Gos d’Atura: Reserviert gegenüber Fremden – was heißt das eigentlich?

September 28, 2026

Der Gos d’Atura Català gilt als reserviert gegenüber Fremden. Aber was bedeutet diese Reserviertheit eigentlich im Alltag? Muss ein reservierter Hund Menschen auf Abstand halten – oder kann das Ganze so freundlich aussehen, dass man es jahrelang gar nicht als Reserviertheit erkennt? Bei Gubacca hätte ich diese typische Gos-Eigenschaft jedenfalls lange entschieden abgestritten. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich beschäftige mich gerade ziemlich intensiv mit der Herkunft des Gos d’Atura und damit, welche seiner ursprünglichen Eigenschaften wir eigentlich heute noch in unseren Hunden wiederfinden. Und natürlich stolpere ich dabei regelmäßig über Beschreibungen, bei denen ich spontan denke: „Neee. Nicht mein Gubacciiii.“
DEN GOS VERSTEHEN · TYPISCH GOS?

Der Gos d’Atura Català gilt als reserviert gegenüber Fremden. Aber was bedeutet diese Reserviertheit eigentlich im Alltag? Muss ein reservierter Hund Menschen auf Abstand halten – oder kann das Ganze so freundlich aussehen, dass man es jahrelang gar nicht als Reserviertheit erkennt? Bei Gubacca hätte ich diese typische Gos-Eigenschaft jedenfalls lange entschieden abgestritten. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Claudia mit Raja und Gos d’Atura Gubacca
Claudia, Raja und Gubacca.

Ich beschäftige mich gerade ziemlich intensiv mit der Herkunft des Gos d’Atura und damit, welche seiner ursprünglichen Eigenschaften wir eigentlich heute noch in unseren Hunden wiederfinden. Und natürlich stolpere ich dabei regelmäßig über Beschreibungen, bei denen ich spontan denke: „Neee. Nicht mein Gubacciiii.“ Ganz weit oben auf dieser Liste stand bisher die Reserviertheit gegenüber Fremden.

Wäre Gubacca das Paradebeispiel seiner Rasse, hätte ich diese Eigenschaft vermutlich längst mit einem dicken Rotstift gestrichen. Denn Gubacca ist Menschen gegenüber offen und zugewandt. Wobei das schon wieder so ein typischer Politiker-Satz ist: Klingt wichtig, sagt aber erstaunlich wenig.

Also konkreter. Bei meinen Freundinnen mutiert Gubacca gerne zu Prinz Charming. Da wird Charme versprüht, angekuschelt und notfalls auch ein Küsschen verteilt. Beim Tierarzt musste er noch nie einen Maulkorb tragen – egal, wie unangenehm eine Untersuchung für ihn wurde. Er hat feine Antennen für Menschen und kann wunderbar Trost spenden, wenn es jemandem nicht gut geht.

Und wenn es bei uns klingelt? Dann muss ich leider ohne die Unterstützung meines katalanischen Wachhundes auskommen. Während ich zur Tür gehe, sieht Gubacca häufig nicht einmal einen zwingenden Grund aufzustehen. Fremde Menschen vor unserer Haustür sind ziemlich offensichtlich mein Problem.

Die Liste könnte ich noch ein gutes Stück fortsetzen. Nur: Ist das überhaupt das Gegenteil von Reserviertheit?

UNTERWEGS

Die Frage aller Fragen

Besonders interessant wird es, wenn ich Gubacca draußen beobachte. Kommt uns jemand entgegen, rufe ich ihn grundsätzlich an meine Seite. Nicht, weil er sonst Passanten belästigen würde, sondern weil ich es einfach höflich finde. Nicht jeder Mensch liebt Hunde, manche haben Angst – und 23,5 Kilo Fell müssen nicht ungefragt dicht an jemandem vorbeilaufen.

Normalerweise passiert dann überhaupt nichts. Mensch kommt, Mensch geht. Gubacca interessiert sich ungefähr so sehr dafür wie für ein geparktes Auto.

Anders sieht es aus, wenn ich diesen gewissen Blick erkenne: erst zu Gubacca, dann zu mir und wieder zurück zu Gubacca. Und schon weiß ich, was kommt: „Was ist das denn für eine Rasse?“ Die Frage aller Fragen.

