Eine Woche Urlaub.
Zwei Gäste und ein halber Hausstand.
Auf diesen Urlaub hatte ich mich wirklich lange gefreut. Unser erster in diesem Jahr! Eine ganze Woche bei meiner Schwester, gemeinsam unterwegs sein, andere Wege erkunden und endlich wieder richtig viel Zeit miteinander verbringen.
Allerdings durfte in den Tagen vor unserer Abreise niemand auch nur auf die Idee kommen, mich zu fragen: „Und, freust du dich schon auf den Urlaub?“ Ich bin nämlich furchtbar abergläubisch!
Nachdem unser letzter geplanter Urlaub bei meiner Schwester wegen Gubaccas Pfotenverletzung buchstäblich in letzter Minute abgesagt werden musste, wollte ich das Schicksal auf keinen Fall noch einmal herausfordern. Damals waren die Koffer bereits fertig gepackt gewesen. Entsprechend vorsichtig war ich diesmal. Gubacca wurde in den letzten Tagen vor unserer Abreise behandelt wie ein rohes Ei. Bloß keine unnötigen Risiken, immer schön auf die Pfoten achten und vor allem nichts mehr anstellen, was unsere Reise gefährden könnte.
Und dann, zwei Tage vor der Abfahrt, verletzte sich der Herr tatsächlich eine Kralle!
Bei mir gingen sofort sämtliche Alarmglocken los. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Zum Glück stellte sich die Sache als harmlos heraus. Und so saßen wir am Samstagmorgen um sieben Uhr tatsächlich im Auto. Bereit für eine Woche Urlaub!
Wobei das mit dem Bereitsein bei mir bekanntlich eine ziemlich umfangreiche Angelegenheit ist.
Nur das Nötigste. Für eine Woche.
Ich bewundere Menschen, die mit einem kleinen Koffer für eine Woche verreisen. Wie machen die das bloß? Bei mir funktioniert das nicht. Schon gar nicht im Herbst, wenn man vorsichtshalber Kleidung für sämtliche Wetterlagen einpacken muss.
Und dann ist da natürlich noch Gubacca.
Eigentlich war seine Reiseausstattung längst geklärt. Seine Stoffklappbox, die ich gerne als sein mobiles Heim bezeichne, sollte wie gewohnt mitkommen. Doch plötzlich kamen mir Zweifel. Wäre es für ihn nicht viel gemütlicher, wenn er bei meiner Schwester in seinem gewohnten Wölkchen XXL schlafen könnte? Schließlich sollte auch Gubacca im Urlaub auf nichts verzichten müssen.
Also wurde kurzerhand umgeplant. Das mobile Heim wanderte auf den Rücksitz, damit im Kofferraum Platz für das Wölkchen blieb. Nun trägt dieses Hundebett seinen Zusatz XXL nicht ohne Grund. Es ist riesig! Und der Kofferraum war bereits mit all den anderen Dingen gefüllt, die ich für eine Woche Urlaub für unverzichtbar hielt. Nach einigem Schieben, Drücken und Umverteilen passte schließlich alles hinein. Sogar die Heckklappe ließ sich noch schließen. Ich war ausgesprochen zufrieden mit mir. Gubacca hatte sich zu dem ganzen Aufwand übrigens nicht geäußert.
Eine Bauchlandung zur Begrüßung
Bei meiner Schwester angekommen, kämpfte ich mich gerade mit meinem riesigen Koffer durch das Treppenhaus, während Gubacca bereits nach oben flitzte. Die glatten Treppenstufen sind für ihn jedes Mal ein absolutes Angstthema. Allerdings hat er eine ganz eigene Methode entwickelt, damit fertigzuwerden: Augen zu und so schnell wie möglich durch! In unserem Fall natürlich nach oben.
Und so nahm er gleich drei Stufen auf einmal, während ich mich mit meinem Koffer noch mühsam die erste Treppe hinaufquälte. Ich hatte noch nicht einmal die erste Etage erreicht, als ich von oben ein lautes Klatschen hörte. Oh nein! Gubacca war natürlich ausgerutscht. Vor meinem inneren Auge sah ich ihn bereits wie eine platte Flunder vor der Wohnungstür meiner Schwester liegen.
Dachgeschoss!, stöhnte ich innerlich. Ich sah mich schon die nächsten Tage damit verbringen, mein vierbeiniges Schwergewicht die Treppen hinaufzuhieven. Das konnte ja ein interessanter Urlaub werden!
Zum Glück war die Sache glimpflich ausgegangen. Als ich endlich oben ankam, hatte Gubacca seine Bauchlandung längst abgehakt und flitzte bereits aufgeregt durch die Wohnung.
Dass seine Pfoten auf dem Laminatboden dabei gelegentlich die Bodenhaftung verloren, schien ihn wenig zu interessieren. Ich kann mir gut vorstellen, wie sich dieses Geräusch für jemanden anhört, der keinen Hund hat. Dieses Scharren der Krallen, gefolgt von einem ausgiebigen Schlittern über den Boden. Da sieht man die Kratzer auf dem Laminat förmlich entstehen, noch bevor man überhaupt nachgesehen hat.
