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Hundebegegnungen an der Leine – warum Ausweichen kein Versagen ist

August 09, 2026

Ich sehe ihn meistens einen Moment später als Gubacca. Irgendwo weiter vorne taucht ein großer Hund auf. Gubacca hat ihn natürlich längst entdeckt. Der Kopf geht ein kleines Stück höher, der Blick bleibt hängen und ich weiß ziemlich genau, was jetzt als Nächstes kommt, wenn wir einfach weiter geradeaus laufen.

Früher begann an dieser Stelle mein inneres Rechenzentrum zu arbeiten. Wie breit ist der Weg? Wie weit ist der andere Hund noch entfernt? Kann ich Gubacca auf die andere Seite nehmen? Soll ich stehen bleiben? Vielleicht klappt es heute ja. Irgendwann muss er schließlich lernen, auch an einem anderen Rüden vorbeizugehen.

Ich sehe ihn meistens einen Moment später als Gubacca. Irgendwo weiter vorne taucht ein großer Hund auf. Gubacca hat ihn natürlich längst entdeckt. Der Kopf geht ein kleines Stück höher, der Blick bleibt hängen und ich weiß ziemlich genau, was jetzt als Nächstes kommt, wenn wir einfach weiter geradeaus laufen.

Früher begann an dieser Stelle mein inneres Rechenzentrum zu arbeiten. Wie breit ist der Weg? Wie weit ist der andere Hund noch entfernt? Kann ich Gubacca auf die andere Seite nehmen? Soll ich stehen bleiben? Vielleicht klappt es heute ja. Irgendwann muss er schließlich lernen, auch an einem anderen Rüden vorbeizugehen.

Heute fällt meine Entscheidung meistens deutlich schneller aus. Wenn es möglich ist, wechsle ich die Straßenseite.

Fertig.

Das klingt vollkommen unspektakulär. Für mich war es das lange Zeit allerdings überhaupt nicht. Denn Ausweichen fühlte sich früher verdächtig nach Niederlage an.

Aber der Hund muss das doch lernen!

Diesen Satz hatte ich erstaunlich fest im Kopf. Viele Hundetrainer, mit denen ich im Laufe der Jahre zu tun hatte, sahen schwierige Hundebegegnungen vor allem als Lernchance: ruhig bleiben, ansprechbar sein, vorbeigehen. Das klang für mich lange sehr logisch. Schließlich wollte ich nicht für den Rest unseres gemeinsamen Lebens bei jedem großen Rüden die Straßenseite wechseln.

Also haben wir genau das trainiert. Nur wurde aus der Lernchance in meinem Kopf irgendwann fast eine Verpflichtung. Wenn ich auswich oder einen Bogen lief, fühlte es sich an, als hätte ich es mir zu leicht gemacht.

Meine Trainerin Gabi eröffnete mir später eine andere Sicht darauf. Für sie hatte es auch mit Achtsamkeit dem eigenen Hund gegenüber zu tun. Nicht jede Situation muss genutzt werden, nur weil sie gerade vor einem auftaucht. Man darf sehen, dass der Hund angespannt ist, der Abstand zu gering wird oder diese eine Begegnung gerade nichts bringt außer Stress.

Das war für mich ein ziemlich großer Gedankenwechsel. Ausweichen bedeutete plötzlich nicht mehr automatisch, dass wir etwas nicht geschafft hatten. Es konnte genauso gut heißen: Ich habe gesehen, was mein Hund gerade braucht, und entsprechend gehandelt. Diese Sichtweise hat vieles von dem geprägt, was ich heute unter Verstehen statt Erziehen verstehe.

Mit dieser neuen Erkenntnis hätte das Thema für mich eigentlich erledigt sein können. Wenn da nicht die anderen Hundebesitzer wären.

Alle können das. Nur wir wieder nicht.

Denn so vernünftig man sich das alles vorher zurechtlegen kann: In dem Moment, in dem der eigene Hund in der Leine hängt und der entgegenkommende Vierbeiner vollkommen ungerührt vorbeischlendert, macht das trotzdem etwas mit mir.

Der andere Hund läuft vorbei, als wäre nichts gewesen. Gubacca findet die Angelegenheit dagegen durchaus erwähnenswert und ich stehe am anderen Ende der Leine mit dem Gefühl, jeder im Umkreis von hundert Metern habe gerade gesehen, wer hier offenbar seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Alle anderen können das. Nur wir nicht. Willkommen im Club der größten Hundehalter-Loser ever, ever, ever.

Natürlich weiß ich inzwischen, dass die meisten Menschen wahrscheinlich überhaupt nicht über uns nachdenken. Aber es gibt eben auch die anderen. Manche schauen nur, andere ziehen ein wenig die Augenbraue hoch. Und einige schaffen es bereits aus der Entfernung zu vermitteln, dass sie dieses Problem selbstverständlich nicht hätten. Fairerweise muss man sagen: Ihr Hund spricht in diesem Moment auch ziemlich überzeugend dafür.

Noch schöner: Die, die es ganz genau wissen

Eine besondere Kategorie sind für mich Hundebesitzer, die sehr wohl wissen, dass ihr eigener Hund bei Begegnungen ein Thema hat und trotzdem mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit auf uns zulaufen.

