Und täglich grüßt der Dörnberg
In jedem Urlaub haben wir immer schnell unser Lieblingsziel für die große Gubacca-Runde. Diesmal war es der Dörnberg. Ich glaube, man hätte mit uns problemlos eine Neuauflage von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ drehen können. Wir sitzen gemütlich auf dem Sofa. Ich klebe förmlich an meinem spannenden Buch, und schwupps steht der Zeiger der Uhr auch schon wieder auf halb vier.
„Wo sollen wir denn heute mit Gubacca laufen?“, kommt prompt die Frage von meiner Schwester. Höflich, wie ich als Gast (manchmal) bin, biete ich natürlich erst einmal an, hier alleine noch eine Runde durch die Felder mit ihm zu laufen. Insgeheim weiß ich allerdings längst, dass ein entschiedenes „Nein auf gar keinen Fall, wir fahren gemeinsam noch wo hin!“ folgen wird.
„Sollen wir wieder zum Dörnberg fahren? Da kann Gubacca doch so schön über die Wiesen flitzen!“ Wer wäre ich, diesem Vorschlag zu widersprechen? Rekordverdächtige zehn Minuten später sitzen wir im Auto. Gubacca thront hinten im Kofferraum, gut gesichert und ausgesprochen zufrieden. Er liebt es, im Wagen meiner Schwester durch die Gegend geschaukelt zu werden. Von seinem Platz aus hat er außerdem alles im Blick.
Und wir fahren mal wieder zum Dörnberg.
Von Bergziegen und anderen Hochstaplern
Oben am Dörnberg gibt es unzählige Möglichkeiten für schöne Spaziergänge. Besonders gerne zieht es mich zu den Helfensteinen, diesen markanten Felsen, auf denen ich für mein Leben gerne herumklettere.
Sehr zur Freude meiner Schwester. Sie sieht meine Fähigkeiten als Bergsteigerin nämlich deutlich realistischer als ich selbst. Und sie weiß nur zu gut, dass ich für ein schönes Foto gelegentlich zu einer gewissen Waghalsigkeit neige. Ich nenne das fotografischen Ehrgeiz. Sie dürfte dafür eine andere Bezeichnung haben.
Diesmal konnte sie allerdings aufatmen. Meine Stiefel hatten ausgerechnet ziemlich glatte Sohlen, und selbst ich musste einsehen, dass das Herumturnen auf den Felsen damit keine besonders gute Idee war. Zum Glück gab es ja noch den Kleinen Dörnberg.
Da die Knie meiner Schwester größere Steigungen inzwischen nicht mehr besonders schätzen, erklärte ich selbstverständlich großzügig, dass wir dort heute nicht hinaufmüssten. Es wäre schließlich ausgesprochen unhöflich, sie alleine unten stehen zu lassen. Je näher wir jedoch dem Aufstieg kamen, desto häufiger wanderte mein Blick sehnsüchtig nach oben. Und irgendwie wurden auch meine Schritte immer schneller.
„Jetzt geh doch endlich! Ich weiß doch, dass dir das Spaß macht!“ Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass der Vorschlag nicht von mir kam.
Also marschierte ich beherzt mit Gubacca los. Der Herr zog begeistert bergauf und machte seinem Spitznamen „Bergziege“ alle Ehre. Und ausnahmsweise war ich gar nicht unglücklich darüber, dass er dabei recht ordentlich an der Leine zog. Denn ich musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass meine Kondition schon einmal besser gewesen war.
Wir sprechen hier wohlgemerkt vom Kleinen Dörnberg. Trotzdem war ich oben angekommen ziemlich außer Puste. Gubacca dagegen schaute sich munter um und suchte bereits nach einem geeigneten Felsen für sein nächstes Foto.
Das ist übrigens eine Angewohnheit, die ich ihm selbst beigebracht habe. Über Jahre habe ich ihn dazu ermuntert, für meine Fotos auf Steine und andere Erhöhungen zu steigen. Inzwischen entdeckt er seine Fotoplätze ganz alleine und wartet anschließend darauf, dass ich endlich die Kamera heraushole.
Während er dort oben posierte, konnte ich wenigstens in Ruhe verschnaufen.
Die geheimnisvolle Stadt unter dem Berg
Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick über die Landschaft. Und natürlich hinüber zu den Helfensteinen, die für mich mit so vielen Kindheitserinnerungen verbunden sind.
Von meinem Kinderzimmerfenster aus konnte ich damals direkt auf die Felsen schauen. Und wenn wir mit unseren Eltern am Dörnberg unterwegs waren, wusste mein Vater immer etwas Spannendes zu erzählen. Er war ein wunderbarer Geschichtenerzähler und begeisterte sich für Geschichte, Wikinger, Zeitreisen und überhaupt alles, bei dem die Fantasie ordentlich in Schwung kam.
