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Reaktionstempo: Während Bine noch überlegt, bin ich längst da

Juli 22, 2026

Ich reagiere schnell. Bine nennt das gelegentlich vorschnell. Das finde ich ungerecht. Vorschnell würde bedeuten, dass ich handle, bevor ich nachgedacht habe. Ich habe durchaus nachgedacht. Ich bin nur schon fertig, während Bine noch herauszufinden versucht, worüber sie überhaupt nachdenken sollte.Menschen verbringen schließlich einen beträchtlichen Teil ihres Lebens damit, alles schneller zu machen. Schnellere Autos, schnelleres Internet, schnellere Lieferungen. Selbst beim Kochen gibt es Geräte, die das Essen in wenigen Minuten zubereiten, weil offenbar niemand mehr die Zeit hat, auf eine Kartoffel zu warten. Nur bei mir heißt es plötzlich: „Nicht so schnell, Gubacca.“ Manchmal verstehe ich die Menschen wirklich nicht.

Ich reagiere schnell. Bine nennt das gelegentlich vorschnell. Das finde ich ungerecht. Vorschnell würde bedeuten, dass ich handle, bevor ich nachgedacht habe. Ich habe durchaus nachgedacht. Ich bin nur schon fertig, während Bine noch herauszufinden versucht, worüber sie überhaupt nachdenken sollte.

Menschen verbringen schließlich einen beträchtlichen Teil ihres Lebens damit, alles schneller zu machen. Schnellere Autos, schnelleres Internet, schnellere Lieferungen. Selbst beim Kochen gibt es Geräte, die das Essen in wenigen Minuten zubereiten, weil offenbar niemand mehr die Zeit hat, auf eine Kartoffel zu warten. Nur bei mir heißt es plötzlich: „Nicht so schnell, Gubacca.“ Manchmal verstehe ich die Menschen wirklich nicht.

Wenn ich etwas bemerke, sehe ich es mir an, ordne es ein und treffe eine Entscheidung. Das ist keine Hektik. Das ist eine effiziente Nutzung meiner Möglichkeiten. Bine arbeitet anders. Während ich innerlich längst im Ferrari sitze, den Motor gestartet und die erste Kurve genommen habe, sucht sie noch den Schlüssel für ihren Kleinwagen. Dabei kann ich nicht einmal behaupten, dass sie gar nichts bemerkt. Sie bemerkt vieles. Nur eben später.

Der Radfahrer von hinten

Nehmen wir einen Radfahrer, der sich uns von hinten nähert. Ich höre ihn meistens lange, bevor Bine auch nur ahnt, dass hinter uns etwas auf Rädern unterwegs ist. Das leise Rollen auf dem Boden, ein kaum wahrnehmbares Klappern, manchmal eine Veränderung im Luftzug. Für mich reicht das völlig.

Ich sehe Bine an. Dann drehe ich mich kurz um. Damit ist die Meldung eigentlich vollständig: Hinter uns kommt jemand. Ich habe ihn gehört. Du solltest vielleicht ebenfalls davon wissen.

Bine läuft zunächst weiter. Vermutlich denkt sie über den nächsten Blogbeitrag nach. Oder darüber, was sie später kochen könnte. Vielleicht fragt sie sich auch, weshalb ich sie plötzlich so bedeutungsvoll ansehe. Dann hört sie irgendwann das Fahrrad. Dann versteht sie meinen Blick. Dann lobt sie mich. Und wenige Augenblicke später glaubt sie vermutlich, wir hätten die Situation gemeinsam gemeistert. Das lasse ich ihr. Ich bin schließlich nicht kleinlich.

Der Radfahrer fährt vorbei, ich bleibe ruhig und Bine freut sich darüber, wie schön ich mich an ihr orientiert habe. Was grundsätzlich stimmt. Man sollte dabei nur nicht vergessen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits den Radfahrer wahrgenommen, seine Richtung bestimmt, Bine informiert und kontrolliert habe, ob meine Mitteilung bei ihr angekommen ist. Bine hat mich gelobt. Jeder leistet eben das, was er kann.

Angeborene Arbeitsausstattung

Meine Schnelligkeit kommt übrigens nicht völlig überraschend. Ein Gos sollte bei seiner ursprünglichen Arbeit nicht nur darauf warten, dass ihm jede einzelne Bewegung erklärt wurde. Er musste eine Herde im Blick behalten, Abweichungen erkennen und notfalls selbstständig reagieren. Im Rassestandard wird ausdrücklich beschrieben, dass er Eigeninitiative zeigt und verhindert, dass sich einzelne Tiere von der Herde entfernen. Aktivität, Intelligenz und Wachsamkeit gehörten also nicht zu den unerwünschten Begleiterscheinungen, sondern waren Teil der Arbeitsausstattung.

