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Liebe auf den ersten Fellabdruck

Mai 05, 2026

Es gibt Entscheidungen im Leben, die trifft man mit dem Kopf. Und dann gibt es Entscheidungen, die trifft man in einem Möbelhaus, während man auf einem hellbeigen Wohnzimmerteppich steht und sich einredet, dass das schon irgendwie gutgehen wird. Ich gehöre offenbar zur zweiten Gruppe. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Wirklich. Ich lebe schließlich nicht allein. Ich teile mein Zuhause mit einem langhaarigen Katalanischen Schäferhund, der in unserer Familie heiß und innig geliebt wird. Meine Schwester und meine Eltern freuen sich jedes Mal, wenn Gubacca zu Besuch kommt. Er wird begrüßt, gekrault, bewundert und liebevoll mit Sätzen empfangen wie: „Ach, da ist ja die größte Dreckschleuder der Welt!“

Es gibt Entscheidungen im Leben, die trifft man mit dem Kopf. Und dann gibt es Entscheidungen, die trifft man in einem Möbelhaus, während man auf einem hellbeigen Wohnzimmerteppich steht und sich einredet, dass das schon irgendwie gutgehen wird. Ich bin die unangefochtene Anführerin der zweiten Gruppe.

Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Schon im Möbelhaus hörte ich in meinem Kopf meine Familie sagen: „Das ist jetzt nicht dein Ernst, Bine?!“ Sie kennen Gubacca. Ich kenne Gubacca. Und sie hätten mit ihren gut gemeinten Ratschlägen so gar recht. Bei meiner Schwester und meinen Eltern ist Gubacca ein gern gesehener Gast keine Frage. Er wird begrüßt, gekrault, bewundert und ungefähr im selben Atemzug liebevoll „die größte Dreckschleuder der Welt“ genannt. Was hart klingt. Aber fair ist. Gubacca bringt schließlich selten nur sich selbst mit. Irgendwas hängt immer im Fell. Fell sowieso. Dazu Sand, Erde, kleine Ästchen, Gras und gelegentlich Fundstücke, über deren Herkunft ich im Sinne des Familienfriedens nicht weiter nachdenken möchte.

Staubsaugen oder Wischen vor einem Gubacca-Besuch? Kann man machen. Man kann sich aber auch einfach hinsetzen und warten, bis der Herr eingetroffen ist. Denn kaum hat Gubacca die Wohnung betreten, ist der vorherige Zustand der Böden nur noch eine vage Erinnerung. Eben war hier doch noch sauber. Ein schöner Gedanke. Kurz. Aber schön. Natürlich bemühe ich mich immer, mit einem sauberen Hund anzukommen. Das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich festhalten. Ich bin stets bemüht. Und wir wissen alle, was das bedeutet. Beim Aussteigen aus dem Auto sieht Gubacca meistens noch ganz ordentlich aus. Ein bisschen zersauselt vielleicht, aber vorzeigbar. Besuchstauglich. Der war gerade draußen, ja. Aber es ist noch im Rahmen.

Dann macht er drei Schritte durch den Flur. Drei. Und irgendwo aus den Tiefen seines Fells rieselt ein kleines Biotop. Etwas Grünzeug hier, ein trockenes Hälmchen dort, ein bisschen Waldboden für die Atmosphäre. Als hätte er unterwegs beschlossen, der Familie ein Stück Natur mitzubringen. Sehr aufmerksam eigentlich. Kaum angekommen, muss selbstverständlich auch sofort getrunken werden. Denn Wasser schmeckt woanders bekanntlich besser. Das ist ein Naturgesetz. Direkt danach tropft das Bärtchen noch einmal quer durch den Raum, damit auch wirklich alle merken: Der Gast ist da.

Und das macht er natürlich nicht nur bei anderen. Das macht er auch bei uns. Was mich zu meiner Einrichtung bringt. Ich liebe helle Räume. Naturtöne. Holz. Körbe. Ruhige Farben. Diesen warmen Boho-Stil, der für mich nach Meer, Leichtigkeit und ein bisschen Urlaub im Alltag aussieht. Nicht perfekt, nicht steif, sondern hell, gemütlich und entspannt. Genau diese Mischung, bei der man kurz vergisst, dass man einen langhaarigen Hund hat.

Die Realität holt mich regelmäßig schnell wieder ein, denn ich wohne mit einem Hund zusammen, dessen Fell draußen offenbar auf Magnetbetrieb läuft. Alles, was unterwegs nicht festgewachsen ist, kommt mit nach Hause. Meine Liebe zu heller Einrichtung ist also keine Stilfrage. Sie ist ein Risikosport.

Vor Kurzem standen der Göttergatte und ich im Möbelhaus. Wir wollten eigentlich nur mal schauen. Das sagt man ja gern so, kurz bevor man Dinge kauft, von denen man bis dahin noch gar nicht wusste, dass man sie unbedingt braucht. Und dann lag er da. Ein Traum in hellbeige. Hell, weich, ein bisschen wie Urlaub für die Füße. Genau dieser Teppich, der einem zuflüstert:„Mit mir sieht dein Wohnzimmer aus wie aus einem Wohnmagazin. Also zumindest aus einem, in dem keine Hunde leben.“ Ich war verliebt.

