Manche Dinge ändern sich nie. Und das ist beim Zusammenleben mit Gubacca auch wunderschön. Es sind oft genau diese kleinen, schrulligen Marotten, die einem mit der Zeit immer tiefer ans Herz wachsen und unsere Beziehung erst so richtig einzigartig machen.
Andere Dinge ändern sich dagegen sehr wohl. Seine Leidenschaft für Wasser zum Beispiel.
In seinem ersten Lebensjahr war Gubacca kein Hund, sondern ein wandelnder Wünschelrutengänger. Jede noch so winzige Wasserquelle wurde auf 500 Meter Entfernung zuverlässig geortet. Bach? Tümpel? Matschpfütze? Verdächtig feuchte Wiese? Gubacca wusste Bescheid, lange bevor ich überhaupt ahnte, dass wir uns offenbar in einem völlig unterschätzten Naherholungsgebiet mit venezianischen Nebenarmen befinden. Vor Gubacca war mir nie bewusst gewesen, wie nass Deutschland eigentlich ist. Danach lebte ich gefühlt in Klein-Venedig. Nur ohne romantische Gondeln, dafür mit schlammiger Schleppleine und chronisch erhöhtem Puls.
Unser absolut schlimmstes Wasser-Erlebnis hatten wir auf einer Weide. Gubacca witterte irgendwo im hohen Gras ein Schlammloch und schoss los wie eine Rakete. Das Problem: Auf der Wiese standen Rinder. Sehr große Rinder. In Sekundenbruchteilen sah ich im Kopf schon die Katastrophe vor mir: Ich sah die Rinder. Ich sah Gubacca. Ich sah den Gos schon zwischen den Hufen verschwinden und hatte panische Angst, dass ihm etwas passiert. Es ging zum Glück alles gut aus – aber ich hatte danach vermutlich drei graue Haare mehr auf dem Kopf. Mindestens.
Natürlich bekam der wasserverrückte Junghund in seinem ersten Sommer auch ein eigenes Planschbecken. Wie man das als verantwortungsvolles Frauchen eben macht, wenn man noch naiv glaubt, gute Ideen würden automatisch zu harmonischen Ergebnissen führen. Das Becken wurde allerdings recht schnell zum Ort des Schreckens. Nicht, weil Gubacca Angst gehabt hätte. Im Gegenteil! Er fand es großartig. Viel zu großartig. Nach jeder Planschrunde mutierte er zu einer völlig unkontrollierbaren Mischung aus Flummi, Wildschwein und Schnappschildkröte. Meine T-Shirt-Sammlung aus diesem Jahr hatte danach ein ganz besonderes Design: Kleine Löcher im Stoff und bei mir im Kopf die Befürchtung, dass wir hier ein riesiges Erziehungsproblem vor uns herbeschwören – eine Sorge, die sich glücklicherweise nie erfüllte.
In den folgenden Jahren ließ die Begeisterung merklich nach. Der Kanal ist bis heute spannend, keine Frage. Da kann man wichtig am Ufer stehen, tief inhalieren und so tun, als hätte man einen unaufschiebbaren Termin mit der Wasseroberfläche. Aber ein eigenwertiger Hundepool im Garten? Vollkommen überbewertet. Der letzte Versuch stand erst ungenutzt im Rasen, verbrachte dann zwei Jahre unbeachtet in einer Ecke der Garage und landete schließlich im Sperrmüll.
Von daher betrachtete ich den Vorschlag des Göttergatten, wieder einen Pool zu kaufen, mit äußerster Skepsis. Um nicht zu sagen: Ich hielt es für die flüssigste Verschwendung des Jahres.
Aber der Göttergatte wäre ja nicht Herr Mini-Rütter, wenn er es nicht mal wieder besser gewusst hätte.
Dummerweise gab es dann bei Action einen Hundepool im Wochenangebot. Und mit Action kann man mich ja leider immer locken. Ich brauche zwar absolut gar nichts, aber für die 99. Solarlampe findet sich im Garten im Zweifel immer noch ein Plätzchen. Während manche Menschen zur Entspannung in den Wald gehen, schlendere ich zur seelischen Erholung durch Gänge mit Aufbewahrungsboxen, Gartensteckern und Dingen, von denen ich bis dato nicht einmal wusste, dass mein Leben sie dringend braucht.