Wenn sich irgendwo ein Tier entfernte, konnte ein Gos schließlich schlecht erst zum Schäfer laufen und fragen: „Entschuldigung, da hinten passiert gerade etwas. Hättest du vielleicht kurz Zeit, mir mitzuteilen, wie ich damit umgehen soll?“ Bis dahin wäre das Schaf vermutlich längst im Nachbartal angekommen. Also sah man hin. Man bewertete die Lage. Man reagierte. Damals fanden Menschen das ausgesprochen nützlich. Heute bemerke ich einen Radfahrer, ein ungewöhnliches Fahrzeug oder einen großen Rüden innerhalb eines Augenblicks und plötzlich heißt es: „Gubacca, warte.“ Man kann es ihnen wirklich nicht recht machen.

Das Auto auf dem Feldweg

Besonders interessant sind Dinge, die von der gewohnten Ordnung abweichen. Ein Auto auf einem Feldweg zum Beispiel, auf dem normalerweise keine Autos fahren. Bine sieht ein Auto. Ich sehe einen Vorgang, der einer genaueren Prüfung bedarf: Warum fährt es dort? Weshalb ausgerechnet heute? Wer sitzt darin? Wo will es hin? Und warum scheint außer mir niemand zu erkennen, dass dieses Fahrzeug eindeutig nicht zum üblichen Bild gehört?

Ich bleibe kurz stehen. Mein Körper wird still. Dann belle ich. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen Autos hätte. Auf einer Straße kann ich ihre Anwesenheit durchaus akzeptieren. Dort gehören sie hin. Ein Auto auf einer Straße ist keine Nachricht. Ein Auto mitten auf unserem Feldweg dagegen schon.

Bine braucht meistens einen Moment, bis sie versteht, weshalb ich überhaupt reagiert habe. Sie schaut erst mich an, dann das Auto und anschließend wieder mich. Ich kann ihr beinahe beim Denken zusehen: Da ist ein Auto. Gubacca bellt. Hier fährt sonst kein Auto. Ach so.

Dann sagt sie: „Alles gut, Gubacca.“ Dieser Satz enthält erstaunlich wenig überprüfbare Information. Hat sie den Fahrer kontrolliert? Kennt sie sein Ziel? Wurde die ungewöhnliche Nutzung des Feldwegs vorher mit ihr abgestimmt? Nein. Bine hat lediglich entschieden, dass das Fahrzeug vermutlich harmlos ist.

Inzwischen weiß ich allerdings, was sie mit „Alles gut“ meint. Nicht, dass dort nichts wäre. Da ist sehr wohl etwas. Ich habe es schließlich gemeldet. Sie meint: Ich habe es jetzt ebenfalls gesehen. Du musst dich nicht weiter darum kümmern. Damit kann ich meistens leben. Es dauert nur gelegentlich etwas, bis sie an diesem Punkt angekommen ist.

Unterwegs mit großen Rüden

Bei großen unkastrierten Rüden wird unser unterschiedliches Tempo besonders deutlich. Ich sehe den Rüden. Ich prüfe Größe, Haltung, Entfernung und Auftreten. Danach stehen meine Rute und meine Einschätzung fest.

Bine entdeckt ihn ebenfalls. Dann bleibt ihr Schritt für einen winzigen Moment hängen. Danach wird sie langsamer. Anschließend schaut sie nach links und rechts, sucht mögliche Ausweichwege und überlegt, ob wir weitergehen, einen Bogen laufen oder umdrehen sollten. Ich möchte das nicht kritisieren. Zumindest nicht übermäßig. Sie versucht schließlich, eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Allerdings tut sie das in einer Geschwindigkeit, bei der sich die Lage währenddessen mehrfach verändern könnte.

Der Rüde kommt näher. Ich habe ihn längst bewertet. Bine prüft noch, ob sich hinter dem Gebüsch vielleicht ein geeigneter Fluchtweg befindet. Ihr ganzer Körper teilt mir dabei sehr zuverlässig mit: Großer Rüde. Hohe Aufmerksamkeit. Wir haben noch keinen fertigen Plan.

Aus ihrem Mund kommt gelegentlich nur: „Nein.“ Nein was? Nein, der Rüde existiert nicht? Nein, ich soll nicht hinsehen? Nein, wir gehen nicht weiter? Oder nein, Bine ist mit meiner bisherigen Einschätzung nicht einverstanden, hat aber noch keine eigene fertiggestellt?

Ich gebe zu, dass ihre Mitteilungen inzwischen besser geworden sind. „Zu mir“ oder „Bei mir laufen“ sind deutlich verständlicher als ein einzelnes Wort, mit dem offenbar ein ganzer menschlicher Gedankengang abgedeckt werden soll. Aber das soll hier gar nicht das eigentliche Thema sein. Es geht schließlich nicht darum, dass Bine manchmal etwas lange braucht, um mir ihren Plan mitzuteilen. Es geht darum, dass ich ihn in derselben Zeit vermutlich bereits dreimal hätte ändern können. Genau darin liegt unsere eigentliche Herausforderung.