Ich bemühe mich anschließend, „Gos d’Atura Català“ so elegant auszusprechen, als hätte meine Zunge dabei nicht auch nach neun Jahren gelegentlich einen kleinen katalanischen Hindernisparcours zu bewältigen. Währenddessen übernimmt Gubacca den praktischen Teil der Rassevorstellung. Er stellt sich zwischen den fremden Menschen und mich, quer, die Flanke perfekt präsentiert und das Fell in idealer Kraulehöhe. Natürlich verschwindet innerhalb weniger Sekunden eine Hand darin.

„Ach, der ist aber zutraulich!“ Ja. Ist er.

Nur habe ich irgendwann einmal weniger auf die streichelnde Hand und mehr darauf geschaut, wo mein Hund eigentlich steht. Denn diese Position ist nicht nur hervorragend zum Kraulen. Sie ist auch ziemlich praktisch, wenn man zwischen diesem Menschen und mir stehen, jede Bewegung mitbekommen und ganz nebenbei eine natürliche Barriere bilden möchte.

Derjenige, der gerade begeistert Gubaccas Fell durchwühlt, bemerkt davon meistens nichts. Warum auch? Der Hund steht entspannt da und lässt sich streicheln. Ich glaube inzwischen allerdings, dass Gubacca an dieser Position noch etwas anderes gefällt als die kostenlose Rückenmassage. Charmant kann er.

PLÖTZLICH RELEVANT

Wenn ein Mensch plötzlich wichtig wird

Spannend finde ich vor allem, wie situationsbezogen Gubacca reagiert. Die Bewunderer kennt er inzwischen: Man bleibt stehen, Frauchen erzählt irgendetwas über einen katalanischen Schäferhund, jemand streichelt und nach ein paar Minuten geht jeder wieder seiner Wege. Bekanntes Programm.

Ganz anders kann dieselbe Begegnung verlaufen, wenn uns jemand entgegenkommt, der Gubacca bis dahin überhaupt nicht interessiert – und dieser Mensch plötzlich direkt vor uns stehen bleibt. „Entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht, wo …?“ Gubaccas Kopf geht hoch. Gerade eben war dieser Mann noch Teil der Landschaft, jetzt spricht er mich an – und manchmal findet Gubacca, dass diese überraschende Wendung kommentiert werden sollte. Laut.

Gubacca hat viele Talente. Dezente Wortmeldungen gehören nicht unbedingt dazu. Oft ist die Sache genauso schnell wieder erledigt. Trotzdem finde ich genau diesen Moment interessant: Nicht der unbekannte Mensch an sich bringt Gubacca aus seiner Gelassenheit. Etwas verändert sich, sobald dieser Mensch plötzlich mit uns zu tun hat.

Noch deutlicher wurde mir das vor Kurzem bei einem unserer Nachbarn. Gubacca kennt diesen Mann. Wir begegnen ihm draußen immer wieder, wechseln ein paar Worte – und Gubacca hat ihm gegenüber bislang ungefähr so viel Begeisterung gezeigt wie vielen anderen Menschen auch. Nicht unfreundlich, nur ausgesprochen überschaubar.

Dann kam er zum ersten Mal zu uns ins Haus – und plötzlich schien Herr Gos einen Sinneswandel zu erleben. Wo unser Nachbar war, war erstaunlich oft auch Gubacca. Er stand bei ihm, ließ sich streicheln und begleitete ihn. Zeitweise hätte man meinen können, Gubacca hätte gerade einen lange verschollenen Freund wiedergefunden.

Auch unser Nachbar war verblüfft. Draußen hatte sich Gubacca schließlich nie derart für ihn interessiert. Ich fand weniger den vermeintlichen Freundschaftsausbruch spannend als den Unterschied.

Derselbe Mensch. Aber plötzlich in Gubaccas Zuhause.

Und auf einmal war er wichtig. Mein Hund, der im Haus normalerweise so unauffällig herumliegt, dass man ihn fast vergessen kann, hatte offenbar beschlossen, diesmal besser etwas näher am Geschehen zu bleiben.

Gubacca liegt entspannt im Haus
Im Haus normalerweise nahezu unsichtbar.

Dass dabei reichlich Streicheleinheiten für ihn abfielen, dürfte die Aufgabe nicht unangenehmer gemacht haben. Überwachung mit Wellnessprogramm. Sehr Gubacca.

DER ALTE STANDARD

Was bedeutet „reserviert“ denn nun?

