Wer es bisher noch nicht wusste: Ich bin ein absoluter Gewohnheitsmensch. Kombiniert mit einer gehörigen Prise Aberglauben ergibt das eine Frau, die nicht nur regelmäßig exakt denselben Urlaubsort bucht, sondern dafür auch einen ganz magischen Zeitraum besitzt. In diesen zwei Wochen hatte ich in Langholz so oft unverschämtes Glück mit dem Wetter, dass ich unser kleines Ferienhäuschen am liebsten für die nächsten zehn Jahre im Voraus für Mitte Juni reservieren würde. Sicher ist sicher. Man weiß schließlich nie, ob das Universum plötzlich beschließt, meine persönliche Schönwettergarantie spontan an jemand anderen zu vergeben.
Auch in diesem Jahr hat mein magischer Zeitraum wieder absolut zuverlässig geliefert. Während große Teile Deutschlands bei fast 40 Grad langsam vor sich hin schmolzen, war es an der Ostsee angenehm kühl. Teilweise sogar so erfrischend, dass man abends vermutlich eine dickere Jacke gebraucht hätte. Ich kann das allerdings leider nur vermuten – denn in diesem Jahr hatte ich keinen Urlaub gebucht. Nicht nur kein Langholz, weil wir dort nun wirklich schon sehr oft gewesen waren. Nein, gar keinen Urlaub.
Nach unserem Erlebnis im Allgäu, bei dem mein Mann einen unerwarteten dreitägigen Zwischenstopp im Krankenhaus Füssen eingelegt hatte, und einigen weiteren persönlichen Dingen, die kein Mensch in seinem Fotoalbum braucht, meldete sich mein Bauchgefühl. Es sagte ganz deutlich: Bleib zu Hause. Mein Bauchgefühl sagt selten etwas, aber wenn es sich schon einmal zu Wort meldet, neige ich dazu, es verdammt ernst zu nehmen. Rückblickend hätte ich ihm in diesem Fall allerdings gern für ein paar Wochen rigoroses Hausverbot erteilt.
Während mein magischer Urlaubszeitraum an der Ostsee wieder einmal alles gab, saß ich zu Hause vor dem Laptop. Bei jedem Strandbild auf Facebook seufzte ich ein wenig tiefer. Bei jedem geposteten Sonnenuntergang wurde ich ein wenig unleidlicher. Und sobald irgendwo ein Hund glücklich durch die Wellen lief, blickte ich zu Gubacca und dachte: Mein kleiner Spanier würde jetzt bestimmt auch unheimlich gern dort sein. Schon sah ich ihn vor mir: Gubacca am Strand, Gubacca zwischen den Wellen, Gubacca auf unseren vertrauten Wegen – mit salzigem Fell und Sand an Stellen, an denen Sand bei einem langhaarigen Hund eigentlich absolut nichts verloren hat.
Mein Mann versuchte derweil redlich, mich zu trösten. Vermutlich wollte er auf keinen Fall als gesundheitlich angeschlagener Urlaubsverhinderer in die Familiengeschichte eingehen. Seine beruhigende These lautete deshalb: Gubacca sei bestimmt heilfroh, dass er in diesem Jahr mal nicht in den Urlaub fahren musste. Eine Meinung, die ich im ersten Moment so gar nicht teilen wollte.
Möchte ein Hund überhaupt in den Urlaub fahren?
Ausgerechnet in dieser melancholischen Stimmung entdeckte ich auf Facebook einen Beitrag über das Verreisen mit Hund. Der Grundgedanke war schnell zusammengefasst: Nicht jeder Urlaub ist auch für den Hund eine Erholung. Neue Orte, fremde Geräusche, ungewohnte Schlafplätze, lange Anreisen und ein vollgepacktes Ausflugsprogramm können Hunde erheblich belasten. Nur weil ein Hund überall brav mitläuft, bedeutet das noch lange nicht, dass er sich dabei auch wirklich wohlfühlt. Bis dahin konnte ich gedanklich gut folgen.
