„Manche bleiben nicht für immer.
Aber sie verändern, wie sich für immer anfühlt.“
Traurig schaute Lisa den Tierarzt an. „Und Sie sind sich ganz sicher, dass es Krebs ist?“ Lisa arbeitete seit fünf Jahren im Tierheim und hatte schon viele schlimme Schicksale miterlebt. Aber die Geschichte von Milagro ging ihr besonders nahe. Milagro kam ursprünglich aus Spanien. Dort hatte er sein ganzes Leben in einem Betonzwinger verbracht. Spaziergänge kannte er nicht. Menschliche Nähe auch nicht. Wenn überhaupt, ließ der frühere Besitzer ihn an einer langen Kette über das verwahrloste Grundstück laufen. Erst ein Hinweis an eine Tierschutzorganisation änderte alles. Man konnte ihn freikaufen.
Zunächst schien sich das Blatt zu wenden. Milagro kam auf eine Pflegestelle. Und schon nach kurzer Zeit meldete sich eine Familie aus Deutschland, die ihm ein Zuhause geben wollte. Große, ältere Hunde haben kaum eine Chance, noch vermittelt zu werden. Für alle war es fast ein Wunder, dass es bei ihm so schnell klappen sollte.
So kam er zu seinem Namen.
Milagro.
Das spanische Wort für Wunder.
Kaum in Deutschland angekommen, landete er jedoch schon wieder im Tierheim. Erneut war ein Betonzwinger sein Zuhause. Lisa wurde sofort wütend, wenn sie an die Familie dachte, die ihn einfach wieder abgegeben hatte. Wie ein überflüssiges Gepäckstück.
„So hätten sie sich das nicht vorgestellt“, erzählten sie ihr. Milagro hätte auf den Fotos viel jünger ausgesehen. Sie wollten einen Hund, der mit den Kindern draußen im Garten tobte. Nicht einen, der vor allem und jedem Angst hatte.
Es war schlimm mit anzusehen, wie bei Milagro schon nach wenigen Tagen im Tierheim jeder Funke Leben erlosch. Er stand kaum noch auf, wenn jemand an seinem Zwinger vorbeiging. Und er verlor immer mehr an Gewicht. Die Mitarbeiter schoben es auf den Kummer. Immer wieder schoben sie ihm einen besonderen Futterhappen zu.
„Ja, leider. Es besteht kein Zweifel.“ Lisa sah dem Tierarzt an, wie betroffen auch er von der Diagnose war. „Wie lange kann er damit noch leben?“ Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, hatte sie auch schon Angst vor der Antwort.
„Schwer zu sagen“, sagte der Tierarzt. „Es hängt viel vom Lebenswillen des Hundes ab. Und von der Pflege.“ Er zögerte kurz. „Unter guten Bedingungen könnte er vielleicht noch ein oder zwei schöne Jahre haben. Das ist der Vorteil bei einem älteren Tier. Der Krebs streut oft nicht so schnell.“
Dann sah er Milagro an. „Aber schau ihn dir an. Da ist kein Funkeln mehr in den Augen. Milagro hat sich auch ohne den Krebs schon aufgegeben.“
Die Worte des Tierarztes ließen Lisa auf der Rückfahrt ins Tierheim nicht mehr los. Es darf einfach nicht sein, dass er hier stirbt. Wütend schlug sie auf das Lenkrad.
Im Tierheim angekommen, brachte sie den Rüden zuerst zurück in seine Box. Ihr graute es davor, mit den anderen über das Ergebnis der Untersuchung zu sprechen. Doch ihre Kollegin musste sie nur ansehen, um zu wissen, dass die Diagnose schlimm war. „Dann machen wir es ihm hier wenigstens noch einmal richtig schön“, sagte sie leise.
„Nein.“
Lisa hob den Blick.
„Wir finden ein neues Zuhause für ihn.“
„Du glaubst wirklich, du findest jemanden, der einen alten, großen Hund aufnimmt, der nicht mehr lange lebt?“ Sie schüttelte den Kopf. „Lisa, wach auf. Solche Menschen gibt es fast nicht mehr.“ Lisa sah sie an. „Doch.“ Ihre Stimme war ruhig. „Und ich finde ihn.“
Nur wenige Kilometer entfernt bekam Ilka von ihrem Arzt die gleiche Diagnose: Krebs. Wie betäubt fuhr sie nach Hause. Nur dreißig Prozent der Patienten überleben, hatte der Arzt gesagt. Viele sterben innerhalb von fünf Jahren. Nicht nur die Diagnose, auch die Ehrlichkeit des Arztes hatte Ilka schockiert.