Und dabei waren wir gerade erst angekommen!
Wenn der Hund einzieht
Kaum hatte ich unsere Taschen nach oben geschleppt, ging es bereits an die Umgestaltung des Wohnzimmers. Das Wölkchen XXL brauchte schließlich einen geeigneten Platz. Also wurden Möbel verschoben, bis das riesige graue Hundebett endlich dort lag, wo es hingehörte.
Gubacca nahm seinen neuen Schlafplatz zufrieden in Besitz. Damit hatte sich die ganze Schlepperei doch gelohnt! Wobei ich mir diesen Gedanken spätestens dann verkneife, wenn der Herr sich direkt neben seinem Wölkchen auf dem Fußboden ausstreckt. Hauptsache, ich habe das Riesenteil mitgeschleppt!
Abends zeigte sich schnell, dass Gubacca auch seinen anderen Lieblingsplatz nicht vergessen hatte. Schon bei früheren Besuchen hatte er eine Vorliebe dafür entwickelt, seinen Kopf unter den Heizkörper zu schieben.
Warum auch immer. Dort liegt er dann lang ausgestreckt und sieht ausgesprochen zufrieden aus. Uns bereitet das allerdings etwas mehr Kopfzerbrechen. Schließlich haben wir Sorge, dass er sich an der heißen Heizung verbrennen könnte. Also bleiben wir mit der Raumtemperatur vorsichtig und sitzen lieber mit dicken Wolldecken auf dem Sofa.
Doch so gelassen meine Schwester ihren vierbeinigen Urlaubsgast mit all seinen Marotten hinnimmt, fällt ihr, glaube ich, eine Sache besonders schwer: dieses ständige Rein in die Klamotten, raus aus den Klamotten.
Kaum hat man es sich gemütlich auf dem Sofa gemacht, zeigt die Uhr schon wieder an, dass es Zeit für die nächste Hunderunde ist. Also Jacke an, Schuhe an und raus. Hinterher alles wieder ausziehen, bis das Spiel ein paar Stunden später von vorne beginnt.
Für mich gehört das längst zum Alltag. Meine Schwester könnte ihren Urlaub dagegen durchaus verbringen, ohne ständig in ihre Wanderschuhe zu schlüpfen. Trotzdem begleitet sie uns auf den großen Nachmittagsrunden und lässt sich auch von Gubaccas gelegentlich etwas eigenwilligen Vorstellungen über das Tempo eines Spaziergangs nicht aus der Ruhe bringen.
Dafür bekommt sie anschließend sogar ein bisschen Natur frei Haus geliefert. Gubaccas langes Fell eignet sich hervorragend zum Transport von Herbstlaub. Ein Teil fällt bereits beim Ausziehen des Geschirrs heraus, andere Blätter entdecken wir erst Stunden später auf dem Fußboden.
Und dann wären da noch unsere gemeinsamen Mahlzeiten. Gubacca hat nämlich die Angewohnheit, sich grundsätzlich unter den Küchentisch zu legen, sobald wir uns zum Essen hinsetzen. Dass dort eigentlich auch noch zwei Menschen ihre Beine unterbringen möchten, interessiert ihn wenig.
So sitzen wir gemütlich beim Frühstück oder Abendessen, während sich unter dem Tisch ein katalanischer Hütehund breitmacht. Wer seine Beine ausstrecken möchte, muss erst einmal schauen, wo Gubacca gerade liegt.
Ausschlafen? Wir haben Urlaub!
Ausschlafen gehört im Urlaub ja irgendwie dazu. Für mich sind 7.45 Uhr bereits der pure Luxus. Meine Schwester dürfte das allerdings ein wenig anders sehen. Deshalb verzichte ich morgens ganz edelmütig auf ihre Begleitung und marschiere mit Gubacca alleine los.
Und morgens ist es wirklich saukalt! Wie jedes Mal bin ich nämlich wieder in die Hessen-Falle getappt. Obwohl ich inzwischen wissen müsste, dass es hier gerne mal gefühlt zehn Grad kälter ist als bei uns im Ruhrgebiet, habe ich beim Packen natürlich nicht daran gedacht.
Regenjacke? Eingepackt. Winterjacke? Selbstverständlich. Herbstjacke? Sicher ist sicher! Schal und Handschuhe? Fehlanzeige. Zum Glück kennt mich meine Schwester. Als ich am zweiten Morgen aufbrechen wollte, lagen beide Sachen kommentarlos an der Garderobe bereit.
Dabei genieße ich unsere Morgenrunden hier immer ganz besonders. Kaum haben wir die Haustür hinter uns gelassen, stehen wir schon mitten in den Feldern. Die Sonne geht gerade auf, auf den Wiesen liegt noch ein Hauch Raureif und Gubacca hat alle Zeit der Welt, seine Nase in Dinge zu stecken, die ich lieber nicht näher untersuchen möchte.