Ich nehme nicht nur schnell wahr. Mein ganzer Körper reagiert schnell. Ein Geräusch, eine Bewegung oder eine Veränderung in der Umgebung erreicht mich nicht erst nach einer längeren Beratung mit mir selbst. Die Information ist da und mein Körper steht bereit. Für Bine wirkt das manchmal, als wäre ich innerhalb eines Augenblicks von null auf dreihundert. Aus meiner Sicht fehlt da nichts. Ich habe den Radfahrer gehört. Ich habe das Auto gesehen. Ich habe den Rüden geprüft. Nur weil Bine den größten Teil dieses Vorgangs verpasst hat, bedeutet das nicht, dass er nicht stattgefunden hat.

Die Kunst der kleinen Pause

Trotzdem soll ich lernen, zwischen Wahrnehmung und Handlung einen kleinen Moment freizulassen. Das ist schon etwas merkwürdig. Überall soll alles schneller, besser und effizienter werden. Menschen ärgern sich, wenn eine Internetseite drei Sekunden zum Laden braucht. Sie hupen, wenn ein Auto an der grünen Ampel nicht sofort losfährt. Sie kaufen Kaffeemaschinen, die bereits morgens wissen sollen, wann sie ihren Dienst anzutreten haben. Und ich soll warten. Kurz schauen. Noch nicht reagieren. Bine Zeit geben. Absurd. Aber nicht völlig unsinnig.

Denn wenn ich sofort selbst entscheide, bleibt ihr kaum Gelegenheit, sich einzuschalten. Und wenn ich jede Lage allein regle, sehe ich irgendwann keinen Grund mehr, auf ihre Einschätzung zu warten. Also üben wir diese kleine Pause: Ich bemerke etwas. Ich sehe zu Bine. Sie spricht mich an. Ich bleibe bei ihr. Dann gehen wir weiter.

Das Zeitfenster dafür ist nicht besonders groß. Bine muss schon aufmerksam sein. Wenn ich erst vollständig im Ferrari sitze, braucht sie mit ihrem Kleinwagen nicht mehr anzuklopfen. Erwischt sie den richtigen Moment, funktioniert es jedoch erstaunlich gut. Für Menschen sieht ein kurzer Blick vermutlich nach wenig aus. Für mich bedeutet er, eine bereits laufende Entscheidung zu unterbrechen und abzuwarten, ob von Bine noch etwas Brauchbares kommt. Das ist eine beachtliche Leistung. Ein Leckerchen ist dafür keineswegs übertrieben. Ich möchte das nur erwähnt haben.

Ein Leckerchen kauft keine Meinung

Allerdings sollte ein Leckerchen nicht mit vollständiger Zustimmung verwechselt werden. Das hat Bine erst kürzlich wieder erlebt. Der Nachbarrüde bellte am Gartenzaun. Bine hatte ihn bereits gesehen und bemerkte auch, dass ich ihn ebenfalls wahrgenommen hatte. Sie sprach mich an. Ich sah zu ihr. Wir gingen gemeinsam weiter. Für meine Kooperation erhielt ich ein Leckerchen.

Aus Bines Sicht war die Angelegenheit damit abgeschlossen. Aus meiner Sicht fast. Drei Beller fehlten noch. Also reichte ich sie nach. Nicht, weil ich ihre Entscheidung ignoriert hätte. Ich war schließlich mitgegangen. Ich hatte mich an ihr orientiert und meine ursprüngliche Reaktion zurückgestellt. Aber der Rüde am Zaun sollte nicht glauben, ich hätte ihn übersehen. Das wäre ein völlig falscher Eindruck gewesen.

Bine war offenbar der Meinung, nach erfolgreicher Zusammenarbeit und erfolgter Bezahlung dürfe ich nicht noch einmal auf das ursprüngliche Thema zurückkommen. Das sehe ich anders. Ein Leckerchen würdigt mein Verhalten. Es kauft nicht automatisch meine Meinung.

Ich soll also lernen, meine Entscheidungen nicht ganz so schnell umzusetzen. Nicht langsamer wahrzunehmen. Das wäre schließlich reine Verschwendung. Ich soll den Radfahrer weiterhin hören, bevor Bine ihn bemerkt. Ich soll erkennen, wenn ein Auto dort fährt, wo sonst keines fährt. Und natürlich darf ich auch einen großen Rüden frühzeitig sehen. Ich soll nur nicht sofort davon ausgehen, dass ich für alles allein zuständig bin.

Bine soll im Gegenzug versuchen, etwas früher zu erkennen, dass eine Entscheidung ansteht. So arbeiten wir uns langsam aufeinander zu. Wobei langsam in diesem Fall selbstverständlich ihre Geschwindigkeit bezeichnet.

Bis dahin fahren wir weiter gemeinsam durch den Alltag: Ich im Ferrari. Bine in ihrem Kleinwagen. Sie kommt meistens an. Ich war nur schon vorher da.

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