas übersah und vor allem, was ich anders machen konnte.
Dann fuhr der erste Zug vorbei. Die Bahnlinie verlief ganz in der Nähe des Grundstücks. Gubacca sprang auf und bellte. Nicht dramatisch, dachte ich zunächst. Neuer Ort, ungewohntes Geräusch, kann passieren. Ich versuchte, das Ganze mit jener lässigen Selbstverständlichkeit zu ignorieren, die man immer dann besonders überzeugend spielt, wenn man innerlich bereits leicht nervös wird.
Dann kam der nächste Zug. Gubacca bellte wieder. Diesmal länger. Er legte sich danach nicht mehr richtig ab, sondern blieb unruhig, lauschte und wartete offenbar schon auf die nächste Gelegenheit, den Schienenverkehr persönlich zu kommentieren.
Und natürlich kam der nächste Zug. Mit jedem Waggon wurde Gubacca angespannter und ich gleich mit. Während Bea sprach, hörte ich nur noch mit einem halben Ohr zu. Mit dem anderen wartete ich auf dieses verräterische Rumpeln in der Ferne. Ich wollte nicht, dass er schon wieder bellte. Gubacca wollte offenbar nicht, dass ein Zug ungemeldet an diesem Grundstück vorbeifuhr. Die Deutsche Bahn und ich hatten an diesem Nachmittag sehr unterschiedliche Interessen.
Aus dem gemütlichen Austausch wurde für mich zunehmend eine Übung darin, möglichst entspannt auszusehen. Innerlich dachte ich bei jedem Bellen: Da ist es. Jetzt sieht sie es auch. Jetzt merkt sie, dass ich meinen Hund nicht zur Ruhe bekomme. Dabei war ich doch genau deshalb hier. Nur fühlte es sich plötzlich ganz anders an, ein Problem zu erzählen oder es direkt am Kaffeetisch vorführen zu lassen. In meiner Erzählung war ich eine engagierte Hundehalterin, die sich viele kluge Gedanken machte. In der Realität saß ich mit einem immer unruhiger werdenden Jungrüden auf einer Terrasse und hoffte, dass für den Rest des Tages irgendwo eine Weiche ausfiel.
Wir fuhren zunächst zu unserem Hotel und verabredeten uns für den Nachmittag zu einer großen gemeinsamen Runde. An der Rezeption erwartete mich eine Überraschung. „Wir haben für Sie unsere Ferienwohnung vorbereitet. Mit so einem jungen Hund ist das bestimmt besser“, erklärte die freundliche Dame. Ich freute mich über das Upgrade und war ehrlich gesagt auch erleichtert. Ferienhäuser kannte Gubacca. Ein Hotel war für uns Neuland. Eine kleine Ferienwohnung fühlte sich nach deutlich weniger Gelegenheiten an, schon am ersten Tag als die Frau mit dem auffälligen Hund in die Hausgeschichte einzugehen.
Die Vorsichtsmaßnahme erwies sich allerdings als vollkommen überflüssig. Gubacca sah sich kurz um, erklärte die Wohnung für akzeptabel und benahm sich tadellos. Selbst als er für einen kurzen Moment allein bleiben musste, gab es weder Gebell noch eine spontane Umgestaltung der Einrichtung. So konnte er also auch sein. Am Nachmittag trafen wir Bea und die Hunde wieder. Die gemeinsame Runde verlief zunächst herrlich unspektakulär. Gubacca bewegte sich selbstverständlich in der Gruppe, nahm die Hinweise der anderen Hunde an und wirkte wie ein sozial sehr kompetenter junger Rüde.
Vielleicht hätte ich trotzdem vorher fragen sollen, ob es auf unserer Strecke irgendwo Wasser oder ein Morastloch gab. Kurz vor dem Ende der Runde rannten alle Hunde in Richtung Wasser. Alle bis auf einen. Gubacca hatte etwas sehr viel Besseres entdeckt: ein Moderloch. Und was für eines. Das war keine kleine schlammige Stelle, in die man versehentlich mit einer Pfote hineintrat. Das war ein Loch, in dem ein Hund gefühlt bis zum Hals verschwinden und anschließend als bislang unbekannte Tierart wieder auftauchen konnte. Auf meinen Rückruf hin kam Gubacca freudestrahlend zu mir gelaufen. Zumindest vermutete ich, dass es Gubacca war. Unter der dunkelbraunen Schicht ließ sich das nicht mehr zweifelsfrei feststellen.