Soll das jetzt alles gewesen sein? Wie oft hatte sie von einem langen Urlaub am Meer geträumt. Sie war noch nie in den Bergen im Schnee gewesen. So viele Dinge hätte sie gern ausprobiert. Doch immer stand ihr ihre Angst im Weg.
Später, hatte sie sich dann gesagt. Dann hole ich alles nach. Jetzt würde sie wahrscheinlich nicht einmal ihre Rente erleben.
„Routine, Routine. Jeden Tag der gleiche scheiß Trott.“ Schlecht gelaunt warf Ilka ein paar Tage später die Tageszeitung auf den Tisch.
Hätte ich doch einfach mal den Mut gehabt und etwas Verrücktes in meinem Leben gemacht, dachte sie. Vielleicht sollte ich einfach all meine Ersparnisse auf den Kopf hauen und eine Weltreise machen. Lustlos blätterte Ilka beim Frühstück durch die Zeitung. Dann blieb sie an einem großen Artikel hängen.
„Wer zeigt Milagro, dass das Leben auch schöne Seiten hat?“
„Genau so einen Hund habe ich mir immer gewünscht“, seufzte Ilka und betrachtete die Fotos. Eine Tierfotografin war extra ins Tierheim gekommen, um Bilder von dem zotteligen Rüden zu machen. Beim Lesen des Artikels kamen Ilka die Tränen. Sie war selbst schuld, dass sie nicht mehr aus ihrem Leben gemacht hatte. Aber dieser Hund hatte nie eine Chance gehabt, überhaupt etwas Schönes kennenzulernen.
Wie oft hatte sie damit geliebäugelt, einen Hund aus dem Tierheim zu nehmen. Und wie oft hatte sie dann doch wieder Angst vor der Verantwortung gehabt. Auch dafür ist es jetzt zu spät, dachte sie traurig. Aber war es das wirklich? Ilka schaute sich die Fotos noch einmal an.
Sie hatte Krebs.
Der Hund hatte Krebs.
Hatte sie sich nicht vor wenigen Minuten noch darüber geärgert, dass sie in ihrem Leben nie etwas Verrücktes gemacht hatte?
Nach dem Telefongespräch mit dem Tierheim ging alles ganz schnell. Noch am selben Tag durfte Ilka Milagro kennenlernen. Der Rüde zeigte kaum Interesse an ihr. Er weigerte sich, mit Ilka auch nur ein paar Schritte vor seinem Zwinger zu laufen. Nur mit Lisa, die ihn von Anfang an betreut hatte, verließ er seine Box.
Der Anblick dieses Häufchens Elend ging Ilka sehr nahe. Zwei Wochen lang fuhr sie jeden Tag ins Tierheim und setzte sich einfach zu ihm in den Zwinger. Anfangs beachtete er sie kaum. Als er nach einer Woche das erste Leckerchen vorsichtig aus ihrer Hand nahm, weinte sie vor Glück.
Heute war endlich der große Tag gekommen. Milagro sollte bei ihr einziehen. Ilka war nervös wie vor dem ersten Date.
Alles war für den Rüden vorbereitet. Ein großes Hundebett stand in einer ruhigen Ecke des Wohnzimmers. Zwei Näpfe warteten in der Küche darauf, mit Leckereien gefüllt zu werden. Und an der Garderobe hing eine Hundeleine mit dem Sicherheitsgeschirr.
Dann saß Lisa auch schon mit ihm in ihrem Wohnzimmer. Der Rüde legte sich direkt neben die Tür. Er schaute Ilka mit seinen großen braunen Augen an. In seinem Blick lag Resignation. Und eine große Traurigkeit. Aber dahinter glaubte Ilka, etwas anderes zu sehen.
Eine kleine Flamme.
Ich werde alles tun, um seine Augen wieder zum Leuchten zu bringen, nahm sie sich fest vor.
Lisa staunte, als sie Milagro zwei Monate später bei Ilka besuchte. So entspannt, wie er jetzt in seinem großen Hundekorb lag, hatte sie ihn noch nie gesehen. Zwischen den beiden war etwas, das sie nicht beschreiben konnte. Sie wirkten wie zwei Wesen, die sich gesucht und endlich gefunden hatten.
