Erfahrungsbericht: Muss man für ein betreutes Hundewandern einen pflegeleichten Hund haben?

Oktober 16, 2020

Ein bisschen  neidisch war ich ja, als mir meine Freundin Regine erzählte, dass sie eine Woche "Wandern mit Hund"  im Westallgäu gebucht hatte. Ich würde mich das mit Gubacca nicht trauen. Alleine die Vorstellung, dass große unkastrierte Rüden in der Wandergruppe dabei sind, löst bei mir doch ein bisschen "Schnappatmung aus. Da bewundere ich Regine für ihren Mut. Ich habe Amie als sehr bellfreudige Schafpudelhündin kennengelernt, die im "Handling" nicht immer ganz einfach ist. Aber Regine machte sich im Vorfeld überhaupt keine Sorgen, ob Amie mit so vielen Hunden klar kommen oder die vielen neuen Situationen meistern würde. Sie sah es für sich eher als eine tolle Chance, sich den Problemen zu stellen.Toll! Das ist die richtige Einstellung und ich war sehr neugierig wie die Woche verlaufen ist.

Betreutes Hundewandern im Westallgäu 
Ein Erfahrungsbericht von Regine

Wangen im Allgäu, 16 Uhr. Vor einem Eiscafé stehen zwölf Menschen auf dem Marktplatz und schlecken ihr Eis aus dem Waffelhörnchen oder dem Pappbecher. Um sie herum stehen, sitzen oder liegen zwölf Hunde. Die Hunde lassen sich weder von Passanten, die die Gruppe ansprechen, noch von dem Dackel im Café nebenan, der sich lautstark mit einem vorbeilaufenden Schäferhund fetzt, beeindrucken. Keiner der Hunde rührt sich. Auch Amie nicht, worüber ich mich besonders freue, denn mein Schafpudelmädchen ist sonst aus 100% Pöbeline. Bisher habe ich mich deshalb nur selten mit ihr in einen Biergarten, Eisdiele oder Restaurant gewagt. Aber zurück zum Anfang. Durch meine Freundin wurde ich auf die Homepage einer Hundetrainerin aufmerksam. die u. a. eine 6-tägige Lern- Erlebnis- und Genusswanderwoche anbietet. Eine Mischung aus Hundeschule, betreutem Spazierengehen und leckeren kulinarischen Versuchungen. Das klang super. Kurzfristig konnten wir noch buchen.




Gleich nach unserer Ankunft stellte sich Amie erst einmal sämtlichen Bewohnern von Amtzell lautstark vor: Wir kamen an einer kleinen Kuhwiese zwischen den Häusern vorbei. Amie bellte wie verrückt, was die Kühe veranlasste, sich das komische Fellmonster mal genauer anzusehen. Je näher die Kühe an den Zaun kamen, desto lauter wurde Amie. Die Anwohner versammelten sich auf den Balkons oder klebten wie die Garfield-Auto-Schattenspender an den Fensterscheiben. Auf jeden Fall war es mir mal wieder grottenpeinlich, dass ich sie nicht beruhigen konnte und ein vielversprechender Einstieg in unsere Wanderwoche… Am nächsten Tag ging der offizielle Teil am frühen Nachmittag los. Die Gruppe bestand aus 10 Menschen und 10 Hunden. Der jüngste Hund war Fee, eine 15 Monate alte Lagotto Romagnolo Hündin, die Älteste war die 13-jährige Akira, ein Gordon Setter. Sie gehörte zu einem Zweierteam mit Holly, einem scheuen Boxer-Schäferhund-Mix aus dem Tierheim. Die kleinste Hündin war Sunny, eine franzözische Bulldoge. Die größten Hunde waren die Wurfgeschwister Benno und Missy, ein Mix aus Labrador und Landseer. Außerdem waren noch Juli, eine Labbi-Dalmatiner Hündin und Sammy, ein Appenzeller-Berner Sennenhund-Mix aus Österreich sowie Amies Freund Finn, ein Spinone Italiano, dabei.



Wir bekamen sehr schöne Namensschilder aus Leder in Hundesilhouette, auf denen unser Vorname und der Name des Hundes stand, umgehängt. Eine schöne Idee - so kam man schneller ins Gespräch und die Hemmschwelle war niedriger, die anderen Teilnehmer anzusprechen. Gleich zu Beginn war Amie sehr unruhig und sie bellte viel. Die Trainerin gab mir darauf den Tipp, es einfach mal damit zu versuchen, mich auf die Leine zu stellen und Amie zu ignorieren. Ich weiß nicht, für wenn die Situation schwerer auszuhalten war. Einmal erwischte ich mich, dass ich doch nach unten schaute, als sie wieder kläffte. Später sagte mir Petra, die Trainerin, dass ich fünfmal (!) zu Amie gesehen hätte. Soviel zum Thema Selbstwahrnehmung – Fremdwahrnehmung. Aber ich war fasziniert, dass Amie allein durch das (fast komplette) Ignorieren zum Schweigen gebracht werden konnte.

