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Mit einem Bein in Ahnatal

Mai 14, 2026

Eigentlich war ich schon fast weg. Nicht körperlich. Körperlich war ich noch zu Hause. Aber innerlich war ich bereits auf Abfahrt eingestellt. Die Arbeit war geschafft, der Urlaub lag vor mir, der Koffer war gepackt und in meinem Kopf war ich schon auf dem Weg nach Ahnatal. Etwas voreilig, leider. Denn Gubacca hatte bereits am Dienstag einen kleinen Warnschuss abgegeben. Er war vom Sofa gesprungen und hatte danach das rechte Hinterbein nicht richtig aufgesetzt. Nur kurz, aber lang genug, damit mein inneres Alarmsystem einmal komplett hochfuhr.

Eigentlich war ich schon fast weg. Nicht körperlich – da stand ich noch zu Hause zwischen Koffer und Alltag – aber innerlich war ich bereits voll auf Abfahrt eingestellt. Die Arbeit war geschafft, der Urlaub lag verlockend nah vor mir, und in meinem Kopf war ich längst auf dem Weg nach Ahnatal. Ich war in Gedanken schon dort, wo das schwesterliche Verwöhnprogramm auf mich wartet. Etwas voreilig, wie sich leider herausstellen sollte.

Denn Gubacca hatte bereits am Dienstag einen kleinen Warnschuss abgegeben: Er war vom Sofa gesprungen und hatte danach das rechte Hinterbein nicht richtig aufgesetzt. Es war nur ein kurzer Moment, aber er dauerte lang genug, damit mein inneres Alarmsystem sofort auf Hochtouren hochfuhr.

Meine erste Reaktion war daraufhin natürlich gewohnt besonnen, ruhig und sachlich: Ich habe den Göttergatten angemeckert. Meinen selbsternannten „Herrn Mini-Rütter“, der Gubacca die Sofa-Regeln offenbar deutlich großzügiger auslegt als ich. Jeder, der mich kennt, weiß allerdings: Es war nicht nur ein bisschen Meckern. Ich habe getobt. „Warum musstest du ihm auch das Sofa erlauben? Ich vermeide das doch extra!“ In diesem Moment war mir völlig egal, dass Gubacca sowieso seine ganz eigenen Vorstellungen von gemütlichen Liegeplätzen hat – irgendwer musste schließlich für das hochgefahrene Alarmsystem verantwortlich sein.

Später lief Gubacca draußen wieder völlig normal – kein Humpeln, kein Lahmen, kein dramatisches Bein-in-die-Luft-Halten. Ich war zwar innerlich noch nicht ganz überzeugt, aber immerhin bereit, das erste Mal vorsichtig auszuatmen. Auch die Morgenrunde am nächsten Tag verlief völlig ereignislos, sodass ich mittags endlich an diesem wunderbaren Punkt ankam, an dem man denkt: Jetzt kann es losgehen. Der Koffer war gepackt, die Arbeit erledigt und der Urlaubsmodus endlich in greifbarer Reichweite. Während ich oben im Büro noch die letzten Handgriffe erledigte, lag Gubacca unten – allein, ruhig und scheinbar völlig unspektakulär.

Doch als ich später zu ihm herunterkam, fiel mein Blick sofort auf sein nass geschlecktes Beinchen. Es war einer dieser Sekundenbruchteile, in denen man sich verzweifelt an die Hoffnung klammert: Ach komm, vielleicht ist das gar nichts. Vielleicht hat er nur ein wenig geleckt. Vielleicht sieht es schlimmer aus, als es eigentlich ist.

Diese Hoffnung zerplatzte jäh, als ich den ersten Blutstropfen sah. Und in diesem Moment muss ich es ehrlich zugeben: Die mühsam bewahrte Ruhe war schlagartig weg und machte Platz für pure Panik.

Dabei war es nicht diese vernünftige, abgeklärte Form von Panik nach dem Motto: „Ich schaue mir das jetzt einmal in Ruhe an.“ Es war eher die Variante, bei der im Kopf sofort alle Türen gleichzeitig aufspringen – und hinter jeder steht ein anderes kleines Schreckgespenst, bewaffnet mit Bergen von Verbandmaterial.​

Mittwoch vor dem Feiertag. Natürlich.