Der Göttergatte sah den Teppich. Dann sah er mich an. Dann dachte er vermutlich an Gubacca. „Meinst du, das macht Sinn mit Gubacca?“ Eine berechtigte Frage. Leider.

Denn in diesem Moment trafen zwei Kräfte aufeinander, die in etwa gleich stark sind: mein Wunschdenken und die harte Realität. Die harte Realität sagte: „Du hast einen langhaarigen Hund mit Bart, Pfoten und einem beeindruckenden Talent, draußen nach innen zu tragen.“ Mein Wunschdenken sagte: „Aber der Teppich ist so schön.“

Und wie das mit Wunschdenken nun mal ist: Es kennt die Fakten, nimmt sie zur Kenntnis und schiebt sie dann sehr elegant zur Seite. Ich begann also, mir die Fakten schönzureden. Gubacca geht ja nie aufs Sofa. Das stimmt tatsächlich. Also zumindest im Wohnzimmer. Im Arbeitszimmer ist das eine andere Geschichte, aber darüber breiten wir heute den Mantel des Schweigens. Einen hellbeigen natürlich. Außerdem liegt Gubacca gar nicht so gern auf Teppichen. Auch das war bisher richtig. Meistens kommt er abends kurz ins Wohnzimmer, lässt sich kraulen, nimmt die Huldigung entgegen und verschwindet dann wieder auf den kühlen Boden. Der Herr bevorzugt klare Temperaturen und strategisch günstige Liegeplätze.

Und nach Spaziergängen verlasse ich mich ohnehin nicht auf diesen sagenumwobenen Selbstreinigungsprozess, von dem manche Hundehalter sprechen. Bei Gubacca funktioniert der nur sehr eingeschränkt. Also eigentlich gar nicht. Wenn Gubacca dreckige Pfoten hat, dann bleiben sie dreckig, bis ich etwas dagegen unternehme. Von allein passiert da wenig. Außer dass sich die Spuren gleichmäßig im Haus verteilen. Deshalb gibt es bei uns die Pfotendusche. Keine Wellness, eher Katastrophenschutz.

So stand ich also im Möbelhaus und argumentierte innerlich wie eine Anwältin für beige Textilien. Er liegt nicht auf Teppichen. Er geht nicht aufs Sofa. Ich wasche ihm die Pfoten. Wir schaffen das.

Der Göttergatte blieb skeptisch. Ich blieb optimistisch. Und eine Woche später zog der hellbeige Boho-Traum bei uns ein. Er wurde ausgerollt. Er lag da. Wunderschön. Hell. Weich. Für einen kurzen Moment sah alles genauso aus, wie ich es mir im Möbelhaus vorgestellt hatte. Und dann kam Gubacca.

Er betrat das Wohnzimmer, sah den Teppich und traf eine Entscheidung.Sucht man Gubacca, muss man nicht lange überlegen. Man schaut einfach ins Wohnzimmer. Dort liegt er. Lang ausgestreckt. Tiefenentspannt. Mitten auf dem hellbeigen Boho-Traum. Als hätte er nie etwas anderes gewollt.

Kein kurzer Besuch. Kein „ich lasse mich mal eben kraulen und gehe dann wieder“. Nein. Der Hund wohnt jetzt dort. Es war Liebe auf den ersten Blick. Oder besser gesagt: Liebe auf den ersten Fellabdruck.

Ich gebe zu, ich war überrascht. Nicht, weil Gubacca schöne Dinge erkennt. Das kann er. Er hat schließlich Geschmack. Er hat mich als Frauchen ausgesucht, da wollen wir mal nicht kleinlich sein. Aber dass ausgerechnet dieser Hund, der Teppiche sonst eher wie dekorative Umwege behandelt, plötzlich seinen inneren Wohnblogger entdeckt, kam unerwartet.

Vielleicht fühlt er sich dort besonders gut in Szene gesetzt. Vielleicht harmoniert sein Fell mit Beige. Vielleicht hat er auch nur gemerkt, dass dieser Teppich genau die richtige Bühne für einen Rüden ist, der weiß, wie man Räume betritt und anschließend übernimmt.

Seitdem liege ich gedanklich auf der Lauer. Nicht wegen Gubacca. Wegen des Teppichs. Wie lange hält so ein hellbeiger Boho-Traum dem echten Leben stand? Wie viele Spaziergänge, Bärtchentropfen, Pfotenabdrücke, Krümel, Fellflusen und kleine Naturgeschenke verkraftet er? Und vor allem: Wird er irgendwann noch hellbeige sein oder diese ganz eigene Farbe annehmen, die man nur kennt, wenn man mit Hund lebt?

Wir wissen es nicht. Noch ist alles gut. Noch rede ich mir ein, dass das eine stabile Beziehung werden kann. Der Teppich und Gubacca. Gubacca und der Teppich. Zwei, die sich gesucht und offensichtlich gefunden haben. Ob die Liebe zweiseitig ist, bleibt allerdings offen. Gubacca wirkt sehr glücklich. Der Teppich sagt nichts. Was vermutlich besser ist.

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