Mein Gesichtsausdruck muss herrlich gewesen sein. In meinem Kopf schaltete sofort alles auf Alarm. Wie sollte dieser Hund in das Auto meiner Schwester kommen? Wie sollte ich ihn mit ins Hotel nehmen? Und wie sollte ich den Menschen an der Rezeption erklären, dass der wohlerzogene junge Hund aus ihrer Ferienwohnung inzwischen aussah, als wäre er bei einer Moorwanderung falsch abgebogen? Ich hatte wirklich ein Talent dafür, Dinge schon im Voraus peinlich zu finden.
Bea betrachtete das Malheur deutlich gelassener. „Das Wildschwein-Gen haben sie alle“, stellte sie trocken fest. „Wir haben im Keller eine Hundedusche. Da bekommst du ihn ratzfatz sauber.“ Ratzfatz war optimistisch. Während meine Schwester gemütlich oben saß und Kuchen aß, stand ich im Keller und verpasste Gubacca sein erstes Vollbad. Der Modder klebte nicht einfach auf dem Fell. Er hatte offenbar beschlossen, eine dauerhafte Verbindung mit jeder einzelnen Locke einzugehen.
Ich spülte, massierte, spülte noch einmal und verbrauchte eine beachtliche Menge Handtücher. Anschließend reinigte ich den Hund, das Bad und stellenweise vermutlich auch mich selbst. Gubacca ließ die Prozedur erstaunlich gelassen über sich ergehen. Er wirkte nicht im Geringsten reumütig. Im Gegenteil. Sein Gesichtsausdruck sagte ziemlich deutlich, dass sich der Ausflug für ihn vollständig gelohnt hatte. Von diesem Nachmittag blieb für mich deshalb vor allem das Gefühl, dass ich mich auf Kaffee, Kuchen und einen ausgiebigen Austausch gefreut hatte und stattdessen im Keller mit einer sehr zufriedenen Moorleiche gerungen hatte.
Am nächsten Morgen kam eine Mitarbeiterin im Hotel extra zu meinem Frühstückstisch, um mir zu sagen, wie ruhig und brav mein Hund sei. Ich strahlte. Am liebsten hätte ich die Dame gebeten, uns zu Bea zu begleiten. Einfach als unabhängige Zeugin. Falls dort inzwischen der Eindruck entstanden war, ich hätte einen bellenden Bahnkontrolleur mit Wildschwein-Gen großgezogen.
Nach dem Frühstück wollte Bea sich meine Probleme noch einmal „im Feld“ anschauen. Dafür fuhren wir zu einem großen eingezäunten Gelände. Insgeheim hatte ich befürchtet, Gubacca würde sich ausgerechnet dort das ganze Wochenende wie ein Musterschüler benehmen. Auf der einen Seite wäre das gar nicht schlecht gewesen. Dann hätte ich nicht wie die völlig Unfähige ausgesehen. Auf der anderen Seite hätte es mir nicht weitergeholfen.
Ein superlieber Gubacca wäre für meinen sorgfältig geplanten Hilferuf im Grunde eine Katastrophe gewesen.
Diese Sorge hätte ich mir sparen können. Am Anfang fühlte ich mich sogar noch sicher. Hundeplatz konnte ich. Wir hatten viel geübt, ich wusste, was zu tun war. Dann forderte ich von Gubacca etwas konsequenter ein, eine längere Strecke an lockerer Leine neben mir zu laufen. Gubacca fand die Idee mäßig überzeugend. Er sprang mich an, pöbelte und ging in genau jenen Zustand, den ich so schwer beschreiben konnte. Da war er endlich. Der Gubacca, wegen dem ich hergefahren war.
Und plötzlich war ich gleichzeitig erleichtert und entsetzt. Erleichtert, weil Bea nun sah, dass ich mir dieses Verhalten nicht eingebildet hatte. Entsetzt, weil ich jetzt angemessen reagieren musste. Und zwar so, dass es nicht nach Panik aussah. Nicht nach durchgeknallter Tante. Sondern nach souveräner Führung. Also nach genau dem, was sich in diesem Moment ausgesprochen wenig souverän anfühlte. Ich spürte sofort dieses Herzklopfen und dieses ungute Ziehen im Bauch. Alles klar, Bine. Jetzt bist du auf dem Prüfstand.
Bea filmte das Drama mit ihrem Handy. Allein das Wissen, dass jede meiner Bewegungen gerade für die Nachwelt festgehalten wurde, machte mich nicht unbedingt lockerer. Ich bemühte mich noch mehr, alles richtig zu machen. Was bei mir zuverlässig dazu führt, dass plötzlich selbst normales Gehen wie eine Übung wirkt, für die ich am Vorabend besser noch ein Lehrbuch gelesen hätte.