Es ist ja fast schon ein Naturgesetz, dass Hunde so etwas niemals montags um zehn Uhr morgens machen, wenn alle Praxen geöffnet sind und man noch entspannt abwägen kann, ob man erst einmal nur beobachtet. Nein, Hunde haben ein unfehlbares Gespür für Feiertage, Wochenenden und genau jene Momente, in denen der Mensch gerade denkt, es sei endlich alles organisiert.

Mein erster Eindruck war dennoch ein verzweifeltes: Vielleicht hat er sich nur wund geleckt. Vielleicht sieht es schlimmer aus, als es ist. Vielleicht ist es am Ende gar nicht so wild. Man klammert sich in solchen Augenblicken ja förmlich an diese Sätze, um die Realität noch ein wenig auf Abstand zu halten. Zum Glück war die Tierärztin bei uns um die Ecke noch in der Praxis erreichbar. Also habe ich Gubacca eingepackt und bin losgefahren – innerlich ständig pendelnd zwischen einem hoffnungsvollen „Bestimmt halb so schlimm“ und einem verzweifelten „Bitte nicht ausgerechnet jetzt“.

Von außen betrachtete sah es erst einmal wirklich nicht nach einem großen Drama aus: Die Wolfskralle selbst schien in Ordnung zu sein, und Gubacca humpelte nicht. Er benahm sich beim Laufen keineswegs wie ein schwerverletzter Krieger, sondern eher wie ein Hund, der die aktuelle Aufmerksamkeit auf sein Bein für vollkommen übertrieben hielt.

Doch dann wurde das Fell abrasiert und mit ihm kam die Ernüchterung.

Unter dem Fell sah die Sache plötzlich nicht mehr nach „ein bisschen wund geleckt“ aus. Die Region rund um die Wolfskralle war geschwollen, gereizt und sah deutlich schlimmer aus, als sie mit Fell darüber gewirkt hatte. Und dann war auch klar: Er hatte dort nicht nur ein bisschen herumgeleckt. Er hatte sich kleine Löcher in die Haut gebissen. Aber warum? Die Kralle selbst war in Ordnung. Gubacca humpelte nicht. Und genau das machte die Sache nicht unbedingt klarer.

Auch die Tierärztin stand vor einem Rätsel, warum er plötzlich angefangen hatte, sich genau dort so blutig zu beißen. Es gab einfach keinen eindeutigen „Aha, da ist es“-Moment – keine abgebrochene Kralle, kein sichtbarer Fremdkörper und kein dramatisches Lahmen, das mit dem Finger auf die Ursache gezeigt hätte. Zurück blieben nur eine geschwollene Stelle, ein blutiges Beinchen und ein Hund, der sonst als „Mr. Tapfer“ bekannt ist und eigentlich nie zur radikalen Selbstbearbeitung mit den Zähnen neigt.

Die Tierärztin überlegte, ob ihn dort vielleicht ein Insekt gestochen haben könnte – was natürlich möglich wäre. Doch für mich war es ein viel zu großer Zufall, dass ausgerechnet dieses Bein betroffen war; genau jenes Bein, das er am Vortag nach dem Sprung vom Sofa kurzzeitig geschont hatte. Meine Vermutung blieb daher hartnäckig an der Wolfskralle hängen. Vielleicht hatte er sich beim Landen genau dort etwas verdreht, gezerrt oder gequetscht – nicht die Kralle selbst, sondern das Gewebe, an dem sie sitzt. Sicher wissen werde ich es wohl nie, aber mein Bauchgefühl tendiert bis heute ganz klar in diese Richtung.

Und genau da begann dieses zermürbende Hin und Her im Kopf.

Denn ich muss ehrlich zugeben: Für einen kurzen Moment dachte ich tatsächlich noch, wir könnten vielleicht trotzdem fahren. Nicht, weil mir Gubaccas Bein egal gewesen wäre – absolut nicht –, sondern weil meine Schwester und ich uns so unglaublich auf diese gemeinsame Woche gefreut hatten. Auf das Reden, das Zusammensitzen, auf die einfache, kostbare Zeit miteinander. Irgendwo in meinem Hinterkopf suchte ein kleiner, unverbesserlich optimistischer Teil noch verzweifelt nach einer Lösung, die beides möglich machen würde: den Hund und das ersehnte Ahnatal.