Also ließ ich mich überreden. Ich fuhr alleine los. Natürlich am allerletzten Tag des Angebots. Natürlich war die Palette komplett leergefegt. Und wie das im Leben so ist: Was man nicht haben kann, will man plötzlich unbedingt. In meinem Kopf setzte schlagartig eine völlig irrationale Torschlusspanik ein: Sollte mein armer, langhaariger Spanier etwa als einziger Hund auf diesem Planeten bei mörderischer Hitze ohne Abkühlmöglichkeit im Garten leben müssen?! Der Gedanke war völlig verrückt, aber in diesem Moment absolut überzeugend. Offenbar teilte das halbe Ruhrgebiet mein schlechtes Gewissen, denn im gesamten Einkaufszentrum war kein einziger Pool mehr aufzutreiben. Immerhin war es dort herrlich klimatisiert. Man muss eben auch die kleinen Erfolge feiern.
Zu Hause angekommen, erntete ich natürlich den klassischen Blick und den Satz: „Du hast bestimmt einfach nicht richtig geschaut.“ Aha.
Am nächsten Tag wurde das Projekt Pool zur Chefsache erklärt. Herr Mini-Rütter fuhr höchstpersönlich und mit entschlossenem Blick in eine andere Filiale. Echte Hundepools gab es zwar auch dort nicht mehr, aber er kehrte trotzdem stolz zurück. Im Gepäck: gleich zwei Kinderplanschbecken.
„Warum bitteschön zwei?“, fragte ich fassungslos.
„Na, auf Vorrat! Falls das erste kaputtgeht.“ Der kluge Mann sorgt eben vor.
In der glühenden Mittagshitze kam dann richtig Dynamik in die Sache. Also... nicht bei Gubacca. Der lag strategisch günstig im Schatten. Nein, bei meinem Mann. Unter vollem Körpereinsatz wurde das Plastikteil aufgepumpt. Der perfekte Platz im Garten wurde sorgfältig ausgewählt. Natürlich wurde eine rutschfeste Matte darunter ausgebreitet. Der XL-Sonnenschirm wurde herangeschleppt und so justiert, dass kein einziger Sonnenstrahl das Becken treffen konnte. Wasser marsch! Und dann wurde feinfühlig gewartet, bis das Wasser exakt die richtige, nicht zu kalte Wohlfühltemperatur erreicht hatte. Man hätte schwören können, wir bereiten hier gerade ein exklusives Wellness-Retreat für einen extrem anspruchsvollen Hotelgast vor.
Dann schlug die Stunde der Wahrheit. Der große Augenblick.
Gubacca betrat den Garten. Er sah den Pool. Und zog in einer eleganten Kurve einen riesigen, demonstrativen Bogen darum. Ich sag mal so: Die Dankbarkeit hielt sich in einem sehr überschaubaren Rahmen.
Mit Engelszungen, unendlicher Überzeugungskraft und Herr Mini-Rütters absoluten Luxus-Leckerlis ließ sich der Herr schließlich dazu herab, zumindest einen Fuß in die Fluten zu setzen. Stehen ging gerade so. Sitzen? Auf gar keinen Fall! Das Bäuchlein kühlen? Bist du wahnsinnig?! Man muss schließlich Grenzen setzen. Auch als Hund. Gerade als Hund.
Ich stand daneben, applaudierte motivierend, versuchte ihm diesen neuen Luxus schmackhaft zu machen und musste innerlich so unfassbar lachen. Da hatten wir nun stundenlang geschwitzt, geschaut, gekauft, aufgeblasen, schattiert und temperiert – und wie dankt es einem der Gos?
Gubacca stand in diesem bunten Plastikbecken wie jemand, der versehentlich in einer völlig ungeliebten Fußbad-Anwendung gelandet ist und jetzt stur geradeaus starrt, in der Hoffnung, dass gleich jemand sagt: „So, das war’s dann auch schon für heute.“
Ob sein Blick auf dem Foto nun ein genießerisches Augenschließen vor lauter Pfötchen-Kühlung ist oder sein ganz typisches, innerliches Abschalten nach dem Motto „Wenn ich die Augen zumache, bin ich einfach nicht mehr da“ – das lassen wir jetzt einfach mal als süßes Geheimnis im Raum stehen.
Manche Dinge ändern sich eben nie: Gubacca entscheidet völlig autark, was eine gute Idee ist und was nicht. Und wir? Wir kaufen trotzdem weiter fleißig Zubehör.
P.S.: Morgen gibt es übrigens bei Aldi einen großen Hundepool im Angebot. Ein echtes Schnäppchen! Leider habe ich diesen Prospekt aber offensichtlich nicht als Einzige entdeckt... Drückt mir die Daumen, die Torschlusspanik steigt schon wieder!
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