Auf einer nahegelegenen Wiese konnten die Hunde sich dann im Freilauf kennenlernen und wir stellten uns und unsere Hunde ausführlicher vor. Abends stand dann ein gemeinsamer Restaurantbesuch auf dem Programm. Es konnten nicht alle Hunde mit ins Restaurant, das war mir nicht unlieb, denn ich traute mich noch nicht, Amie mitzunehmen und ließ sie lieber im Auto warten. Es war nicht zu warm draußen und so konnte sie auch noch einmal die vielen Eindrücke verarbeiten und ich entspannt den Abend genießen.





Zu dem Hundeschule-Team gehörten auch Sabine mit Dackel Bubi und Erika mit Labbi-Vizsla-Mix Gonzo, die uns oft begleiteten. Ab und an durfte auch Linus, ein heller Labbi aus der Nachbarschaft mitlaufen. Die Tage begannen vormittags mit einem anderthalbstündigen Hundetraining. Petra erklärte uns immer sehr plastisch in ihrer Allgäuer Mundart, wie unsere Aktionen wohl gerade bei den Hunden ankommen. Sie spiegelte unser Verhalten und dadurch wurden mir auch gleich ein paar Dinge bewusst, die ich oft bei Amie falsch mache. Anschließend folgte ein gemeinsames Vesper mit sehr leckeren lokalen Brot-, Käse- und Wurstspezialitäten. Dann folgte eine Pause.

Nachmittags trafen wir uns gegen 15 Uhr zu einem gemeinsamen Spaziergang in dieser wunderbaren Landschaft. Wo immer es ging, liefen die Hunde frei. Besonders toll fanden sie es, an und in dem Flüsschen Argen zu laufen. Ich fand es sehr entspannend, jemanden Ortskundigen dabei zu haben. Daher musste ich nicht fürchten, dass gleich plötzlich eine Landstraße kreuzt oder wir unvermittelt mitten in einer Kuhherde stehen. So kam es auch, dass ich mir keine Sorgen machte, wenn Amie mal vorne weg lief und ich weiter hinten war und sie für einen Moment nicht sehen konnte. Sie kam immer wieder nach hinten, um nach einem Blickkontakt mit mir wieder nach vorn zu laufen. Das bedeutet aber keinesfalls, dass ich mich nicht mehr für meinen Hund verantwortlich gefühlt hätte. Im Falle eines Falles hätte ich sie rufen können. Beruhigenderweise funktioniert Amie im Rückruf schon seit langem erste Sahne. Während der Spaziergänge gab es immer sehr nette und interessante Gespräche mit den anderen Hundebesitzern. Petra lief mal hier mal dort mit und gab immer wieder hilfreiche Tipps. 
 



Ab dem zweiten Tag folgte ein Altweiber-Sommer aus dem Bilderbuch und wir konnten fortan immer mit allen Hunden in schönen Biergärten draußen sitzen. Alle Hunde - auch meine Amie - waren brav und das Essen durchweg mega-lecker. Die entspannte nette Atmosphäre - die anderen Hunde, die ruhig neben den Tischen lagen und die vielen Tipps von Petra zeigten Wirkung bei uns beiden. Überhaupt fühlte ich mich in der gesamten Woche sehr gut von Petra und ihrem Team betreut. Bei einem der Spaziergänge setzte sich einer der Hunde auf ein Erdwespennest. Die aufgescheuchten Erdwespen stachen leider auch zwei Hunde. Finn, der Hund meiner Freundin, wurde unterhalb der Rute gestochen und schlurfte mit hängendem Kopf und eingeklemmter Rute weiter. Er wurde aber sofort mit Apis Mellifica Globuli behandelt und schon kurze Zeit später war sein Leid vergessen. Den Stachel konnten wir später finden und entfernen. Sunny hingegen legte sich plötzlich hin und begann zu zittern, ihr half ein Antihistaminikum aber rasch wieder auf die Beine. Petra war für alle Situationen bestens vorbereitet. Alternativ hätte die Möglichkeit bestanden, dass Sabine (sie war diesmal nicht dabei), die Hunde samt Haltern mit dem Auto abgeholt und zum Tierarzt gefahren hätte. Auch in dieser Hinsicht fühlte ich mich gut aufgehoben.