Dann wurde der Beitrag deutlicher: Ein Hund fahre nicht in den Urlaub, weil er das explizit möchte. Er fahre nur mit, weil seine Menschen ihn mitnehmen und weil er bei seinem Rudel bleiben wolle. Unter dem Post wurde natürlich heftig diskutiert. Viele fanden den Ansatz viel zu einseitig. Ihre Hunde würden das Verreisen lieben, begeistert ins Auto springen und sich an Urlaubsorten sichtbar wohlfühlen. Manche schienen sich beinahe persönlich angegriffen zu fühlen – als hätte jemand nicht nur die Reisefreude ihres Hundes infrage gestellt, sondern gleich den gesamten Jahresurlaub nachträglich aberkannt. Ich konnte irgendwie beide Seiten verstehen.
Natürlich sitzt Gubacca nicht im Januar mit einem Urlaubskatalog auf dem Sofa und vergleicht die Vorzüge der Ostsee mit denen des Allgäus. Er überprüft auch keine Ferienhausbewertungen und legt vermutlich keinen gesteigerten Wert auf Meerblick. Trotzdem glaube ich nicht, dass er nur deshalb mit uns verreist (wenn er es selbst entscheiden könnte), weil wir sein soziales Sicherheitsprogramm sind und er schlicht keine andere Wahl hat. Lange Autofahrten sind für ihn überhaupt kein Problem; er liegt tiefentspannt in seiner Box auf dem Rücksitz und verschläft große Teile der Strecke. In Ferienhäusern findet er sich meist schnell zurecht, bleibt dort problemlos allein und erkundet mit mir gern neue Wege.
Langholz kennt er inzwischen so gut, dass die Bezeichnung „Urlaubsort“ kaum noch passt. Vermutlich betrachtet er es als seinen zweiten Wohnsitz, bei dem wir lediglich für Buchung, Anreise und Schlüsselübergabe zuständig sind. Er erinnert sich präzise an Wege und Abzweigungen, weiß ganz genau, in welche Richtung es zum Strand geht, und bewegt sich dort nicht wie ein Hund, der gegen seinen Willen aus seinem gewohnten Leben gerissen wurde. Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass Gubacca unsere gemeinsamen Reisen genießen kann. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass er automatisch alles genießen muss, was wir Menschen unter Urlaub verstehen.
Langholz und Kevin in Hochform
Wie schnell man einen ruhigen Urlaubsort mit einem entspannten Hund verwechseln kann, zeigte mir Gubacca gleich bei unserem ersten Urlaub in Langholz. Er war damals zarte fünfzehn Monate alt, und ich war fest davon überzeugt, dass ein Hund dort eigentlich nur tiefenentspannt durch die Landschaft schweben konnte. Ein paar Tage lang schien meine Theorie auch wunderbar aufzugehen. Dann knallte es. Nicht in Langholz, sondern in Gubacca.
Gubacca sprang uns plötzlich mit voller Wucht an. Er ging in unsere Kleidung und pöbelte alles an, was sich irgendwie zum Anpöbeln eignete. Kevin war in absoluter Hochform! Kevin ist der Teil von Gubacca, der zum Vorschein kommt, wenn das Gehirn den geordneten Betrieb kurzzeitig einstellt und die Impulskontrolle bereits Feierabend gemacht hat. In diesem Zustand wird nicht mehr lange geprüft, analysiert und abgewogen – dann wird gehandelt. Möglichst körperbetont und mit großem persönlichem Einsatz.
Ich war vollkommen fassungslos. Langholz war so ruhig; es gab keine überfüllten Einkaufsstraßen, keine lauten Veranstaltungen und keine endlosen Restaurantbesuche. Wenn mein Hund schon dort nach wenigen Tagen derart aus der Spur geriet, sah ich unsere gemeinsame Urlaubskarriere in Gedanken bereits als beendet an. Vermutlich würden wir künftig nur noch getrennt verreisen können: Einer an die Ostsee, einer mit dem überforderten Kevin zu Hause, und im folgenden Jahr wird getauscht. Was ich damals einfach noch nicht verstanden hatte: Es braucht keinen trubeligen Urlaubsort, damit ein junger Hund völlig überfordert ist. Viel Wasser, viel Bewegung, ständig neue Wege, fremde Gerüche, andere Geräusche und ein ungewohnter Tagesablauf reichten bei Gubacca vollkommen aus. Jeder einzelne Punkt für sich war schön – in der Summe war es einfach zu viel.
