Das kleine Gos-ABC: J wie Jagdtrieb

April 16, 2024

Wer denkt bei bei den typischen Eigenschaften eines Hütehundes schon an den von vielen gefürchteten Jagdtrieb?! Dabei ist es faszinierend wie bestimmte Wörter sofort ein wildes Kopfkino voller Vorurteile bei uns auslösen können. Ich sehe sofort einen Hund mit einem armen Kaninchen im Maul vor mir. Und natürlich eine dieser schrecklichen Schleppleinen, die immer dreckig und nass sind! Einfach gräßlich und bin froh, dass sie mir bei Gubacca erspart geblieben ist. Viele Menschen möchten auch genau deshalb keinen Jagdhund - sie befürchten ihn nie ableinen zu können. Dann doch lieber ein Hütehund! Der passt schön auf, dass beim Spaziergang niemand verloren geht! Bestenfalls umrundet er ständig seine Menschen und entfernt sich nicht weit. Soviel zur Theorie...Die Praxis sieht oft anders aus. Denn tatsächlich haben auch viele Hütehunde einen angeborenen Jagdtrieb, weil sie ursprünglich für die Arbeit auf Bauernhöfen gezüchtet wurden. Dort mussten sie das Vieh nicht nur hüten, sondern auch vor Raubtieren zu schützen. Ein gewisser Jagdinstinkt war daher nützlich, um potenzielle Bedrohungen für das Vieh zu erkennen und abzuwehren. Diese Fähigkeit wurde im Laufe der Zeit durch Zucht verstärkt, um Hütehunde effektiver in ihrer Arbeit zu machen. Erfreulicherweise ist dieser "Kelch" mal an uns "vorbeigegangen", wie man so schön sagt und gehörte nicht zu unseren Baustellen. Bei Gubacca kann direkt ein Hase vor seiner Nase herlaufen und es interessiert ihn nicht sonderlich. Rehe wittert er zwar, aber sie lösen bei ihn nicht den "0 auf 300" Adrinalin-Kick aus und ich kann ihn ganz in Ruhe anleinen. Alle die jetzt denken, dass es bei ihnen keine Hasen und Rehe gibt und somit auch kein "Jagdproblem" enstehen kann, muss ich entäuschen.
Reh – J wie Jagdtrieb im kleinen Gos-ABC
J
DAS KLEINE GOS-ABC · J WIE
Jagdtrieb

Beim Wort „Jagdtrieb“ entsteht bei mir sofort Kopfkino: Hund sieht Reh, Hund ist weg und der Mensch hält das Ende einer nassen Schleppleine in der Hand und überdenkt seine Lebensentscheidungen.

Ausgerechnet Gubacca hat mir dieses Drama weitgehend erspart. Ein Hase kann vor ihm losflitzen, ohne dass er sofort hinterhermuss. Rehe interessieren ihn durchaus, ihre Witterung erst recht – aber normalerweise bleibt genug Zeit, ihn in Ruhe anzuleinen.

Damit könnte die Sache eigentlich erledigt sein.

Wäre da nicht seine Jugend gewesen.

EIN WORT · VIELE VERHALTENSANTEILE

Jagdtrieb ist ein ziemlich großes Wort

Im Alltag benutzen wir „Jagdtrieb“ gern als Sammelbegriff. Tatsächlich lässt sich Beutefangverhalten aber in verschiedene Abschnitte zerlegen. Ein Hund kann etwas wahrnehmen und beobachten, fixieren oder verfolgen, ohne dass er zwangsläufig die komplette Verhaltenskette bis zum Packen zeigt.

Und genau da wird es beim Hütehund interessant. Auch bei der Hütearbeit spielen Verhaltensanteile wie Beobachten, Fixieren und Verfolgen eine Rolle. Das bedeutet aber weder, dass jeder Hütehund automatisch stark jagt, noch dass ein Hund alle Teile dieser Verhaltenskette gleich ausgeprägt zeigt.

SEHEN
FIXIEREN
VERFOLGEN
… UND DANN?
NICHT JEDER HUND ZEIGT DIE GLEICHE KETTE
HASE · REH · ERSTAUNLICH UNSPEKTAKULÄR

Gubacca und das Wild

Bei Wild war Gubacca nie der Hund, bei dem ich permanent mit einem spontanen Abflug rechnen musste. Rehe nimmt er wahr und Witterung kann ausgesprochen interessant sein. Dieses berühmte „0 auf 300“ habe ich bei ihm in solchen Situationen aber kaum erlebt.

Jahrelang hätte ich deshalb ziemlich selbstverständlich gesagt: Jagdtrieb – haben wir nicht.