Besonders erinnere ich mich an seine Erzählungen über eine geheimnisvolle Stadt, die tief unter dem Hohen Dörnberg verborgen sein sollte. Wie genau diese Geschichte ging, weiß ich heute leider nicht mehr. Und ob mein Vater eine alte Überlieferung aufgriff oder seiner eigenen Fantasie etwas nachhalf, kann ich auch nicht sagen. Als Kind wäre ich allerdings nie auf die Idee gekommen, ihn nach seinen Quellen zu fragen. Wer möchte schon eine spannende Geschichte durch solche Nebensächlichkeiten unterbrechen?
Ganz aus der Luft gegriffen war seine Begeisterung für die Vergangenheit des Dörnbergs jedenfalls nicht. Noch heute sind dort Reste alter Wallanlagen zu erkennen, und archäologische Funde belegen, dass Menschen den Berg schon vor Jahrtausenden nutzten.
Ich würde meinen Vater zu gerne noch einmal fragen, wie das damals mit der Stadt unter dem Berg war. Wobei ich vermutlich etwas Zeit mitbringen müsste. Aus einer einfachen Frage konnte bei ihm durchaus ein ganzer Geschichtsabend werden.
Wetterkapriolen und Kuhfladen
Auch wenn wir beinahe täglich am Dörnberg unterwegs waren, wurde es uns dort nie langweilig. Dafür sorgte schon das Wetter. An einem Nachmittag schien bei meiner Schwester noch herrlich die Sonne. Oben angekommen, standen wir plötzlich mitten in einem feinen Nebelschleier. Die weiter entfernten Hügel verschwanden teilweise im Dunst, während wir uns fragten, wo eigentlich das schöne Wetter geblieben war. An anderen Tagen blies uns der Wind kräftig um die Ohren. Gubacca sah dann aus, als hätte jemand seinen gesamten Fellbestand einmal gründlich durcheinandergewirbelt. Die Haare flogen ihm vor die Augen, und ich fragte mich gelegentlich, wie viel er überhaupt noch sehen konnte.
Ihn störte das herzlich wenig. Schließlich gab es auf den großen Wiesen genügend andere Beschäftigungsmöglichkeiten. Zum Beispiel sich mit größter Begeisterung auf den Rücken zu werfen und ausgiebig im Gras zu wälzen. Nun werden diese Wiesen auch von Kühen genutzt. Und entsprechend großzügig sind deren Hinterlassenschaften verteilt. Meine Schwester und ich haben deshalb inzwischen eine neue gemeinsame Schrecksekunde: Gubacca entdeckt eine besonders verlockende Stelle im Gras, wirft sich auf den Rücken und beginnt genüsslich, sich hin und her zu wälzen.
Wir zucken beide zusammen. „Oh nein!“
Während der Herr alle vier Pfoten in die Luft streckt, wandern unsere Blicke hektisch zwischen ihm und dem nächsten Kuhfladen hin und her. Und dann passiert es. Oder besser gesagt: Es passiert eben nichts. Gubacca schafft es tatsächlich jedes Mal, sich haarscharf daneben zu wälzen. Manchmal trennen ihn gefühlt gerade einmal fünf Zentimeter von einer ausgesprochen unangenehmen Heimfahrt.
Ich weiß nicht, wie er das macht. Aber bisher hatten wir jedes Mal Glück. Gubacca rappelt sich zufrieden auf, schüttelt sich und läuft weiter. Meine Schwester und ich haben unterdessen wieder etwas für unseren Blutdruck getan.
Wenn die Sonne sich endlich zeigt
Besonders schön fand ich bei unseren Runden am späten Nachmittag, dass dann auch die Sonne schon langsam unterging. Wobei sie es uns mit den Sonnenuntergängen nicht immer leicht machte. Es war fast wie verhext. An den meisten Nachmittagen schob sich ausgerechnet dort, wo die Sonne stand, eine dicke Wolkenfront davor. Überall sonst konnte der Himmel noch so schön sein. Nur die Sonne hatte offenbar beschlossen, sich für den Rest des Tages zu verabschieden.
An einem Nachmittag hatten wir allerdings richtig Glück. Keine einzige Wolke störte den Blick, und wir konnten oben einen herrlichen Sonnenuntergang genießen. Die gegenüberliegenden Hügel leuchteten im letzten Licht, während die Wiesen um uns herum längst im Schatten lagen. Besonders die rotgolden angestrahlten Baumkronen hatten es mir angetan.
Natürlich blieb ich ständig stehen, um noch ein Foto zu machen. Meine Schwester kennt meine Fotografiererei inzwischen zur Genüge. Wenn ich „Nur noch ein Foto!“ sage, weiß sie, dass man diese Ankündigung besser nicht allzu wörtlich nehmen sollte. Und während ich versuchte, auch noch die letzten Sonnenstrahlen einzufangen, hatte Gubacca längst wieder einen schönen Aussichtspunkt entdeckt.
Irgendwann mussten wir natürlich doch zurück zum Auto. Wobei ich für den nächsten Urlaub dringend etwas auf meine Packliste setzen muss: vernünftige Wanderschuhe mit ordentlich Profil. Ob meine Schwester sich darüber freuen wird, wage ich allerdings zu bezweifeln.
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