Nur mit der herrlichen Einsamkeit, die ich bei unseren früheren Urlauben so geliebt habe, scheint es inzwischen vorbei zu sein.
Gefühlt hat hier jeder zweite Anwohner einen großen Rüden. Und auffallend viele davon dürfen ihre Morgenrunde ohne Leine absolvieren. Nun ist Gubacca bekanntlich nicht unbedingt der größte Freund solcher unverhofften Männerbekanntschaften. Und ich verspüre morgens um acht auch wenig Lust, mich mit fremden Hundebesitzern über den Sinn und Unsinn einer Leine zu unterhalten.
Also wird umdisponiert. Mal biegen wir früher ab, mal nehmen wir einen anderen Weg und manchmal fällt unsere geplante Runde gleich ganz anders aus als gedacht. So kommt es, dass ich zwar morgens voller Tatendrang losziehe, aber nur selten dort lande, wo ich eigentlich hinwollte.
„Lass dich doch mal verwöhnen!“
Verliert man eigentlich jemals den Status der kleinen Schwester? Zum Glück nicht! Jedenfalls nicht, wenn ich bei meiner Schwester Urlaub mache. Dann genieße ich nämlich das volle Verwöhnprogramm Deluxe.
Wenn Gubacca und ich morgens von unserer Runde zurückkommen, ist der Frühstückstisch längst gedeckt. Ich muss nur noch aus den dicken Klamotten schlüpfen, Gubacca von den letzten Blättern in seinem Fell befreien und schon kann ich mich an den Tisch setzen. Herrlich!
Meine nicht gerade von übermäßigem Ehrgeiz geprägten Versuche, mich anschließend beim Abräumen zu beteiligen, verpuffen regelmäßig mit einem „Lass dich doch mal verwöhnen!“. Nun könnte ich natürlich hartnäckig bleiben und auf meinem Recht bestehen, wenigstens die Kaffeetassen in die Küche zu tragen. Aber wer möchte sich im Urlaub schon mit seiner großen Schwester streiten?
Und natürlich kennt sie auch meine Schwäche für Kuchen. Wenn sie irgendwo eine besonders gute Bäckerei entdeckt hat, fährt sie dafür auch gerne mal drei Orte weiter. Mein obligatorisches „Ach, du musst doch nicht extra …!“ kommt selbstverständlich trotzdem. Wobei ich zugeben muss, dass meine Begeisterung für den angekündigten Kuchen meine Glaubwürdigkeit dabei ein wenig beeinträchtigt.
Überhaupt sind es diese vielen Kleinigkeiten. Mal steht im Badezimmer ein neues Duschgel, das ich unbedingt ausprobieren soll. Und abends denkt sie daran, vor dem Schlafengehen die Heizung in meinem Zimmer höher zu stellen, damit ich auch ja nicht friere.
Eine Handvoll Laub
Eigentlich waren wir nur mit Gubacca unterwegs, als uns eine Familie auffiel. Ein kleines Kind stand mitten im Herbstlaub, sammelte mit beiden Händen Blätter vom Boden und warf sie begeistert in die Luft. Kaum waren sie heruntergerieselt, ging das Ganze von vorne los.
Ich blieb stehen und schaute zu. Was für ein herrlicher Anblick! Und während das Kind seinen Spaß hatte, entstand in meinem Kopf bereits ein Foto. Gubacca mitten im fliegenden Herbstlaub. Das müsste doch großartig aussehen!
Ich schaute meine Schwester an. „Was meinst du, wollen wir das auch mal ausprobieren?“
Viel Überzeugungsarbeit war nicht nötig. Schon standen wir mitten im Laub und sammelten die ersten Blätter ein. Allerdings hatte ich bei meiner spontanen Bildidee einen kleinen Punkt nicht bedacht: Irgendjemand musste schließlich fotografieren.
Und so bekam meine Schwester kurzerhand die Kamera in die Hand gedrückt, während Gubacca und ich uns für das Herbstfoto in Position brachten.
Natürlich war die Wirklichkeit nicht ganz so unkompliziert wie das fertige Bild in meinem Kopf. Die Blätter sollten möglichst schön durch die Luft wirbeln, Gubacca im richtigen Moment dazwischenstehen und meine Schwester das Ganze auch noch im passenden Augenblick festhalten.
Also wurde Laub gesammelt, in die Luft geworfen und wieder eingesammelt. Gubacca fand unsere neue Beschäftigung großartig und war begeistert mittendrin. Und wir? Wir lachten uns kaputt. Je öfter wir es versuchten, desto alberner wurde die ganze Angelegenheit.
Gerade solche Momente liebe ich an uns beiden. Ich kann eine völlig bescheuerte Idee haben und muss sie nicht erst groß erklären. Meine Schwester macht einfach mit.
Während ich noch versuchte, die letzten Blätter aus meinen Haaren zu bekommen, hatte meine Schwester jedenfalls schon den nächsten Laubhaufen entdeckt. Und die Kamera hatte sie auch noch in der Hand.
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