Er hatte nicht plötzlich beschlossen, uns den Urlaub zu verderben; er konnte schlichtweg nichts mehr vernünftig verarbeiten. Und weil Gubacca noch nie ein Hund für leise, diplomatische Hinweise war, teilte er uns seinen Zustand eben mit vollem Körpereinsatz mit. Dieser Urlaub wurde für mich zu einer ganz wichtigen Lektion: Ein ruhiger Ort sorgt nicht automatisch für einen ruhigen Hund. Und ein Hund, der scheinbar begeistert unterwegs ist, kann trotzdem längst zu viele Eindrücke gesammelt haben.
Der Hund muss nicht überall dabei sein
Mit diesem Wissen verliefen unsere nächsten Reisen glücklicherweise deutlich entspannter. Wir planten nicht mehr nur danach, was an einem Urlaubstag alles theoretisch möglich war, sondern achteten viel stärker darauf, was Gubacca davon tatsächlich gut verkraften konnte. Wenn wir eine gut besuchte Stadt ansehen oder in Ruhe einkaufen wollten, blieb er einfach im Ferienhaus. Während wir durch Geschäfte liefen, fremde Menschen umkurvten und darüber diskutierten, ob wir wirklich noch eine Tasse mit Möwenmotiv brauchten, lag Gubacca in seiner Klappbox und schlief.
Seine Box ist deshalb auf jeder Reise fest dabei. Sie ist sein vertrauter Rückzugsort in einer fremden Umgebung. Das Ferienhaus wechselt, der Schlafplatz bleibt. Kaum steht die Box an ihrem Platz, gibt es im neuen Zuhause sofort etwas, das vertraut nach ihm riecht und dessen Regeln er in- und auswendig kennt. Dort drängt ihn niemand zur nächsten Sehenswürdigkeit, dort muss er keine fremden Geräusche einordnen und keine neuen Wege analysieren. Dort kann er einfach sein.
Früher hätte ich womöglich ein schlechtes Gewissen gehabt, ihn im Urlaub allein zu lassen. Schließlich fährt man doch gemeinsam weg, damit der Hund möglichst viel dabei sein kann. Heute sehe ich das ganz anders. Gubacca verpasst absolut nichts, wenn er nicht durch eine belebte Innenstadt läuft, die weder ihm noch mir Freude macht. Fremde Städte sind einfach nicht unser Ding. Dort werde ich hektisch, weil er hektisch wird – oder er wird hektisch, weil ich hektisch werde. Wer damit beginnt, lässt sich nach einigen Minuten ohnehin nicht mehr feststellen. Ein entspannter gemeinsamer Stadtbummel sieht jedenfalls anders aus.
Wir sind beide deutlich glücklicher, wenn wir solche Ausflüge ohne ihn unternehmen und Gubacca in der Zwischenzeit genüsslich ausschlafen kann. Danach starten wir gemeinsam zu einer ruhigen Runde, bei der niemand zwischen Einkaufstüten, Außengastronomie und fremden Hundebegegnungen die Nerven verliert. Nicht jeder gemeinsame Urlaubstag muss von morgens bis abends gemeinsam stattfinden. Diese Erkenntnis klingt simpel, aber ich musste trotzdem erst nach Langholz fahren, um sie wirklich zu begreifen.
Manchmal sind die Zeichen sehr klein
Ganz unrecht hat mein Mann allerdings nicht: Gubacca braucht inzwischen an fremden Orten einen kleinen Tick länger als früher, bis er wirklich voll und ganz angekommen ist. Er findet sich weiterhin gut zurecht und bleibt auch dort problemlos allein. Trotzdem reagiert er manchmal aufmerksamer, wenn wir uns fertig machen und ohne ihn losfahren wollen. Er steht dann noch einmal auf, beobachtet genauer, was wir tun, und prüft aufmerksam, ob Leine und Halsband für ihn gedacht sind oder ob die Menschen eigene Pläne verfolgen. Es ist nichts Dramatisches. Vermutlich würde es niemandem auffallen, der ihn nicht sehr gut kennt.