Ich weiche nach rechts aus. Sie kommen mit. Ich gehe ein Stück auf die Wiese. Sie ebenfalls. Ich versuche, einen größeren Bogen zu laufen, während mir Gubacca am anderen Ende der Leine inzwischen ziemlich eindeutig mitteilt, dass er den Sinn dieser gemeinsamen Wanderbewegung nicht versteht. Und manchmal möchte ich tatsächlich fragen: „Entschuldigung, sollen wir uns vielleicht einfach irgendwo in der Mitte treffen? Dann haben wir es schneller hinter uns.“

Wenn zwei Hunde offensichtlich keinen Wert auf nähere Bekanntschaft legen, warum müssen wir Menschen dann unbedingt dafür sorgen? Gubacca muss keinen großen fremden Rüden in anderthalb Metern Abstand kommentarlos passieren, nur damit wir hinterher sagen können: geschafft.

Theoretisch wäre das sicherlich schön. Praktisch habe ich inzwischen andere Hobbys.

Ausweichen heißt für mich nicht flüchten

Es gab allerdings auch eine Variante des Ausweichens, bei der ich mich nie wohlgefühlt habe. Eine Bekannte von mir hatte ebenfalls einen Hund, bei dem Begegnungen schwierig werden konnten. Sobald irgendwo ein anderer Hund auftauchte, änderte sich schlagartig ihre gesamte Körpersprache.

„Da kommt ein Hund!“ Und schon verschwand sie mit ihrem eigenen in der nächsten Garageneinfahrt. Dabei wirkte es weniger wie ruhiges Ausweichen als vielmehr wie: Hauptsache schnell weg.

Der Hund wurde hektisch, sie wurde hektisch und obwohl der entgegenkommende Vierbeiner noch ein gutes Stück entfernt war, herrschte auf unserer Seite bereits Alarmstufe Rot. Das kann für mich auch nicht die Lösung sein.

Wenn ich heute mit Gubacca die Seite wechsle, möchte ich genau das Gegenteil. Kein Drama, kein hektisches Zerren an der Leine und kein plötzliches „Oh Gott, da kommt einer!“. Wir gehen eben rüber. Ruhig, möglichst früh und mit so viel Abstand, wie es die Situation gerade zulässt.

Allerdings nicht bei jedem Hund. Viele Begegnungen sind für Gubacca überhaupt kein Problem und ich möchte schließlich nicht aus jedem Vierbeiner am Horizont vorsorglich ein Ereignis machen.

Wann ich bei Hundebegegnungen ausweiche

Gubacca reagiert häufig erst einmal auf einen Hund, den er nicht kennt. Für mich besteht die eigentliche Kunst deshalb darin, möglichst schnell herauszufinden, wer uns da entgegenkommt. Bei einer Hündin kann ich ziemlich entspannt bleiben, bei einem kastrierten Rüden meistens ebenfalls. Dann gehen wir in aller Regel einfach vorbei und die Sache ist erledigt.

Spannender wird es bei großen Rüden. Und wenn der Kollege uns schon aus einiger Entfernung entdeckt, zielstrebig den nächsten Grashalm ansteuert und erst einmal demonstrativ das Bein hebt, weiß ich meistens ziemlich genau, wohin die Reise geht. Gubacca übrigens auch. Nach so vielen gemeinsamen Jahren sehe ich an seinem Blick und der höheren Rute ziemlich schnell, wann aus „Da kommt ein Hund“ ein ziemlich eindeutiges „DEN meine ich“ wird.

Dann schaffe ich, wenn möglich, Abstand. Wir wechseln die Straßenseite, gehen einen größeren Bogen oder ich weiche so weit wie möglich zur Seite aus. Oft werfe ich ein paar Leckerchen ins Gras. Gubacca sucht, der andere Hund kann passieren und im besten Fall war es das auch schon.

Manchmal gibt es diesen Platz aber schlicht nicht.

Dann kommt bei uns der Jackpot ins Spiel: ein getrockneter Hähnchenhals. Den gibt es bei mir tatsächlich nur für besondere Herausforderungen und Gubacca würde dafür vermutlich einiges unterschreiben. Bei Herrchen wird der Begriff „besondere Herausforderung“ etwas großzügiger ausgelegt. Man denke nur an die Belohnung für ein erfolgreich erledigtes Häufchen.

Wenn es eng wird, halte ich Gubacca den Hähnchenhals auch schon mal direkt vor die Nase. Pädagogisch besonders elegant ist das vermutlich nicht. Im Idealfall würde er den anderen Hund wahrnehmen, ansprechbar bleiben und sich bewusst mir zuwenden. Nur ist nicht jede Begegnung ein idealer Trainingsmoment. Wenn ich schon vorher weiß, dass es schwierig wird, ist mir wichtiger, dass er nicht mit voller Wucht in die Leine geht und sich die Situation hochschaukelt. Dann darf der Hähnchenhals für ein paar Sekunden eben interessanter sein als der Rüde auf der anderen Straßenseite.

Ich muss nicht aus jeder Hundebegegnung Training machen. Manche dürfen wir auch einfach möglichst ruhig hinter uns bringen.

Manchmal ist die andere Straßenseite einfach die bessere Straßenseite

Und wenn dabei jemand auf der anderen Straßenseite die Augenbraue hebt, soll er ruhig. Ich habe lange genug versucht, Hundebegegnungen so zu meistern, wie sie von außen vermutlich richtig aussehen. Heute reicht mir, wenn sie für Gubacca und mich funktionieren.

Lesetipp

Was macht einen Gos d’Atura eigentlich schwierig – und wann liegt das Problem vielleicht eher in unseren Erwartungen? Dazu habe ich mit einer Hundetrainerin gesprochen: Ist der Gos d’Atura schwierig? Eine Hundetrainerin antwortet →

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