Beim Wort „Jagdtrieb“ entsteht bei mir sofort Kopfkino: Hund sieht Reh, Hund ist weg und der Mensch hält das Ende einer nassen Schleppleine in der Hand und überdenkt seine Lebensentscheidungen.
Ausgerechnet Gubacca hat mir dieses Drama weitgehend erspart. Ein Hase kann vor ihm losflitzen, ohne dass er sofort hinterhermuss. Rehe interessieren ihn durchaus, ihre Witterung erst recht – aber normalerweise bleibt genug Zeit, ihn in Ruhe anzuleinen.
Damit könnte die Sache eigentlich erledigt sein.
Wäre da nicht seine Jugend gewesen.
Jagdtrieb ist ein ziemlich großes Wort
Im Alltag benutzen wir „Jagdtrieb“ gern als Sammelbegriff. Tatsächlich lässt sich Beutefangverhalten aber in verschiedene Abschnitte zerlegen. Ein Hund kann etwas wahrnehmen und beobachten, fixieren oder verfolgen, ohne dass er zwangsläufig die komplette Verhaltenskette bis zum Packen zeigt.
Und genau da wird es beim Hütehund interessant. Auch bei der Hütearbeit spielen Verhaltensanteile wie Beobachten, Fixieren und Verfolgen eine Rolle. Das bedeutet aber weder, dass jeder Hütehund automatisch stark jagt, noch dass ein Hund alle Teile dieser Verhaltenskette gleich ausgeprägt zeigt.
Gubacca und das Wild
Bei Wild war Gubacca nie der Hund, bei dem ich permanent mit einem spontanen Abflug rechnen musste. Rehe nimmt er wahr und Witterung kann ausgesprochen interessant sein. Dieses berühmte „0 auf 300“ habe ich bei ihm in solchen Situationen aber kaum erlebt.
Jahrelang hätte ich deshalb ziemlich selbstverständlich gesagt: Jagdtrieb – haben wir nicht.
Das war ungefähr so präzise wie manche meiner anderen frühen Gubacca-Diagnosen.
Dann kam der Radfahrer
Als Junghund hatte Gubacca nämlich eine andere Leidenschaft: Dinge, die sich bewegten und offenbar dringend genauer untersucht werden mussten. Radfahrer waren zeitweise ausgesprochen interessant.
Und damals hatte ich sogar eine ziemlich ausgefeilte Erklärung dafür. Gubacca könne meine Gedanken lesen.
diesem Radfahrer hinterherlaufen.
Für einen kurzen Moment besaß ich also keinen Hütehund, sondern einen Telepathen.
Heute würde ich die Sache weniger übersinnlich erklären. Natürlich kann es sein, dass meine Aufmerksamkeit für den Radfahrer auch Gubaccas Aufmerksamkeit verstärkt hat. Ich hatte das bewegte Ziel längst entdeckt, beobachtete es und wurde vermutlich schon vorsorglich angespannter.
Daraus würde ich heute aber keine einfache Ursache mehr machen. Schnelle Bewegung kann für einen jungen Hund schon für sich genommen spannend sein. Erregung, Neugier und Lernerfahrungen spielen ebenfalls eine Rolle. Und Verhalten, das sich für den Hund lohnt, kann sich ziemlich schnell verselbstständigen.
Deshalb würde ich einen Hund, der einem Fahrrad hinterherläuft, heute auch nicht automatisch mit einem Hund gleichsetzen, der Wild verfolgt. Von außen sieht beides nach „hinterher“ aus. Was dahintersteckt, kann trotzdem unterschiedlich sein.
Mein „Nein“ war keine besonders präzise Ansage
Mein Beitrag zur Lösung war anfangs überschaubar: „Gubacca, nein!“
Das Problem daran erkenne ich heute ziemlich gut. Ich sagte ihm damit vor allem, was er nicht tun sollte. Was ich stattdessen von ihm wollte, blieb deutlich unklarer.
Bei uns wurde es besser, als ich nicht mehr nur versuchte, das Loslaufen zu verhindern, sondern Gubacca eine konkrete Alternative gab. Aus dem allgemeinen „Nein!“ wurde zum Beispiel ein „Bei mir“.
Das war keine magische Lösung für Jagdverhalten und auch keine allgemeine Trainingsformel für jeden Hund. Bei unserem konkreten Radfahrer-Thema machte die präzisere Ansage aber einen wichtigen Unterschied.
„Lass das“ ist eben noch keine besonders genaue Beschreibung dessen, was stattdessen passieren soll.
Nicht alles in einen Topf
Früher hätte ich verschiedene Situationen ziemlich schnell unter dem Etikett „Jagdtrieb“ einsortiert. Heute würde ich erst einmal genauer hinschauen.
Denn genau darin liegt für mich inzwischen der wichtigere Blick: Nicht zuerst entscheiden, welches Etikett auf das Verhalten gehört, sondern beobachten, was in dieser konkreten Situation passiert.
Gubacca hat mir dafür ein ziemlich gutes Beispiel geliefert. Ausgeprägtes Hinterherjagen von Wild war bei ihm nie unsere große Baustelle. Bewegungsreize fand er als Jungspund trotzdem zeitweise ausgesprochen diskussionswürdig.
Reh voraus
Wenn heute ein Reh auftaucht, denke ich deshalb nicht mehr als Erstes darüber nach, ob Gubacca nun „Jagdtrieb hat“ oder nicht. Ich schaue auf Gubacca und darauf, was er in diesem Moment tatsächlich tut.
Denn ein einzelnes Wort erklärt erstaunlich wenig darüber, wie ein Hund in einer konkreten Situation reagieren wird.
Radfahrer müssen wir besprechen.
Was Siri, ein Teekesselchen und Gubacca gemeinsam haben? Sie haben mir ziemlich deutlich gezeigt, dass Kommunikation leichter wird, wenn man selbst weiß, was man eigentlich sagen möchte.
Bine lernt – Gubacca schaut zu →
.png)
0 comments