Dann übernahm Bea Gubacca. Und mein Hund schaltete um. Er arbeitete aufmerksam mit ihr, orientierte sich an ihr und wirkte plötzlich, als hätte er sein Leben lang nichts lieber getan, als konzentriert an der Leine zu laufen. Kein großes Theater, keine ausufernde Diskussion. Er nahm sie ernst und setzte alles daran, ihr zu gefallen. Ich stand daneben und schwankte zwischen Bewunderung und einer sehr unchristlichen Form von Missgunst.
Nachmittags besprachen wir die Aufnahmen in Ruhe. Bea hielt mir das Handy hin.
„Schau mal“, sagte sie nur. Da sahen wir uns. Ich sah eine Frau, die sich sichtlich bemühte, alles richtig zu machen und dabei merkwürdig unsicher lief. So ein Gang, bei dem man sofort erkennt: Aha. Das bin ich. Und das ist nicht die Version von mir, die ich gern im Schaufenster ausstellen würde. Und ich sah Gubacca. Er sah nicht aus wie ein Hund, der nicht verstand, was ich von ihm wollte. Er sah eher aus wie ein Hund, der meine Bitte zur Kenntnis genommen und anschließend beschlossen hatte, eine Gegenposition zu vertreten.
Sobald ich eine Grenze klarer setzte oder eine Übung verbindlich einforderte, gab er den Widerstand doppelt zurück. Nicht aus Angst. Eher wie jemand, der sagt: Du möchtest diese Auseinandersetzung wirklich führen? Gut. Aber stehst du sie auch durch? „Daran musst du arbeiten“, sagte Bea. Ich bekam viele Hinweise, wie ich sinnvoller mit ihm üben konnte. Weniger Programm. Mehr Basis. Mehr Ruhe. Klarer werden, ohne mich innerlich schon vor dem möglichen Widerstand zu fürchten.
Ich weiß nicht, wie oft ich an diesem Wochenende „Ja, aber“ gesagt habe. Vermutlich oft genug, um daraus ein eigenes Trainingssignal zu machen. Ich wollte dieses eine Problem lösen: das plötzliche Ausrasten an der Leine. Die Lösungsvorschläge gingen jedoch in eine andere Richtung. Weniger mit ihm machen. Die Grundlast senken. An unserer Kommunikation arbeiten, bevor es überhaupt zur Eskalation kam. Für einen Menschen wie mich, der sehr lösungsorientiert denkt, war das schwierig. Ich wollte einen Knopf, auf den ich im richtigen Moment drücken konnte. Stattdessen bekam ich die Aufgabe, den gesamten Weg bis zu diesem Moment genauer anzuschauen.
Am liebsten hätte ich manche Hinweise innerlich unter „Ach, alles Quatsch“ abgelegt. Aber da war dieses Bild von Gubacca mit Bea. Wie aufmerksam er mit ihr gearbeitet hatte. Wie selbstverständlich er sich an ihr orientierte. Und natürlich hatte ich auch diesen einen Gedanken, der mich bis heute manchmal noch ärgert: Alle können klug reden. Sie sollen doch selbst einmal versuchen, Gubacca in solchen Momenten zu stoppen.
Nur hatte Bea es gerade versucht.
Und hinbekommen.
Es war also wohl doch nicht alles Quatsch. Trotzdem war ich Bine und keine Bea. Ich konnte ihre Haltung nicht einfach anziehen wie eine geliehene Jacke und erwarten, dass sie mir sofort passte. Gubacca und ich mussten unseren eigenen Weg finden. Aber vielleicht musste ich dafür zunächst akzeptieren, dass mein bisheriger Weg an manchen Stellen noch ziemlich wackelig war.
Ich war zu diesem Besuch gefahren, weil ich helfen lassen wollte und gleichzeitig unbedingt zeigen wollte, wie gut ich alles im Griff hatte. Gubacca löste diesen Widerspruch auf seine ganz eigene Weise. Er bellte Züge an, verwandelte sich in eine Moorleiche und holte auf dem Hundeplatz zuverlässig Kevin hervor. Rückblickend war das vermutlich das Hilfreichste, was er an diesem Wochenende tun konnte. Ein vorbildlicher Gubacca hätte mir mein schönes Bild gelassen. Dieser hier zwang mich hinzusehen.
Nur auf das Wildschwein-Gen hätte ich bei aller Wahrheitsliebe verzichten können.
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