Und doch musste Lisa ein wenig grinsen. So aufgeräumt und ordentlich wie beim ersten Besuch sah die Wohnung nicht mehr aus. Hatte das Wohnzimmer vorher eher an einen Möbelprospekt erinnert, lag jetzt Hundespielzeug auf dem Boden und auf dem Sofa eine große Decke für den Rüden.
Lisa musste an das Holzschild an ihrem Gartentor denken:„Ein Haus ohne Hund ist kein Zuhause.“ Ilkas Wohnung war der beste Beweis dafür.
Ihr Blick fiel auf einen Stapel Reiseprospekte. „Hast du einen Urlaub geplant?“, fragte sie Ilka.„Ja“, sagte Ilka.„Im Juni fahre ich mit Milagro an die Ostsee.Er hat doch nie Sand unter den Pfoten gespürt. Und vielleicht mag er ja auch Wasser.“
Ilka war selbst überrascht, wie selbstverständlich sie den Urlaub gebucht hatte. Früher wären ihr sofort unzählige Bedenken gekommen.
Die weite Fahrt mit ihrem alten Auto.
Alleine an einem fremden Urlaubsort.
Und vieles mehr.
Mit Milagro an ihrer Seite fühlte sie sich auf einmal wie umgewandelt. Ihr größter Wunsch war nur noch, dass er glücklich war. Dafür wäre sie mit ihrem Klapperwagen nicht nur um die halbe, sondern um die ganze Welt gefahren.
Ilka und Milagro verbrachten einen herrlichen Urlaub an der Ostsee. Mila, wie sie ihn inzwischen oft nannte, war in fremden Situationen noch immer ängstlich. Doch immer häufiger siegten seine Neugier und seine Unternehmungslust. Ilka musste oft darüber grinsen. Der Rüde war ihr in dieser Hinsicht erstaunlich ähnlich. Auch sie hatte anfangs Angst. Wenn ihnen große Hunde entgegenkamen. Oder wenn er zu weit ins Meer hinauslief. Doch Milas Lebensfreude war ansteckend.
Mit jedem Tag traute sie sich ein bisschen mehr – mit ihm. Gelang es Mila einmal nicht, seine Angst abzuschütteln, sang Ilka ganz leise:
„Coma si – coma sa,
da di da, da di da.
Coma si – coma sa,
ich bin immer für dich da.“
Die kleine, selbst erfundene Melodie half nicht nur Mila. Auch Ilka wurde ruhiger.
Auch später, als sie wieder zu Hause waren, gestaltete Ilka durch Mila ihren Alltag viel bewusster. Sie machte oft Ausflüge mit ihm. Sie hatten herrliches Spätsommerwetter und fuhren häufig zum Baden an den Kanal. Der Rüde liebte das Wasser und schwamm inzwischen sogar ein kleines Stück, solange Ilka in seiner Nähe blieb.
Mittlerweile konnte sie ihn überall ohne Leine laufen lassen. Mila entfernte sich nie weit von ihr und kam sofort angelaufen, wenn sie ihn rief.
Am liebsten war er jedoch mit ihr im Wald unterwegs. Wie ein junger Hund sprang er dort auf jeden Baumstamm oder verschwand – wenn Ilka einen Moment nicht aufpasste – im nächsten Morastloch.
Ilka hatte sich den Satz „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben“ groß ausgedruckt und direkt neben ihren Badezimmerspiegel gehängt. So oft wie möglich versuchte sie, Mila etwas Neues vom Leben zu zeigen. Aus dem dünnen, struppigen Hund war inzwischen ein bildhübscher Rüde geworden, voller Tatendrang und Lebenslust.
Ilka hätte nie gedacht, dass sie jemals ein Wesen so lieben könnte. Mila dabei zu beobachten, wie er voller Freude durch eine Pfütze rannte, machte sie einfach glücklich. Es war so schön mitzuerleben, wie der Rüde die Welt entdeckte. Wie er die Wellen beim ersten Mal ungläubig anbellte. Oder der entgeisterte Gesichtsausdruck, als eine kleine Maus direkt vor seiner Nase über seine Pfoten huschte.
All diese kleinen gemeinsamen Erlebnisse verstärkten ihre Bindung zueinander. Und Ilka konnte sich ein Leben ohne Mila nicht mehr vorstellen.

Zum Glück machte sich der Krebs bei keinem der beiden stark bemerkbar. Ilka bekam eine ambulante Chemotherapie. Mila durfte sie begleiten und legte sich dabei immer ganz nah neben ihre Liege. Der Rüde spürte sofort, wenn sie die Medikamente nicht gut vertrug und mit Übelkeit zu kämpfen hatte.