Gegen Ende der Woche sollte die 13-jährige Akira mal eine Pause haben. Auch das war kein Problem, sie blieb den Nachmittag bei Sabine und stattdessen begleitete uns Sabines Dackel Bubi. An einem Trainingsvormittag sollten wir u. a. die Hunde davon abhalten, ausgelegte Leckereien wie Frikadellchen, Putenbrust usw. zu fressen. Klappte erstaunlich gut. Dann holten wir uns ein Leckerchen bei Petra ab und brachten sie aber nicht unserem Hund, sondern einem anderen Hund. Die Gesichter unserer Hunde hätte ich zu gern fotografiert! Es sah nach Erstaunen, Entrüstung und schierem Entsetzen aus, aber keiner der Hunde machte auch nur den Ansatz, sich von seinem Platz wegzubewegen! Ich war super stolz auf Amie!


Seit dem dritten Tag gelang es mir übrigens, mit Amie das Haus mucksmäuschenstill zu verlassen. Sie bellte auf der Straße auch keine Autos mit Hänger, wie sonst üblich, an. Im Lauf der Woche konnte ich dank Petras Unterstützung mit Amie geräuschlos an einer Kuhweide vorbeigehen und auch badende Pferde in der Argen oder ein Pferdewagen im Wald wurden nur beguckt, aber nicht mehr angebellt. Auf die Lamas bei einem Bauernhof reagierte sie ebenfalls völlig gelassen. Viel zu schnell war diese tolle Woche dann auch schon wieder zu Ende und am letzten Tag fiel die morgendliche Jause zugunsten eines Picknicks aus. Abends kochten Petra und Erika für uns fantastische Käsespätzle und Petra gab jedem einzelnen eine persönliche Einschätzung über Entwicklungen während der Woche. Wir alle erklärten Petra unisono unsere Zufriedenheit mit dem gesamten Ablauf der Woche.

Seit der Wanderwoche habe ich mich oft gefragt, wie diese tollen Veränderungen und Fortschritte innerhalb von einer Woche gelingen konnten. Petra hat keine eigene, völlig neue Methode, sondern sie bedient sich durchaus gängiger Techniken, die sie dank ihrer feinen Beobachtungsgabe individuell auf das jeweilige Mensch-Hunde-Team abstimmt. Es verhält sich wohl so, wie bei ihren selbstgekochten Käsespätzle: sie verwendet auch keine anderen Zutaten als andere, versteht es aber, dass ihre Spätzle nicht nur sagenhaft gut schmecken, sondern auch nicht schwer im Magen liegen. Ein weiterer Faktor sind gewiss die souveränen Hunde in der Gruppe, von denen Amie sich etliche Verhaltensweisen abgucken konnte. Aber eigentlich war ich diejenige, die am meisten gelernt hat. In vielen Dingen war ich schon auf dem richtigen Weg in Bezug auf meine Kommunikation mit Amie, aber offenbar immer wieder zu zaghaft in der Umsetzung. Petra lehrte mich, wie ich durchsetzungsfreudiger sein kann. 
 

Und zuhause? Am Mittwoch fragten sich unsere Nachbarn, wann wir denn zurückkämen, man hört ja nix. Dabei waren wir schon seit Sonntagabend wieder daheim *grins*. Mein persönliches Fazit nach dieser Woche ist, dass man sich auch mit einem nicht ganz so pflegeleichten Hund trauen sollte, an so einem Gruppenurlaub teilzunehmen. Wir haben in dieser Woche extrem viel für uns mitnehmen können. Wann hat eine Hundetrainerin schon die Möglichkeit, einen Hund und vor allem das Frauchen in so vielen Alltagssituationen beobachten und schulen zu können? Wir planen, im nächsten Sommer wieder einen Wanderurlaub mit Amie bei Petra zu buchen. Bei der Leinenführigkeit ist noch viel Luft nach oben... Und bis dahin arbeiten wir mit den vielen Tipps und Anregungen zum Thema „Bell-Amie“ fleißig zu Hause weiter.


Liebe Grüße
Regine


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Danke Regine, für deinen offenen und ehrlichen Erfahrungsbericht. Ich bin sicher, damit machst du vielen Mut, die sich das bisher nicht getraut haben. Man muss keinen "easy going" Hund haben. Ich freue mich riesig, dass du und Amie durch die gemeinsame Woche so viel für euch mitnehmen konntet. Ihr seid ein tolles Team und du kannst echt stolz auf euch beide sein!

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1 Kommentare

  1. Das ist ein spannender Bericht. Bei der Gruppe hätte ich mich aber tatsächlich mit Leona nicht getraut. Sie hätte sich mit so vielen großen Hunden einfach nicht wohl gefühlt.
    Liebe Grüße
    Auenländerin

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Liebe Grüße
Bine & Gubacca