Aber genau darin liegt für mich inzwischen ein ganz wichtiger Punkt: Ein Hund muss nicht das Ferienhaus zerlegen, das Futter komplett verweigern oder mit gepacktem Koffer protestierend an der Haustür stehen, damit eine Reise ihn spürbar beschäftigt. Manchmal zeigt sich Überforderung laut und mit Anlauf – und manchmal eben nur in einem einzigen, kurzen Blick. Gubacca ist inzwischen neun Jahre alt. Reisen sind für ihn vielleicht ein wenig anstrengender geworden. Das heißt absolut nicht, dass er nicht mehr gern mitkommt; es bedeutet nur, dass wir genauer hinsehen müssen. Und dass wir nicht jeden Urlaubstag bis zum Rand mit Erlebnissen füllen sollten, nur damit sich die weite Anreise auch wirklich gelohnt hat.
Was liebt mein Hund am Urlaub?
Ob Hunde grundsätzlich gern verreisen, lässt sich vermutlich ebenso wenig pauschal beantworten wie die Frage, ob Menschen grundsätzlich gern Campingurlaub machen. Die einen blühen vollkommen auf, die anderen würden lieber schweigen und insgeheim auf ein komfortables Hotelzimmer hoffen. Manche Hunde lieben neue Orte und sind in jeder Ferienwohnung sofort zu Hause; andere brauchen lange, bis sie überhaupt entspannen können. Manche finden eine lange Wanderung großartig, aber eine belebte Strandpromenade ganz schrecklich. Andere wiederum liegen zufrieden unter dem Tisch eines Cafés und halten jeden Waldweg für eine völlig unnötige Zumutung.
Deshalb frage ich mich inzwischen weniger, ob Gubacca Urlaub generell mag. Ich frage mich eher: Was genau mag er an unserem Urlaub? Die vertrauten Wege in Langholz vermutlich schon. Das Wasser ganz sicher. Gemeinsame Touren ebenfalls. Eine ruhige Morgenrunde, danach ein langer, ungestörter Schlaf im Ferienhaus und später noch einmal hinaus an den Strand – das dürfte ziemlich nah an seiner Vorstellung eines perfekt gelungenen Urlaubstags liegen. Innenstädte, Menschenmengen und ein dichtes Ausflugsprogramm gehören eher nicht dazu. Das sieht auf Facebook womöglich weniger spektakulär aus. Ein schlafender Hund im Ferienhaus sammelt schließlich deutlich weniger Herzen als ein Hund vor einer dramatischen Meereskulisse. Für Gubacca kann es trotzdem genau richtig sein.
Ich glaube deshalb weiterhin fest daran, dass er auch in diesem Sommer sehr gern mit uns nach Langholz gefahren wäre. Er hätte die Wege sofort wiedererkannt, am Strand das Wasser geprüft und vermutlich sehr genau gewusst, an welcher Abzweigung wir gerade wieder falsch unterwegs sind. Mein Mann darf trotzdem bei seiner Meinung bleiben, dass Gubacca den ausgefallenen Urlaub deutlich weniger tragisch fand als ich. Vermutlich hat er sogar recht.
Gubacca saß schließlich nicht seufzend vor fremden Strandbildern. Er zählte keine verpassten Sonnenuntergänge und ärgerte sich nicht über den verpassten Urlaub. Er hatte seine vertrauten Wege, seinen Garten und uns. Damit war seine Welt wahrscheinlich ziemlich in Ordnung. Meine etwas weniger. Gubacca kommt also offenbar auch ohne Ostsee ganz gut zurecht. Ich dagegen reagiere bei Facebook auf die magischen Worte „noch frei“ und „Last Minute“ inzwischen so zuverlässig wie er auf das leise Rascheln einer Leckerchentüte. Und mein Bauchgefühl bekommt beim nächsten Mal vorsorglich absolutes Hausverbot.
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