Dann legte er seinen großen Kopf auf ihren Schoß und schaute sie so lange an, bis sie leise ihre Melodie vor sich hinsummte.
Coma si – coma sa,
da di da, da di da.
Coma si – coma sa,
ich bin immer für dich da.
Wenn Milagro dann auch noch mit seinem leisen Wolfgeheul einstimmte, musste Ilka jedes Mal lachen.
Milagro bekam zwar keine Chemotherapie, ging aber ebenfalls regelmäßig zum Tierarztcheck. Den Tierarzt, der ihn schon im Tierheim betreut hatte, begrüßte Ilka jedes Mal mit einem Lächeln: „Wir leben noch.“ „Das sehe ich“, antwortete er dann und grinste breit. Und jedes Mal sagte er: „Dieser strahlende Jungspund ist doch nicht der Milagro!“ Das machte Ilka stolz.
Zwei Jahre später musste Ilka sich eingestehen, dass der Krebs bei Milagro langsam Spuren hinterließ. Die gemeinsamen Runden wurden kürzer. Der Rüde war nicht mehr so belastbar. Und trotzdem bestand er bei jedem gefällten Baumstamm darauf, seine „Elefantenübung“ stolz zu präsentieren. Auch wenn sie ihm inzwischen körperlich schwerfiel.
Milagro ließ sich seine Schmerzen nur selten anmerken. Ilka lag nachts oft wach im Bett und lauschte seinen Atemzügen. Sie hatte große Angst davor, ihn zu verlieren. Wenn Mila den Kopf nicht hängen lässt,mache ich es auch nicht, nahm sie sich in solchen Momenten fest vor.
Und sie summte ganz leise:
Coma si – coma sa,
da di da, da di da.
Coma si – coma sa,
ich bin immer für dich da.
Den Sommerurlaub verbrachten Ilka und Milagro noch einmal gemeinsam an der Ostsee. Jeden Morgen stand Ilka ganz früh auf und ging mit ihm an den Strand. Dort saßen sie dicht nebeneinander im Sand und schauten zu, wie die Sonne über dem Meer aufging. In diesen Momenten hätte Ilka die Zeit am liebsten angehalten.
Milagro schaffte inzwischen nur noch kleine Runden. Oft blieb Ilka stehen und wartete auf ihn. An ihrem letzten Urlaubstag gingen sie noch einmal ihren Lieblingsweg durch die Dünen. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Doch dann kam die Sonne heraus und ein wunderschöner Regenbogen leuchtete am Himmel.
Traurig schaute Ilka Milagro an. Sie spürte, dass dies ihr letzter gemeinsamer Urlaub sein würde. Ich würde so gerne vor dir gehen, dachte sie. Ich ertrage es nicht, dich sterben zu sehen.
„Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass Milagro mit dem Krebs so lange leben würde“, sagte der Tierarzt leise und ließ Ilka mit dem Rüden allein.
Ilka summte ganz leise: Coma si – coma sa, da di da, da di da. Coma si – coma sa, ich bin immer für dich da. „Das verspreche ich dir, Mila“, flüsterte sie. „Egal, wo du bist – ich werde dich finden. Danke für alles. Ohne dich hätte ich das nicht geschafft.“
Weinend saß Ilka mit Milagro auf dem Boden. Drei Jahre hatten sie gemeinsam gegen den Krebs gekämpft. Ilka hatte diesen Kampf gewonnen. Ihre Werte hatten sich verbessert, sie galt vorsichtig ausgedrückt als stabil.
Für Milagro jedoch war die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen. Er schlief in ihren Armen ein.
Ilka hatte lange gebraucht, um sich damit abzufinden, dass Milagro nicht mehr bei ihr war. In den ersten Tagen hörte sie noch oft seine Pfoten über das Laminat tapsen und hatte das Gefühl, seine Nähe zu spüren. Danach kam die schlimme Leere. Und trotzdem ließ sie sich nicht unterkriegen. Sie tat das, was Milagro sie gelehrt hatte: Jeden einzelnen Tag mit Leben zu füllen.
Anfangs hatte sie keine Lust, alleine in den Urlaub zu fahren. Mittlerweile hatte sich das geändert. Ilka hatte ihre Leidenschaft für Wanderurlaube entdeckt. „Viel Auslauf zwischen Bergen und Meer. Mittelgebirge wie der Montseny, wilde Vulkanlandschaften wie die Garrotxa …“ Das hatte ihr die nette Dame im Reisebüro versprochen.