Die Antwort auf meine optimistischen Gedankenspiele kam allerdings ziemlich schnell und ernüchternd: Fahren wäre nur dann eine ernsthafte Option gewesen, wenn ich vor Ort am Freitag sofort eine Tierärztin für den Verbandswechsel und die Kontrolle gefunden hätte.

Theoretisch gibt es dort natürlich eine Praxis. Praktisch jedoch bekommt man dort so kurzfristig ungefähr so leicht einen Termin wie einen Gos d’Atura dazu, eine vollkommen unlogische Regel einfach kommentarlos zu akzeptieren.

Damit verwandelte sich das hoffnungsvolle „vielleicht geht es doch“ in Windeseile in ein realistisches „wahrscheinlich eher nicht“. Und so stand ich da: der Koffer fertig gepackt im Flur, der Hund fachmännisch verbunden im Körbchen und mein ganzer schöner Reiseplan unsanft auf Pause gedrückt.

Gubacca trägt nun einen festen Verband und hat am Freitag einen Termin zur Nachkontrolle. Damit hat sich auch meine eigene Aufgabe schlagartig geändert: Ich bin jetzt hauptberufliche Verbands-Beobachterin.

Minutiös kontrolliere ich, ob alles trocken bleibt, ob der Sitz noch stimmt, ob irgendwo Blut durchsickert oder ob sich ein verdächtiger Geruch breitmacht. Und natürlich muss ich sicherstellen, dass Gubacca den Verband nicht eigenhändig einer gründlichen „Qualitätskontrolle“ mit den Zähnen unterzieht.

Nebenbei beobachte ich den ganzen Hund: Läuft er normal? Wirkt er wach? Schläft er nur, weil der Tag anstrengend war, oder steckt am Ende doch mehr dahinter? Zum Glück frisst und trinkt er normal, kommt sofort, wenn ich ihn rufe, und zeigt draußen sein gewohntes Gangbild. Das ist beruhigend – zumindest theoretisch. Praktisch reicht es gerade so aus, um nicht alle fünf Minuten medizinisch bedeutungsvoll neben seinem Körbchen zu stehen.

Wobei „nicht alle fünf Minuten“ natürlich eine sehr großzügige Auslegung der Realität ist. Denn seien wir ehrlich: Schläft er, bin ich beunruhigt. Wandert er durchs Haus, bin ich beunruhigt. Und legt er seinen Kopf auf meinen Schoß, bin ich gleichzeitig gerührt und – natürlich – beunruhigt.

Man kennt das ja: Der Hund macht irgendetwas (oder eben gar nichts), und der Mensch steht daneben und versucht verzweifelt, aus jeder noch so kleinen Bewegung eine verlässliche medizinische Einschätzung zu gewinnen.

Und natürlich regnet es seitdem. Nicht nur ein bisschen – es schüttet. Überall stehen Pfützen, und ausgerechnet jetzt trägt Gubacca einen Verband, der laut ärztlicher Anweisung absolut trocken bleiben muss. Murphys Gesetz hat offenbar eine eigene kleine Außenstelle direkt in unserem Garten eröffnet.

Immerhin hat die Situation einen Lerneffekt: Ich weiß nun ganz genau, welche Frischhaltebeutel eine eher mäßige Qualität haben. Und ich habe die Gewissheit, dass meine heimliche Sammelleidenschaft für übrig gebliebene Einzelsocken doch nicht völlig sinnlos war. Irgendwann kommt eben für jede Socke der Tag, an dem sie ihre große Stunde erlebt. Bei uns war dieser Tag am Mittwoch.

Man wird mit Hund eben automatisch zur Fachkraft für Dinge, die man eigentlich nie lernen wollte:

  • Hauptfach: Verbandskontrolle.
  • Zusatzqualifikation: Besorgtes Gucken.
  • Nebenfach: Improvisierte Pfotenschutztechnik bei Starkregen.

Vielleicht fahren wir Samstag. Vielleicht auch nicht. Im Moment entscheidet nicht Google Maps über unsere Route, sondern ein weißer Verband am rechten Hinterbein. Und so stehe ich daneben – bewaffnet mit Frischhaltebeuteln, einer Einzelsocke und dem festen Vorsatz, nicht alle drei Minuten nachzusehen, ob noch alles in Ordnung ist.

Spoiler: Der Vorsatz hält mäßig.

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