Das war ungefähr so präzise wie manche meiner anderen frühen Gubacca-Diagnosen.

WILD WAR NICHT DAS PROBLEM

Dann kam der Radfahrer

Als Junghund hatte Gubacca nämlich eine andere Leidenschaft: Dinge, die sich bewegten und offenbar dringend genauer untersucht werden mussten. Radfahrer waren zeitweise ausgesprochen interessant.

Und damals hatte ich sogar eine ziemlich ausgefeilte Erklärung dafür. Gubacca könne meine Gedanken lesen.

BINE DENKT
Der wird doch jetzt nicht
diesem Radfahrer hinterherlaufen.
Gubacca lief.

Für einen kurzen Moment besaß ich also keinen Hütehund, sondern einen Telepathen.

Heute würde ich die Sache weniger übersinnlich erklären. Natürlich kann es sein, dass meine Aufmerksamkeit für den Radfahrer auch Gubaccas Aufmerksamkeit verstärkt hat. Ich hatte das bewegte Ziel längst entdeckt, beobachtete es und wurde vermutlich schon vorsorglich angespannter.

Daraus würde ich heute aber keine einfache Ursache mehr machen. Schnelle Bewegung kann für einen jungen Hund schon für sich genommen spannend sein. Erregung, Neugier und Lernerfahrungen spielen ebenfalls eine Rolle. Und Verhalten, das sich für den Hund lohnt, kann sich ziemlich schnell verselbstständigen.

Deshalb würde ich einen Hund, der einem Fahrrad hinterherläuft, heute auch nicht automatisch mit einem Hund gleichsetzen, der Wild verfolgt. Von außen sieht beides nach „hinterher“ aus. Was dahintersteckt, kann trotzdem unterschiedlich sein.

GUBACCA NEIN · WAR NOCH KEIN PLAN

Mein „Nein“ war keine besonders präzise Ansage

Mein Beitrag zur Lösung war anfangs überschaubar: „Gubacca, nein!“

Das Problem daran erkenne ich heute ziemlich gut. Ich sagte ihm damit vor allem, was er nicht tun sollte. Was ich stattdessen von ihm wollte, blieb deutlich unklarer.

Bei uns wurde es besser, als ich nicht mehr nur versuchte, das Loslaufen zu verhindern, sondern Gubacca eine konkrete Alternative gab. Aus dem allgemeinen „Nein!“ wurde zum Beispiel ein „Bei mir“.

Das war keine magische Lösung für Jagdverhalten und auch keine allgemeine Trainingsformel für jeden Hund. Bei unserem konkreten Radfahrer-Thema machte die präzisere Ansage aber einen wichtigen Unterschied.

„Lass das“ ist eben noch keine besonders genaue Beschreibung dessen, was stattdessen passieren soll.

REH · RADFAHRER · KANINCHEN

Nicht alles in einen Topf

Früher hätte ich verschiedene Situationen ziemlich schnell unter dem Etikett „Jagdtrieb“ einsortiert. Heute würde ich erst einmal genauer hinschauen.

Was löst die Reaktion aus?
Wildgeruch oder sichtbare Bewegung?
Aufregung, Entfernung oder Lernerfahrung?
Und was macht dieser eine Hund tatsächlich?

Denn genau darin liegt für mich inzwischen der wichtigere Blick: Nicht zuerst entscheiden, welches Etikett auf das Verhalten gehört, sondern beobachten, was in dieser konkreten Situation passiert.

Gubacca hat mir dafür ein ziemlich gutes Beispiel geliefert. Ausgeprägtes Hinterherjagen von Wild war bei ihm nie unsere große Baustelle. Bewegungsreize fand er als Jungspund trotzdem zeitweise ausgesprochen diskussionswürdig.

EIN HUND · MEHR ALS EIN ETIKETT

Reh voraus

Wenn heute ein Reh auftaucht, denke ich deshalb nicht mehr als Erstes darüber nach, ob Gubacca nun „Jagdtrieb hat“ oder nicht. Ich schaue auf Gubacca und darauf, was er in diesem Moment tatsächlich tut.

Denn ein einzelnes Wort erklärt erstaunlich wenig darüber, wie ein Hund in einer konkreten Situation reagieren wird.

THEORIE
Hütehund. Also kein Thema.
PRAXIS
Reh okay.
Radfahrer müssen wir besprechen.
Ein Buchstabe mehr über den Gos.
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Was Siri, ein Teekesselchen und Gubacca gemeinsam haben? Sie haben mir ziemlich deutlich gezeigt, dass Kommunikation leichter wird, wenn man selbst weiß, was man eigentlich sagen möchte.

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