Jetzt war Ilka mit einem großen Rucksack auf dem Rücken in Katalonien unterwegs und genoss die herrliche Landschaft.
Auf ihrer Wanderung kam Ilka an einer Schafherde vorbei. Ein großer Hund lag träge in der Sonne, während ein Junghund wild um ihn herumsprang und ständig an seiner Rute zog.
Ilka musste über den Zwerg lachen. So muss Mila als junger Hund ausgesehen haben, schoss es ihr durch den Kopf. Der Rabauke hatte genau wie er einen kleinen weißen Fellstreifen an der Brust.
„Ist er nicht ein Frechdachs, der kleine Chico!“ Ilka hatte den Schäfer gar nicht bemerkt, der plötzlich neben ihr stand. „Es bricht mir das Herz, dass er nicht bei mir bleiben kann.“
Erstaunt schaute Ilka den Schäfer an. „Warum können Sie ihn nicht behalten?“ „Ich werde in den kommenden Wochen zu meiner Tochter ziehen“, erklärte er. „Ich bin zu alt geworden, um das ganze Jahr mit der Herde durch die Berge zu ziehen.“ Ein junger Schäfer würde seine Tiere übernehmen. „Aber er hat eigene Hütehunde und will keinen jungen Flegel“, sagte er und lächelte schief.
„Aber er ist doch noch so jung“, entgegnete Ilka. „Da ist es doch normal, dass er etwas wilder ist.“ Der Schäfer nickte langsam. „Chico ist ein Hund, wie ich ihn in all den Jahren noch nie hatte.“ Er suchte nach Worten. „Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Er ist so ruhelos. Das ist untypisch für diese Rasse.“ Er sah zu dem Junghund hinüber. „Man hat ständig den Eindruck, er wartet auf etwas.“ Er seufzte. „Mit seinem Verhalten macht er die ganze Herde verrückt.“ „Meinen Amigo kann ich mit zu meiner Tochter nehmen“, sagte der Schäfer. „Aber für zwei Hunde ist dort kein Platz.“
Ilka wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. In den letzten Wochen hatte sie sich oft gefragt, ob sie überhaupt schon bereit für einen neuen Hund war. Und jedes Mal fühlte es sich an wie ein Verrat an Mila.
„Darf ich ihn einmal streicheln?“ „Versuchen Sie Ihr Glück“, antwortete der Schäfer. „Aber er lässt sich nur ungern von jemandem anfassen.“ „Chico, komm zu mir“, versuchte Ilka leise. Doch der kleine Rabauke war viel zu sehr damit beschäftigt, die jungen Lämmchen zu jagen. Er achtete nicht auf sie.
Ohne dass es ihr bewusst war, begann Ilka leise zu singen.
Coma si – coma sa, da di da, da di da, Coma si – coma sa …
Dann geschah etwas, mit dem Ilka nicht gerechnet hatte. Der junge Rüde blieb abrupt stehen und wandte den Kopf zu ihr.
Coma si – coma sa, da di da, da di da … Ilka sang weiter. Chico kam ein paar Schritte auf sie zu, setzte sich hin und legte den Kopf schief. Genau wie Mila, schoss es Ilka durch den Kopf. Coma si – coma sa,da di da, da di da, Coma si – coma sa, ich bin immer für dich da.
Konnte das wirklich sein? Der junge Rüde begann, wie ein kleiner Wolf zu heulen. Ilka wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, als Chico mit der Rute wedelte und auf sie zukam. Vorsichtig ging sie in die Hocke und zog ihn an sich. Auch der Schäfer hatte Tränen in den Augen. „So etwas habe ich noch nie bei einem meiner Hunde erlebt“, sagte er leise. „Als hätte er nur auf Sie gewartet.“
Glücklich schaute Ilka auf das kleine Fellbündel zu ihren Füßen und flüsterte:„Ich habe dir doch versprochen, dich zu finden. Egal, wo du bist.“

Chico zog bei Ilka ein. Nicht als Ersatz. Nicht, um eine Lücke zu füllen. Sondern als eigenes Wesen mit eigener Geschichte.
Manchmal, wenn Chico abends neben ihr lag und leise vor sich hin brummte, summte Ilka die Melodie. Coma si – coma sa, da di da, da di da.
Dann lächelte sie. Weil sie wusste: Manche gehen. Und andere kommen. Aber die Liebe findet immer ihren Weg.
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