Spätestens da wollte ich wissen, was in den alten Beschreibungen eigentlich gemeint war. Der gültige FCI-Standard geht auf das Jahr 1982 zurück. Dort wird der Gos als seinem Schäfer und der Herde sehr zugewandt beschrieben, gegenüber Fremden dagegen als zurückhaltend. Im selben Standard werden seine Fähigkeit zu eigenen Entscheidungen bei der Arbeit und seine Eignung für Wachaufgaben genannt.

Der spanische Rasseclub wird noch deutlicher: Die rassetypische Zurückhaltung gegenüber Fremden darf nicht mit Schüchternheit oder einem unausgeglichenen Wesen verwechselt werden. Auch aggressives Verhalten ist damit nicht gemeint. Das war für mich der entscheidende Punkt, denn offenbar hatte ich unter „reserviert“ jahrelang etwas viel Extremeres verstanden: einen Hund, der Fremde nicht mag, Abstand möchte oder Begegnungen schwierig findet. Davon ist aber gar nicht die Rede.

EIN BLICK ZURÜCK

Warum war diese Eigenschaft überhaupt wichtig?

Je mehr ich mich mit der ursprünglichen Arbeit dieser Hunde beschäftige, desto mehr beschäftigt mich noch eine andere Frage: Warum war es den Menschen, die den Gos damals beschrieben und seinen Standard festgelegt haben, überhaupt wichtig, seine Zurückhaltung gegenüber Fremden ausdrücklich zu erwähnen? Offenbar gehörte sie für sie so selbstverständlich zum Bild dieser Hunde, dass sie mehr war als irgendeine Randnotiz.

Der Gos arbeitete eng mit seinem Schäfer und der Herde. Dabei sollte er nicht nur Befehle ausführen, sondern Situationen selbst erfassen und eigene Entscheidungen treffen. Gleichzeitig wurde er auch für Wachaufgaben eingesetzt. Und plötzlich wirkt diese Reserviertheit in einem ganz anderen Licht.

Ein Hund mit einer solchen Aufgabe musste nicht jeden Menschen interessant finden. Wichtiger war vermutlich, unterscheiden zu können: Wer gehört dazu? Wer taucht nur irgendwo auf? Und bei wem lohnt es sich, genauer hinzuschauen? Wenn ich mir diese Arbeitswelt vorstelle, finde ich eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Fremden jedenfalls nicht mehr sonderbar. Eigentlich erscheint mir fast das Gegenteil erklärungsbedürftig.

DIE ZUCHTFRAGE

Wie viel Ursprünglichkeit verträgt unser Alltag?

Unsere Hunde leben heute schließlich nicht mehr bei einer Herde in den Pyrenäen. Sie begegnen Paketboten, sitzen im Wartezimmer beim Tierarzt, laufen durch Wohngebiete, fahren vielleicht Bahn, gehen mit ins Café oder müssen damit klarkommen, dass wildfremde Menschen ihre Besitzer nach dem Weg fragen. Da kann aus einer ursprünglich durchaus sinnvollen Reserviertheit schnell etwas werden, das in unserem heutigen Alltag schwierig wird, wenn sie sich zu Unsicherheit, starker Abwehr oder Aggression entwickelt.

Aber sollte die Antwort darauf wirklich sein, diese Eigenschaft möglichst vollständig verschwinden zu lassen? Genau da stelle ich mir Zucht schwierig vor. Denn ein Gos soll heute in unserer Gesellschaft sicher und gelassen leben können. Gleichzeitig möchten wir nicht irgendwann nur noch einen hübschen zotteligen Begleithund haben, bei dem all das verschwunden ist, was den Gos über Generationen geprägt hat.

In der Hundezucht treffen deshalb zwei Ziele aufeinander: Verhaltenssicherheit und Sozialverträglichkeit – und gleichzeitig der Erhalt rassetypischer Eigenschaften. Genau darin dürfte die Kunst liegen: nicht aus Reserviertheit Angst werden zu lassen, nicht aus Wachsamkeit Aggression und nicht aus Eigenständigkeit einen Hund zu machen, der für seine Menschen im Alltag kaum noch erreichbar ist. Aber eben auch nicht jede Kante so lange glattzuschleifen, bis vom ursprünglichen Charakter nur noch das Fell übrig bleibt.

Meinen Rotstift kann ich bei Gubacca jedenfalls wieder einpacken. Freundlich zu Fremden zu sein und Fremde toll zu finden, sind eben zwei verschiedene Dinge.

Quellen
FCI – Rassestandard Gos d’Atura Català: FCI Standard Nr. 87
Club del Gos d’Atura Català: Erläuterungen zum Rassestandard

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